"Superspade Versus The Rednecks"

    27. Oktober 2011, 16:52
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    Sidney Poitiers frühe Filme bleiben hochaktuelle Denkanstöße in der Auseinandersetzung mit den Konflikten einer multikulturellen Gesellschaft

    Als Sidney Poitier 1967 im Film "In the Heat of the Night"/"In der Hitze der Nacht" eine Ohrfeige einstecken muss und sofort zurückschlägt, bringt er ein Massenpublikum zum nachdenken. Im preisgekrönten Spielfilm wird der galant wirkende Polizist Virgil Tibbs, gespielt von Poitier, zunächst unter einem rassistischen Vorwand durch den Cop William Gillespie in die Mangel genommen. Als Gillespie bemerkt, dass Tibbs auch Polizist ist, wird er auf einen Mord in Sparta, Mississippi angesetzt. Anhand dieses Plots arbeitet Regisseur Norman Jewison die rassistischen Vorurteile, der Bewohner der Kleinstadt Sparta gegenüber dem schwarzen Polizisten schrittweise auf.

    Der "Superspade"

    Tibbs, der als Kriminaldetektiv in Philadelphia arbeitet, soll den Mord aufklären. Vom Polizeichef Gillespie wird er jedoch nicht ernst genommen und das erschwert die Ermittlungen zunehmend. Hinzu kommt, dass alle Farbigen in der Gegend in Holzbaracken leben und als Schwerstarbeiter und Knechte auf Baumwollplantagen ihr Dasein fristen.  Der smarte Kriminologe, der im Film durchgehend auf seine Hautfarbe festgenagelt wird, passt nicht in dieses stereotype Schwarz-Weiss-Bild hinein.

    "In der Hitze der Nacht", schildert die amerikanische Realität der Sechzigerjahre ohne die übliche sozialromantik der Hollywoodfilme der damaligen Zeit. Die Ohrfeige, die Tibbs vom Plantagen-Besitzer Endicott verpasst bekommt, und seine prompte Gegenreaktion darauf, sorgte für einen regelrechten Aufschrei in den Kinos. Viele Filmkritiker verstanden darin, einen Ausbruch aus Poitiers eigener Kontrolliertheit. Andere deuteten auf eine filmische Genugtuung hin, die mit der Wut vieler Schwarzer auf die seinerzeit gesellschaftlichen Verhältnisse gleichzusetzen war. Kommentatoren verpassten dem Film den inoffiziellen Titel "Superspade versus The Rednecks". Der Begriff "Superspade" steht seit 1900 für überragende Leistungen von Afro-Amerikanern in den unterschiedlichsten Bereichen. Neben Poitier wurden etwa auch Jesse Owens, Muhammad Ali oder Jimi Hendrix so bezeichnet.

    Amerikanische Klischées

    Der politisch aktive Darsteller Sidney Poitier, setzte sich in seinen Rollen für die Gleichberechtigung von Minderheiten im Allgemeinen und der Rechte der Schwarzen im Besonderen ein. Dabei distanzierte er sich von der oftmals verwendeten idyllischen Darstellung der amerikanischen Gesellschaft in den großen Hollywood-Filmen.

    Die Vorgängergenerationen von schwarzen Schauspielern, die ausdrücklich in Nebenrollen in Erscheinung traten, stellten bis zu Poitiers Leinwandpräsenz, stark verzerrte Bilder von Afro-Amerikanern dar. Der Schauspieler und Entertainer Stepin Fetchit - der in den 30ern und 1940ern wirkte - gilt als bekanntestes Beispiel dafür. Er spielte in kleinen Nebenrollen, den faulen, ungebildeten Schwarzen, der lustige Sätze murmelte und sich singend und tanzend auf der Bühne fortbewegte. Dieser Bruch mit den damaligen gängigen Klischée-Rollen in US-Filmen, wurde in den 1950ern durch Poitiers Kassenschlager ein Ende gesetzt. In den kommenden zwei Jahrzehnten entwickelte er sich zu einer Ikone der Traumfabrik Hollywood - in der er jedoch nach wie vor als Außenseiter galt.

