Klimasagen aus dem Alpenraum künden von einer Zeit, in der Eiszeiten noch als göttliche Strafe gedeutet wurden
Am Abhang des Hochkönigs im Salzburgerland, der heute von Gletschereis bedeckt ist, erstreckte sich einst eine blühende Alm. Auf saftigen Wiesen und Matten wuchs kniehohes Gras, und in behaglichen Hütten war eine Schar frohgemuter Sennerinnen am Werk. Sie produzierten Butter und Käse in solcher Menge, dass sie kaum nachkamen, diese zu verkaufen. Viel Geld floss in die Taschen dieser Frauen, das machte sie übermütig und verführte sie zu allerhand Schandtaten.
Die Glocken der Kühe mussten aus reinem Silber sein, und die Hörner der Stiere waren mit gediegenem Gold überzogen. Die besten Speisen wurden herbeigeschafft, und edler Wein floss fässerweise. Musikanten und lustige Jägersburschen wurden eingeladen, man durchtanzte ganze Nächte. Die übermütigen Dirnen badeten in Milch, die Wege wurden mit Käselaiben gepflastert und die Fugen dazwischen mit Butter ausgeschmiert.
Als aber einmal ein müder Wanderer vorbeikam und um ein Lager bat, verspotteten ihn die stolzen Sennerinnen und jagten ihn mit den Worten "Der Teufel soll dir Obdach geben" davon.
Da war das Maß voll. Ein fürchterlicher Sturm erhob sich und tobte eine ganze Nacht lang. Vergeblich suchten die Almbewohner zu fliehen, am nächsten Morgen waren sie unter tiefem Schnee und Eis begraben.
Diese Sage von der "Übergossenen Alm" am Hochkönig ist nur eine von vielen ähnlichen im ganzen Alpenbereich. Im Ötztal berichten Erzählungen von der Stadt "Tanneneh", deren Bewohner mit silbernen Löffeln aus goldenen Tellern aßen. Als sie einem alten Bettler die Tür wiesen, rief dieser den Fluch: "Tanneneh, Tanneneh, 's macht an Schnee und apert nimmermeh." Da fing es an zu schneien und schneite viele Tage und Nächte, bis die Stadt tief unter dem Großen Gurgler Ferner, nach einer anderen Überlieferung unter dem Langtauferer Ferner begraben war.
In den Dolomiten sollen unter dem Marmolatagletscher Siedlungen liegen, und auch die Schweiz kennt solche Sagen, über die "Heimalpe" am Großhorn, wo die Hirten zum Takt des bocksfüßigen Teufels dem Tanze frönten, oder über die "Blümlisalp" in den Berner Alpen, wo der Senn mit seiner Magd ein sündhaftes Leben führte, bis ein Eissturz alles unter sich begrub. Die "Blümlisalp" wurde inzwischen namengebend für Untergangssagen, die, wie der Volkskundler Hans Haid in einer Kulturgeschichte der Naturkatastrophen im Alpenraum nachwies, mit gravierenden Klimaveränderungen zusammenhingen. Die jüngste dramatische Klimaverschlechterung in den Alpenregionen war die sogenannte Kleine Eiszeit zwischen 1600 und 1850. Umgekehrt gab es zwischen 6000 und 3000 v. Chr. eine lange Periode, in der die Temperaturen um zwei bis drei Grad über den heutigen lagen und die meisten Gletscher vollständig abschmolzen. In diese Zeit fiel auch der Versuch des "Ötzi", den Alpenhauptkamm zu überqueren. Vereinzelte Siedlungen wie das verschwundene Dörfchen Bricola, eine Dauersiedlung im Schweizer Wallis, reichten damals bis auf über 2400 Meter hinauf.
Da diese Vorstöße und Rückgänge der Gletscher rätselhaft waren, wurden sie in der Frühgeschichte mit dem Einfluss von Geistern gedeutet. Die "Saligen", die im Inneren der Gletscher hausten, hatten Macht über die Menschen einer naturverbundenen Hirtenkultur. Sie beherrschten Kraftplätze und mythische Kreise, wo die Bergbewohner Schutz suchten.
Der Fluch, den die animistischen Berggeister auf die Älpler ausübten, ließ sich ohne weiteres christlich transformieren. Die Sintflut als alttestamentarische Strafe hatte in der alpinen Sagenwelt ihre Entsprechung in der Vereisung des Lebensraumes. Ihr suchte man, etwa in der Kleinen Eiszeit von 1600 bis 1850, durch "Exorzismen" zu begegnen. Gletscherbeschwörungen, Gelübde und Wallfahrten sind belegt. Als im Schweizer Saastal ein Gletschersee auszubrechen drohte, versprachen die Bewohner "auf 40 Jahre hinaus mit dem Tanzen und Spillen aufzuhören" (Haid). Und in einem anderen Teil des Wallis sollen die Frauen gelobt haben, "keine bunte Unterwäsche zu tragen".
Die Sünden, die die Sagen beschwören und denen man angesichts von Katastrophen abzuschwören hatte, hingen eng mit den Lebensumständen zusammen. Das Prassen war besonders sträflich in Bergregionen, wo Nahrung knapp war. Und Sex außerhalb der Normen der Kirche schrie dort, wo die Geistlichen oft weit weg waren, ebenfalls nach Bestrafung.
Bis heute ist das Almleben Gegenstand sexueller Fantasien, und dort, wo Männer monatelang einsam mit dem Vieh hausten, war es nicht verwunderlich, dass sie Ersatzbefriedigung suchten. Hans Haid weist darauf hin, dass in Ötztaler Sagen auch das Thema Sodomie anklingt. Das "Sennentuntschi", eine Sexpuppe, die sich die Almhirten aus Heu bastelten, ist im ganzen Alpenbereich bekannt und fand sogar Eingang in Literatur, Oper und Fernsehen. In der Sage erwacht das Sennentuntschi am Ende des Almsommers zum Leben und bestraft einen Sennen, indem es ihn bei lebendigem Leib häutet. So realistisch können Sagen sein. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/28.10.2011)