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"Zum Ausbau der Speicher gibt es keine Alternative"

31. Oktober 2011, 15:35

Kelag-Vorstandssprecher Hermann Egger sieht neue ökonomische Herausforderungen für die E-Wirtschaft

In den vergangenen ein bis zwei Jahren haben wir sehr rasche und umfassende Veränderungen der Energiewelt erlebt - von der Finanzkrise in die Wirtschaftskrise zur Hochkonjunktur und bis hin zum deutschen Atomausstieg. Was bedeutet das für die österreichische E-Wirtschaft?

Hermann Egger: Tatsächlich ist die Situation derzeit so, dass sich das Rad immer schneller dreht - und wir sind in immer kürzeren Abständen mit neuen Bedingungen konfrontiert. Das macht die Arbeit nicht einfacher. Am gefährlichsten wäre es aber, wenn man versuchen wollte Strategien tagesaktuell umzubauen. Unsere Strategie ist langfristig und setzt vor allem auf erneuerbare Energien und ich bin überzeugt, dass wir, ausgehend von den Eckpfeilern der Klimapolitik und der steigenden Bedeutung erneuerbarer Energien rechtzeitig und zu Recht auch auf diese Energien gesetzt haben. Mit dieser Leitlinie können wir immer tun, was wir einmal als richtig erkannt haben, auch wenn sich das Umfeld zwischenzeitlich verändert.

Aber auch wenn alle sich für den Ausbau der erneuerbaren Energien aussprechen, so gibt es dennoch große Hindernisse.

Hermann Egger: Hier in Kärnten sind wir frühzeitig den Weg gegangen, die Betroffenen schon in frühen Projektphasen zu informieren und einzubinden. Das hat sich sehr positiv ausgewirkt. Man darf nämlich nie glauben, dass die erneuerbaren Energien Selbstläufer sind. Es gibt eine hohe Zielakzeptanz bei der Bevölkerung, aber keine Umsetzungsakzeptanz, wenn es um konkrete Vorhaben geht. Das erzeugt bei einzelnen Projekten dann erbitterten Widerstand.

Woher kommt diese Differenzierung?

Hermann Egger: Da gibt es viele Faktoren. Früher wurden Kraftwerke zentral nahe den Ballungszentren gebaut, nahe am Verbrauch und mit möglichst kurzen Leitungstrassen um die Verluste zu minimieren. Daher gab es weniger direkt Betroffene, und jene, die betroffen waren, erkannten direkt die Bedeutung der Vorhaben. Wenn die Unternehmen heute die neuen Energiestrukturen umsetzen wollen, die wir für unsere Klimapolitik brauchen, dann gibt es immer mehr dezentrale Anlagen, weit weg von den Großverbrauchern. Das ist ein echter Paradigmenwandel und keiner hat sich bisher überlegt, was das bedeutet. Die Dezentralisierung der Stromproduktion und -versorgung bringt nämlich die Probleme direkt in das Nahfeld der Bürger - was insbesondere bei den Leitungen sichtbar wird.

Und wie lässt sich diese Problematik lösen?

Hermann Egger: Die Stunde der Wahrheit wird bald kommen, wenn es gilt, zwischen Energie- und Klimapolitik sowie zwischen Naturschutz und Klimaschutz zu entscheiden. Gesetze sind ja geduldig wie alles Papier, doch hier haben wir einen echten Interessenkonflikt. Im ElWOG wurde das öffentliche Interesse an einer sicheren Versorgung und am Klimaschutz verankert. Mit der künftigen Abwägung der verschiedenen Interessen wird auch der Lackmus-Test dafür kommen, ob die Politik in der Lage sein wird, das volkswirtschaftliche Interesse auch zur Geltung zu bringen.

Seit März dieses Jahres ist die E-Wirtschaft auch noch mit dem deutschen Atomausstieg konfrontiert. Was bedeutet das für die Märkte und die Unternehmen und welche Auswirkungen hat das auf die Kraftwerkspläne im Inland?

Hermann Egger: Aktuell hat sich noch nicht viel geändert, aber der forcierte Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland wird sich auch auf unsere Vorhaben auswirken. Weil immer mehr Solarenergie ins Netz kommt, wird auch der Spread zwischen Peak- und Off- Peak-Strompreisen immer kleiner werden und wir bekommen andererseits immer stärkere Fluktuationen der Erzeugung. Das wirkt sich auch auf das wirtschaftliche Umfeld der Pumpspeicherkraftwerke aus. Die Differenz zwischen Pumpstromeinkauf und dem Verkauf von Spitzenenergie, bisher die Basis der Kalkulation für Pumpspeicher, wird damit geringer. Der bisherige Wälzbetrieb, der mehr oder weniger eine zeitliche Verschiebung des Stromangebots darstellt, wird weniger wichtig und das Angebot an Regelenergie gewinnt an Bedeutung.

Gibt es denn schon Probleme im Netz - immerhin sucht die deutsche Bundesnetzagentur in Österreich Kraftwerkskapazitäten für den Winter?

Hermann Egger: Der Netzbetrieb ist derzeit stabil. Wenn aber immer mehr fluktuierende Energie ins Netz kommt, benötigt man mehr schnell verfügbare Leistung als bisher. Österreich kann das auf Basis erneuerbarer Energien mit seinen Pumpspeichern umsetzen. Das heißt: Die energiewirtschaftliche Planung bleibt gleich, aber die Ökonomie der Anlagen wird schwieriger abzuschätzen.

