"Weit mehr als nur Fassadenqualität"

26. Oktober 2011, 23:17
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Der gute Ruf der Metropole Wien sei eng mit der besonderen Qualität des Wohnbaus verknüpft, hieß es auf dem 41. STANDARD-Wohnsymposium

Aber der Spagat zwischen den hohen Ansprüchen an die Architektur und den steigenden Kosten ist nicht immer leicht zu bewerkstelligen.

Wolf D. Prix war nicht dabei, aber sein Geist schwebte über dem STANDARD-Wohnsymposium – und nicht nur, weil er mit Coop Himmelb(l)au den Veranstaltungsort entworfen hatte. Aber es war unter seinem Vorsitz ab 2002, dass der Wiener Grundstücksbeirat die Bauträgerwettbewerbe eingeführt hat, die entscheidend zur architektonischen Qualität im Wiener Wohnbau beigetragen haben.

Bettina Götz, Artec-Architektin und Professorin an der Kunstuniversität in Berlin, ging es bei ihrem Referat auch darum, sein Vermächtnis gegen Kritiker zu verteidigen, die mehr Wert auf Leistbarkeit als auf Architektur legen wollen. "Die Qualität des Wiener Wohnbaus ist weit mehr als nur eine Fassadenqualität", sagte sie. "Es sind die Projekte des letzten Beirats, dass der Wiener Wohnbau einen so guten Ruf hat."

Das sei auch eine politische Frage, so Götz, denn "wir wissen alle, dass das rote Wien ohne Wohnbau nicht denkbar ist". Sie kritisierte daher die jüngste Wohnbauinitiative von Stadtrat Michael Ludwig, die aus Kostengründen ohne Wettbewerbe auskommen soll. "Das untergräbt die eigenen Ansprüche des geförderten Wohnbaus und führt zu einer Zweiklassengesellschaft", warnte sie. "So wird Wien seine Vorreiterstellung als Metropole mit hoher Lebensqualität nicht beibehalten können."

Götz warnte auch davor, die ganze Planung dem Sparstift zu unterwerfen, indem man etwa immer kleinere Wohnungen baut. Stattdessen müssten kostengünstigere Bauweisen gefunden werden. "Das ist eine Frage der Intelligenz, nicht nur der Architekten, sondern auch der Bauträger und vieler anderer."

Kein Prototyp

Bei Götz' eigenem Projekt, den "Bremer Stadtmusikanten" in der Tokiostraße, sei es etwa gelungen, durch eine sehr hohe Bebauungsdichte die Kosten einzubremsen und dennoch etwas Besonderes zu schaffen, sagte Karl-Heinz Stadler vom Bauträger Neues Leben. Aber dies sei ein Experiment gewesen, das sich nicht als Prototyp für zukünftigen kostengünstigen Wohnbau eignet, räumte er ein.

Die Vermarktung solcher innovativer Bauten sei allerdings nicht einfach und mache eine ausgeklügelte Verwertungsstrategie mit längeren Beratungsgesprächen notwendig, sagt Stadler. Aber wer sich für einen solchen Wohnort entscheidet, der lebt dort meist mit Begeisterung. Stadler: "Es führt zu einer starken Identifikation der Bewohner mit ihrem Haus."

Dieses Gefühl beschrieb auch Dieter Wurmbrand, Mietervertreter im Coop-Himmelb(l)au-Wohnhaus in Wien-Landstraße. Er beobachte unter seinen Mitbewohnern eine "extrem hohe Akzeptanz. Die meisten fühlen sich hier wohl." Deshalb gebe es auch kaum Leerstände. Die ungewöhnliche Architektur habe auch die Gemeinschaft gefördert, zum Teil durch die Gemeinschaftsräume, aber auch durch die Stiegen mit jeweils nur 14 Einheiten. "Hier ist es so, dass man dieselben Menschen immer wieder trifft." Aber auch die Praternähe führe die Nachbarn zusammen.

Markus Sturm, Obmann der gemeinnützigen Gesellschaft "Die Salzburg", verwies auf den Spagat zwischen Kosten und Qualität. "Es ist uns nicht immer gelungen, gute Architektur und soziale Nachhaltigkeit zu realisieren", sagte er. "Aber in den letzten Jahren haben wir viel bewirken können." Ein Beispiel etwa ist die von ihm errichtete generationenübergreifende Wohnanlage in Salzburg-Lehen. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.10.2011)

  • Das Coop-Himmelb(l)au-Haus in Wien-Landstraße: hohe Wohnzufriedenheit und viel Nachbarschaft.
    foto: standard/newald

    Das Coop-Himmelb(l)au-Haus in Wien-Landstraße: hohe Wohnzufriedenheit und viel Nachbarschaft.

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