Einsprüche aus aktuellem Anlass

26. Oktober 2011, 22:25
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Die Viennale zeigt einen Schwerpunkt mit neuen Filmen von Jean-Marie Straub: "Schakale und Araber", "L'Inconsolable" und "Un héritier". Drei Arbeiten zu den Irrwegen westeuropäischer Geschichte

Die Viennale ist weltweit das wohl einzige Festival, auf dem man wirklich jeden neuen Film von Jean-Marie Straub zu sehen bekommt, sowie mit einer gewissen Regelmäßigkeit auch ältere Arbeiten, welche sich stets als akut erweisen, brennend, hier und jetzt.

Der heurige kleine Straub-Schwerpunkt besteht aus drei digital realisierten Kurzfilmen: Schakale und Araber, L'Inconsolable, Un héritier, die unter Verwendung von Texten Franz Kafkas, Cesare Paveses und Maurice Barrès' entstanden sind, Autoren, die für Straubs Schaffen schon seit langem entscheidend sind. Wobei einer aus dem Rahmen fällt: Maurice Barrès, der "prince des jeunes", Boulangist und Nachfolger Paul Déroulèdes als Führer der Ligue des Patriotes passt ob seiner politischen Überzeugungen auf den ersten Blick nicht zu Straub.

Bislang musste man sich mit Barrès auch noch nicht wirklich eingehend beschäftigen, da allein der mit Danièle Huillet gestaltete Lothringen! (1994) aus dessen Schaffen zitiert - ein historischer Einspruch aus aktuellem Anlass: wider die Rekonstruktion des Kaiser-Wilhelm-Reiterstandbilds auf dem Deutschen Eck; dazu passte ein Autor wie Barrès ja auch gut. Nunmehr hat er offenbar seine eigene Ecke in Straubs Geisteswelt.

Beide Filme basieren auf Bänden des letzten großen Romanzyklus' Barrès', Les bastions de l'est: Lothringen! auf Colette Baudoche (1909), Un héritier auf Au service d'Allemagne (1905) - beides Geschichten von Menschen aus Elsass-Lothringen, die sich nach 1871 den Deutschen verweigern und unter dem Besatzungsjoch ihren Nationalstolz bewahren. Man hört Straub buchstäblich selber grummeln: Die aus Tiefen der Jahre hervorbrechende Stimme der deutschen Fassung von Lothringen! ist seine, den älteren Herren in den ersten zwei Sequenzen von Un héritier gibt er; natürlich stecken darin auch Erinnerungen an seine Kindheit, das Aufwachsen während der Nazi-Okkupation.

Daraus sollte man allerdings nicht eilfertig ableiten, dass sich Straub hier seine Ressentiments von der Seele filmt - die Dinge sind komplizierter, und wenige wissen's so genau wie er. Wenn etwa am Anfang von Lothringen! nach einem weiten Schwenk über das Deutsche Eck eine Einstellung auf eine alte Karte von Metz folgt und dazu Haydns Melodie des Deutschlandliedes erklingt, entbehrt das nicht einer beißenden Ironie - das Stück entstand zu einer Zeit, als Frankreich Gebietsansprüche den Rhein entlang stellte, also der Aggressor war.

Auch Un héritier beginnt mit einem vergleichbaren Moment der Irritation: Der Protagonist, dessen Deutschenhass das Schlussdrittel des Films füllt, heißt Ehrmann - zuerst glaubt man sogar kurz, die Figur sei Deutscher, ein Missverständnis, das sich erst langsam aufklärt. Schaut man genau hin, sind die Grenzen fließend. So gehörte Barrès denn auch zu den Idolen des jungen Léon Blum; so revidierte Barrès nach dem Krieg seine Ansichten auch über Deutschland (ein wenig).

Eiliger "ciné-tract"

Lothringen! gleicht mit seinen stolzen Schwenks einer Geschichtsbeschwörung, Un héritier, hingegen, hat etwas Eiliges - wie ein "ciné-tract" wirkt er mit seiner etwas fahrigen Handkamera zu Beginn, den wie hingestellten Szenen vor dem Bauernhaus, schließlich dem Darsteller, der einen langen Riemen Text vom Blatt abliest: Es ist jetzt. Und vielleicht ist es ja so: Gerade in einer Zeit, wo sich Frankreich so weit rechts wie seit Vichy nicht mehr befindet, muss man die Texte der Nationalisten lesen, konfrontieren, studieren.

Schakale und Araber eröffnet einen weiteren Blick auf dieses Diptychon zur westeuropäischen Geschichte und deren Risse: eine auf Kafka basierende Nahostkonflikt-Kammerkomödie über die Irrungen des Fanatismus, bei denen der Zuschauer von zwei "true believers" deren Wahrheiten um die Ohren gehauen bekommt. Straubs Verdichtung der ohnehin opaken Tiergeschichte verschärft diesen Punkt weiter. Die Schere scheint stets unvermeidbar. Tragisch ist das nicht, aber schlimm.

Was Tragik ist, erfährt man mit rarer Mächtigkeit in L'Inconsolable, einer weiteren Adaption eines Stücks aus Cesare Paveses Dialoghi con Leucò - ein Film darüber, dass sich Geschehenes niemals wieder ungeschehen machen lässt, dass alle Zerstörung bleibt wie alle Liebe. Danke, J-M. S.   (Olaf Möller  / DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2011)

28. 10., Stadtkino, 20.30; 31. 10., Künstlerhaus, 16.00

  • Moralische Instanz und Meister der Irritationen: Jean-Marie Straub hat drei neue Filme in drei verschiedenen Sprachen realisiert, die sich mit politischen Verwerfungen in Europa befassen.
    foto: astrid ofner

    Moralische Instanz und Meister der Irritationen: Jean-Marie Straub hat drei neue Filme in drei verschiedenen Sprachen realisiert, die sich mit politischen Verwerfungen in Europa befassen.

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