Beeinträchtigt das die Projekte der österreichischen E-Wirtschaft?

Hermann Egger: Die Modelle sind nicht in Gefahr, aber sie sind zu adaptieren und die Vorhaben sind von der Preisseite her schwerer zu planen als bisher. Was wir tun müssen, ist die Modelle für die wirtschaftliche Bewertung differenzierter einzusetzen. Dazu kommen noch die anderen externen Faktoren, die dazu geführt haben, dass sich zuletzt die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mehrmals dramatisch geändert haben.

Es gibt also keinen Aufschub von Vorhaben?

Hermann Egger: Der Ausbau der Speicher muss gemacht werden, um eine sichere Versorgung garantieren zu können. Dazu gibt es keine Alternativen.

Österreich möchte auf Basis des Energiegipfels vom Sommer 2011 bis 2015 „atomstromfrei" werden. Was bedeutet das für die Vorhaben der E-Wirtschaft?

Hermann Egger: In Europa geht es um eine stabile Versorgung mit Strom einer großen Region. Grob gesagt besteht der Erzeugungsmix im ENTSO-E-Netz aus thermischen Kraftwerken (fossil und nuklear) und Erzeugung aus erneuerbaren Quellen. Knapp 30 Prozent entfallen auf Atomkraftwerke. Solange auch nur ein Atomkraftwerk im Netz ist, und Österreich Strom einkaufen muss, hat man theoretisch auch Atomstrom im heimischen Netz. Will man diese Problematik zumindest bilanziell lösen, muss man Zertifikate kaufen. Das sieht auf den ersten Blick gut aus, aber man bekommt ein ernsthaftes Problem wegen der Kosten, insbesondere wenn erst einmal nicht nur das kleine Österreich, sondern auch große Länder in den Zertifikatskauf einsteigen. Dann ergeben sich massive Probleme im Wettbewerb.

Wie ist der Stand der Projekte in Kärnten?

Hermann Egger: Feldsee II ist seit Anfang dieses Jahres in Betrieb und beim Speicher Koralpe ging die Pumpe im September ans Netz. Im Jänner haben wir das Kraftwerk Gailitz, das drei alte Kleinkraftwerke ersetzt, in Betrieb genommen. Weiters haben wir die Beteiligung am Verbund-Pumpspeicherprojekt Reißeck II, die größte Einzelinvestition der Kelag. Dazu kommen mehrere Kleinkraftwerke im Inland, die im Genehmigungsstadium sind, mit einer Kraftwerksleistung von rund 20 MW insgesamt. Auch in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens sind wir mit Kleinwasserkraftprojekten aktiv.

Um welche Größenordungen geht es insgesamt?

Hermann Egger: Damit haben wir in Summe derzeit Vorhaben mit einer Leistung von 220 MW in Umsetzung, die jährlich 525 Millionen Kilowattstunden liefern werden. In der Projektpipeline sind weitere 360 MW mit einer Jahreserzeugung von 940 Gigawattstunden. Wenn man das in Vergleich mit unserer derzeitigen Eigenerzeugung von 2800 Gigawattstunden setzt, dann bringen uns die genannten Projekte in die Position, dass wir unser gesamtes Absatzportfolio im Jahresmittel durch eigene Erzeugung abdecken werden können, denn wir haben aktuell einen Kundenabsatz von zirka 4000 GWh. Die in der Strategie der Kelag anvisierten 100 Prozent Eigenerzeugung im Jahresmittel könnten wir somit binnen 10 bis 15 Jahren erreichen, wenn die Verfahren inklusive der erforderlichen Netzinvestitionen positiv abgewickelt werden können.

Da darf es aber keine Verbrauchszuwächse geben.

Hermann Egger: Unser Ziel ist es, Zuwächse beim Verbrauch durch Effizienzmaßnahmen abzufangen. Die Industrie hat hier ein großes Interesse und die anderen Kunden hier einzubinden ist eines der wichtigsten Zukunftsprojekte der Kelag. Wir müssen Haushalte und Gewerbe massiv bei ihren Effizienzvorhaben unterstützten und haben deshalb unsere Energieberatung auch schon kräftig aufgestockt.

Mehr Erzeugung bedeutet auch stärkere Netze.

Hermann Egger: Das 110-kV-Netz in Kärnten wurde in den 50er und 60er- Jahren errichtet und ist teilweise am Ende seiner technischen Lebensdauer und an die Kapazitätsgrenzen gestoßen. Wir müssen hier erneuern und die Kapazitäten aufstocken. Zusätzlich muss die kommende dezentrale Erzeugung netztechnisch eingebunden und gesteuert werden. Das heißt: wir brauchen massive Netzinvestitionen im Mittelspannungs- und Niederspannungsnetz. Parallel zum Ausbau der Stromerzeugung auf Basis regenerativer Energieträger muss künftig auch dem dafür erforderlichen Netzausbau vermehrtes Augenmerk geschenkt werden. Der Notwendigkeit des Netzausbaues wird in der derzeitigen Diskussion zu wenig Bedeutung beigemessen.

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  • Prof. Dr. Hermann Egger
    foto: kelag

    Prof. Dr. Hermann Egger

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