Baukunst ist die Kunst des Möglichen

26. Oktober 2011, 23:55
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Führt das Streben nach innovativer Architektur dazu, dass geförderte Wohnungen teurer und weniger brauchbar werden?

Auf einem STANDARD-Wohnsymposium wiesen Architekten und Bauträger den Vorwurf vehement zurück.

Wer alte Baukunst in Wien sucht, wird sie vor allem innerhalb des Rings finden. Auf der Suche nach spannender zeitgenössischer Architektur muss sich man hingegen weiter weg begeben – nach Favoriten, nach Liesing oder in die Donaustadt. Denn während die meisten Wiener Neubauten in Zentrumsnähe enttäuschend konventionell sind, haben in- und ausländische Spitzenarchitekten in den letzten 20 Jahren mithilfe der Wohnbauförderung optisch und funktionell interessante Wohnanlagen in den Außenbezirken errichtet.

Bauträgerwettbewerbe und ein informeller Wettkampf der gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften um die spektakulärsten Anlagen haben gerade im Bereich des Massenwohnbaus eine neue Qualität geschaffen und dabei auch das Stadtbild in vielen Bezirken verändert.

Aber werden hier nicht oft dem Ehrgeiz der Bauträger und dem Ego von Stararchitekten die Bedürfnisse der Bewohner – nämlich praktische Wohnungen zu leistbaren Preisen – geopfert? Die Rolle der Baukunst im Wohnbau stand im Mittelpunkt des 41. STANDARD-Symposiums über die "Zukunft des Wohnens" vergangene Woche im Coop-Himmelb(l)au-Komplex der Privatangestelltengewerkschaft (GPA) im dritten Wiener Bezirk, zu dem neben dem Tagungszentrum Vista3 auch eine Wohnanlage gehört.

Brauchbar oder brilliant

Für die Mehrheit der Vortragenden und Teilnehmer war die Antwort auf diese Frage klar: Der Widerspruch, der im Veranstaltungstitel "Brauchbar oder brillant" angedeutet wurde, sei gar keiner. Denn die Qualität moderner Architektur liege nicht in optischem Schnickschnack, sondern in der höchstmöglichen Funktionalität.

Am vehementesten vertrat die Architektin Bettina Götz, deren Büro Artec gerade mit den "Bremer Stadtmusikanten" in Wien-Kagran eine der herausragenden Wohnanlagen der jüngsten Zeit errichtet hat, diese Haltung. Das Ziel eines guten Architekten sei es nicht, möglichst viele Schnörkseln anzubringen, sondern eine gestellte Aufgabe zu erfüllen. "Das Begriffspaar 'brauchbar' und 'brillant' muss immer gemeinsam vorkommen", kritisierte Götz den Titel des Symposiums heftig. "Die wohnbautypologische Brauchbarkeit ist das Gegenteil der Fassadenkosmetik." Auch an den steigenden Kosten, dem derzeit größten Problem im Wohnbau, trage die Architektur keinen Anteil.

Karl-Heinz Stadler, dessen Baugenossenschaft Neues Leben die "Bremer Stadtmusikanten" errichtet hat, sieht ebenfalls keinen Widerspruch zwischen Kunst und Praxis. Wie in vielen anderen neuen Wohnanlagen sei es ihnen gelungen, die Kosten im Durchschnittsbereich des geförderten Wohnbaus zu halten. Allerdings räumt auch Stadler ein, dass moderne Architektur nicht jedermanns Sache sei. "So eine Architektur polarisiert, zwischen Zustimmung und Ablehnung gibt es kaum einen freien Raum."

Alle sind ein wenig schuld

Doch für die Bauträger sei es immer schwerer, sich dem Kostendruck zu entziehen, klagt Markus Sturm vom Bauträger "Die Salzburg". Und daran seien alle ein wenig schuld – neben der Politik, den vielen gesetzlichen Vorgaben und den steigenden Grundstückpreisen auch die Architekten selbst, relativierte er die Aussage von Götz. "Wenn wir weiterhin leistbares Wohnen haben wollen, dann müssen wir alle gemeinsam diskutieren und nicht sagen, die anderen sind schuld."

Für Dietmar Steiner, den Leiter des Architekturzentrums Wien, sind die gesetzlichen Auflagen die größte Herausforderung für den Wohnbau. "Ein künstlerischer Anspruch hat heute nichts mit Form und Gestaltung zu tun, sondern mit dem kreativen Zugang zum Korsett, das Bauordnung, Förderungen und Baupolizei schaffen. Baukunst heißt, unter diesen Bedingungen etwas Brauchbares zu realisieren."

Der Tagung ging ein zweitägiger Praxis-Check der Wohnen-Plus-Akademie voran, in dem einige der besten Beispiele für gelungene Wohnbauarchitektur in Wien besucht wurden. Da wurden auch einige Schwachpunkte angemerkt, etwa Gemeinschaftsräume, die kaum genützt werden und deshalb dem Vandalismus anheimzufallen drohen. Und Dieter Wurmbrand, Mietervertreter im Wohnhaus neben dem Vista3, erzählte, dass die Wohnzufriedenheit im Coop-Himmelb(l)au-Design zwar hoch sei und auch die Gemeinschaftsräume regelmäßig genutzt werden. Aber bei den Fenstern auf den Schrägfassaden seien etwa durch eine schleißige Ausführung sehr wohl Probleme aufgetreten: "Was die Architektur hier entworfen hat, konnte von der ausführenden Firma nicht wie gewünscht umgesetzt werden."

In der Debatte der Politiker betonten der Vorarlberger Landesrat Karlheinz Rüdisser und der Wiener Grünpolitiker Christoph Chorherr, wie wichtig gutes Handwerk sei, damit moderne Architektur auch im Alltag funktioniere. Dies zu erhalten sei vor allem eine Herausforderung für das Bildungssystem, sagte Chorherr. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.10.2011)

  • Das Ziel eines guten Architekten sei es nicht, möglichst viele Schnörkseln anzubringen, so Bettina Götz (Artec).
    foto: standard/newald

    Das Ziel eines guten Architekten sei es nicht, möglichst viele Schnörkseln anzubringen, so Bettina Götz (Artec).

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