Ausg'steckt ist

27. Oktober 2011, 17:17
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Das französische Elektronikduo Justice veröffentlicht eines der schlechtesten Alben aller Zeiten

Im Leben jedes Menschen kommt der Moment, in dem sich entscheidet, ob es immer so weitergehen soll wie bisher oder man doch lieber versucht, sich neu zu orientieren. Eine wunderbare Möglichkeit, sein Ausgeh- und Hörverhalten zu überdenken, bietet das neue Album des französischen Elektronik-Duos Justice.

Gaspard Augé und Xavier de Rosnay zählen dank ihres vor vier Jahren veröffentlichten Debüts im Zeichen des auf der Bühne und im Album-Artwork verwendeten Neonkreuzes und einem beherzten musikalischen Haudraufundschluss-Ansatzes zu den wesentlichsten Sachwaltern des Dancefloors, wenn es darum geht, dickhosige Rockismen mit einfach gedeutetem House zu kombinieren. Das freute vor vier Jahren nicht nur betrunkene britische Sozialhilfeempfänger auf Ibiza. Es lud diese dazu ein, sich ihrer T-Shirts während Schaumbad-Open-air-Discos zu entledigen. Justice remixten sich mit ihren konsens-fadesken Neudeutungen alter MTV-Schmonzetten zwischen Justin Timberlake und Britney Spears auch in die erste Liga des Mickey-Mouse-Pop.

Heuer wurde es besonders lustig. Von den insbesondere wegen ihrer Live-Qualitäten gelobten Justice tauchten im Internet Fotos auf, die das Duo zeigten, wie sie an einer Gerätschaft zugange waren, die nicht einmal mit dem Mischpult verkabelt war. Ein Heuler in den Social Medias. Justice hatten alle Lacher. Aber nicht auf ihrer Seite.

Das neue Album Audio, Video, Disco setzt der alten Stumpfheit zwischen Rock und Bauerndisco zwar keine neue Krone auf. Justice haben jetzt allerdings im Sinne der alten britischen Rockklischeeverarschung Spinal Tap auch noch den üblen Progressive Rock der 70er-Jahre entdeckt. Das führt neben billigen Gefängnistätowierungen auch dazu, dass auf Tracks wie Civilization, Parade oder Brianvision eine Gitarre jodelt wie sie einst Pudelkönig Brian May bei Queen bediente. Chorgesänge erklingen, die Hippiestämme wie Crosby, Stills, Nash & Young etwa im Falle des Stücks Ohio aussehen lassen wie alte Punks.

Dazu gesellt sich neben einem elektronisch generierten Rhythmus mit dem Vorschlaghammer verhalltes Riff-Geloope aus der Schule von The Who zu Zeiten von Won't Get Fooled Again. Querflöten werden aus Keyboard-Manuals gequetscht. Der Sänger von Foreigner schaut als Avatar vorbei. Hall & Oates treffen auf. Peter Gabriel gibt den Jahrmarktschreier. Grand Funk Railroad funken bis zum Untergang ins Weltall kilometerlang. Haben wir noch eine absolut schlimme Band vergessen? Entschuldigung, Toto in der Tanzhütte wären auch noch zu erwähnen.

Falls es die Absicht war, dass Justice mit Audio, Video, Disco das mindestens heuer schlimmste Album aller Zeiten zu veröffentlichen, ist das den zwei Franzosen locker gelungen. So deprimierend wie die Verschränkung von Pink-Floyd-Keyboards mit Hühnerbrustgesang und abgestoppten Rhythmusgitarren über dem Titelstück kann Pop nicht mehr werden. Hätte man in dieser Zeitung Platz, mit einer zwischen null und zehn Sternen als Wertung fungierenden Tabelle darauf hinzuweisen, dass diese Leute absoluten Bockmist produzieren, vielleicht hätte es etwas genutzt. So liefern Justice laut FM4 das Album der Woche ab. Es ist zum Heulen.  (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2011)

 

  • Justice - Audio, Video, Disco (Warner)
    foto: warner

    Justice - Audio, Video, Disco (Warner)

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