    Sprachbarrieren und Anlaufschwierigkeiten

    Seine Jugendzeit verbringt Poitier auf Cat Island, einer Insel der Bahamas. Er wächst unter ärmlichen Verhältnissen auf, kann kaum lesen und schreiben. Nach dem Militär beschließt er in das turbulente New Yorker Stadtviertel Harlem zu ziehen und bewirbt sich nach ersten Anlaufschwierigkeiten beim "American Negro Theatre". Im Theater lernt er seinen langjährigen Weggefährten Harry Belafonte kennen, der ihm nebenbei Hilft seine Aussprache zu verbessern.

    Vorurteilsfrei nach Amerika

    Aufgrund seiner unbekümmerten Jungendzeit auf den Bahamas, bekommt der Schauspieler wenig von Diskriminierung und Ungleichheit zu spüren. Mit diesem Selbstbewusstsein - das vielen Minderheiten in Amerika aufgrund der vorbelasteten historischen Begebenheiten fehlte - konnte er die Dinge anders angehen. Er war gegenüber der "weißen Bevölkerung" offener eingestellt und in seiner Identität selbstbewusster, erinnert sich Poitier in einem Interview.

    Doch die unruhige politische Situation im Land holt auch ihn ein. Während der ethnischen Ausschreitungen in Detroit und Newark in den 1960ern, wird er um Äußerungen gebeten, die ihn auf seine Hautfarbe beschränken. Vor diesem Hintergrund waren Poitiers Rollen stets politisch und realitätsnah, da sie auf filmische Art zeigten, an was es in der amerikanischen Gesellschaft mangelte.

    Heiraten verboten

    Im Film "Guess Who´s Coming to Dinner" spielt Poitier - unter der Regie von Stanley Kramer - einen angesehenen Wissenschaftler, der sich im Urlaub in Joanna Drayton verliebt. Die beiden möchten heiraten. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Films 1967, war diese Frage von hoher Brisanz - in 12 amerikanischen Südstaaten waren interkulturelle Ehen noch immer gesetzlich verboten.

    John Prentice, gespielt von Sidney Poitier wird von Joanna in ihr elterliches Haus nach San Francisco eingeladen, dort sollen sich alle beim Abendessen kennenlernen. Die beiden Eltern, die im Film als gut situierte Liberale dargestellt werden, sind vom Heiratswunsch ihrer Tochter vorerst geschockt. Ihre liberale Fassade beginnt zu bröckeln. Auch die Eltern von John, die am Abend zum Dinner erscheinen, sind skeptisch und versuchen ihren Sohn davon abzubringen. Die Vorurteile und Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft spiegeln sich in den häuslichen Szenen der beiden Familien wider .

    Konflikte von Morgen

    Dieses von Poitier oftmals dargestellte Muster von zwischenmenschlichen Beziehungen sind in Filmen wie "No Way Out", "To Sir, With Love" oder "A Patch of Blue" ausführlich durchleutet worden. Der Star der Massen, schaffte es in seiner langen Filmkarriere, die Zuseher mit guten Geschichten und brisanten gesellschaftlichen Themen, die sich im Laufe der nächsten Jahre als wegweisend entpuppen sollten, zu fesseln. Themen wie Rassismus, Gleichbehandlung und Toleranz, stehen gegenwärtig stärker den je zur Debatte. Poitiers-Filme bleiben hochaktuelle Denkanstöße in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konflikten von morgen. (Toumaj Khakpour, daStandard.at, 28. Oktober 2011)

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      2009 bekam Poitier die Freiheitsmedaille (Medal of Freedom) verliehen. Es ist die höchste zivile Ehrung, die der amerikanische Staat zu vergeben hat.

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