Besserer Städtebau statt "Bilbao-Effekt"

26. Oktober 2011, 23:29
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Experten kritisieren singuläre Architektur

Irgendetwas ist schiefgelaufen in den letzten 25 Jahren, behauptet Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrums (AzW) und Vorsitzender des Beirats für geförderten Wohnbau in Wien. Gebäude wurden immer spektakulärer, als prominente Adresse oder gar als Fetisch von Politik und Wirtschaft begehrt, doch die Lebensqualität in den Städten nahm ab.

Als "Bilbao-Effekt" bezeichnet Steiner diesen Trend in Anlehnung an das von Frank Gehry entworfene Guggenheim-Museum in der baskischen Hauptstadt. "Dabei wurde aber außer Acht gelassen, dass ein Bau kein singuläres Objekt ist, sondern sich in die Regeln der Stadt einzufügen hat", betont Steiner. "Die Brillanz des Wohnbaus soll nicht im Objekt stattfinden."

Liesing ist wie Sofia

Die wahre Baukunst sei nämlich der Städtebau, und dieser sei sträflich vernachlässigt worden - auch in Wien. So schauen die neu errichteten Stadtviertel in Donaustadt und Liesing für Steiner nicht anders aus als die Plattenbauten-Vororte in Sofia, Bukarest oder Almaty - "aber dies nicht als Folge rechtlichen Wildwuchses, sondern aufgrund von Gemeinderatsbeschlüssen". Doch das Bewusstsein, dass Wohnbau nur in einem größeren Kontext erfolgreich sein könne, nehme zum Glück immer mehr zu. "Wir sind am Ende der singulären Entwicklung angelangt."

Steiner hält auch nichts von der Vorstellung, dass "Wohnungsbau dazu da ist, durch architektonische Singularität für eine heterogene Gesellschaft verschiedene Wohnformen anzubieten". Denn die meisten Menschen hätten gar nicht die Möglichkeit, sich das für sie passende Wohnhaus auszusuchen, weil bei der Wohnungsvergabe ganz andere Faktoren zählten, etwa Lage und Verfügbarkeit. "Beim Autokauf ist das anders. Aber an dem Ort, wo ich leben will, habe ich nicht Auswahl von 42 Formen lebensstilkonformer Wohnmodelle."

Für viele Lebensformen

Auch Erika Schmeissner-Schmid, die Leiterin der Stadtplanung in Innsbruck, hält wenig von der übertriebenen Diversifizierung von Wohnformen. "Nicht jeder Lebensstil braucht einen eigenen Wohnungstypus, denn es gibt auch einen Lebenszyklus. Eine Wohnung muss für vielfältige Lebensformen eines Menschen tauglich sein."

Die Alltagstauglichkeit und damit die entscheidende Qualität von Wohnanlagen mache sich oft erst nach einiger Zeit bemerkbar, betont Schmeissner-Schmid. Sie wünscht mehr begleitende Beratung für Wohnungssuchende und die Möglichkeit für experimentellen Wohnbau, wo mit weniger Auflagen verschiedene Aspekte ausprobiert und dann längerfristig evaluiert werden könnten. Dies dürfe aber nicht auf Kosten anderer Projekte gehen.

Der geförderte Wohnbau müsse in Innsbruck und anderen Städten in oft unwirtlichen Umgebungen mit hoher Lärmbelastung einen guten Wohnwert schaffen. Dies gelinge ihm allerdings oft besser als dem frei finanzierten Wohnungsbau, wo alles auf die Maximierung verwertbarer Quadratmeter ausgerichtet sei. (ef, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.10.2011)

 

  • Dietmar Steiner (Architekturzentrum): "In die Regeln der Stadt einfügen."
    foto: standard/newald

    Dietmar Steiner (Architekturzentrum): "In die Regeln der Stadt einfügen."

  • Erika Schmeissner-Schmid (Innsbruck): "Es gibt einen Lebenszyklus."
    foto: standard/newald

    Erika Schmeissner-Schmid (Innsbruck): "Es gibt einen Lebenszyklus."

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