Wie ein Ernstfall aussieht und welcher Spielraum bleibt

26. Oktober 2011, 22:15
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Entscheidungsfindung im Angesicht der Krise: J. C. Chandors toller Bankencrash-Thriller "Margin Call"

Mit einem "Gemetzel" beginnt J. C. Chandors Wirtschaftsthriller Margin Call (deutscher Verleihtitel: Der große Crash). In den Großraumbüros einer großen Bank in New York sind Leute unterwegs, die anderen Leuten die Arbeit kündigen. Nervös ducken sich die Risikomanager in ihre Drehsessel, jeden kann es treffen, da hilft es auch nichts, wenn einer sich Kopfhörer in die Ohren stöpselt.

Eric Dale (Stanley Tucci), ein leitender Angestellter, der auch gefeuert wird, drückt dem jungen Kollegen Peter Sullivan (Zachary Quinto) noch einen USB-Stick in die Hand. "Sei vorsichtig", kann Dale noch sagen, dann schließt sich die Aufzugtür. Das, was sich auf dem Datenträger befindet, kennen wir inzwischen zur Genüge: Es sind Informationen über die wahnwitzigen Spekulationen fast aller großen (und vieler kleiner) Banken in den Jahren vor 2008.

Im konkreten Fall ist es eine Neueinschätzung von Risikobewertungen, auf deren Grundlage die namenlos bleibende Bank, von der J. C. Chandor in seinem Spielfilmdebüt erzählt, unmittelbar bankrott wäre. Die vielbeschworene "Formel", auf die sich vom kleinen Broker bis zu den großen Rating-Agenturen alle verließen, sie gilt nicht mehr. Es bleiben wenige Stunden, um sich eine Strategie auszudenken, und von diesen Stunden erzählt Margin Call. Die Metapher der Ansteckung, die in der Finanzwelt immer wieder gebraucht wird, wird hier durch die konkrete hierarchische Firmenkommunikation ergänzt:

Von Etage zu Etage wandert die Nachricht, auch der oberste Boss (Jeremy Irons) muss mitten in der Nacht herbeieilen. Chandor schließt dabei an ein klassisches urbanes Sujet an (die Situation "after hours", wenn Normalsterbliche schlafen) und zeigt eine ganze Reihe von toll besetzten, knapp charakterisierten Figuren im Ernstfall äußerster Anspannung, der aber auch mit Wartezeiten einhergeht. So wird sehr anschaulich, wie Entscheidungsfindung in einem solchen Bereich aussehen könnte, wie sich Rationalität mit Tragik verbindet und welchen Spielraum das Individuum mit seiner Intelligenz und seiner Moral dabei hat.

Margin Call zeigt, durch fast schon wieder altmodische Konzentration auf nachvollziehbare Charaktere im Angesicht einer schwer nachvollziehbaren Herausforderung, sehr viel plausibler und mit deutlich mehr intellektueller Substanz als Oliver Stones Wall Street 2 - Money Never Sleeps, wie ein System funktioniert, von dem man uns glauben machen wollte, dass es in sich selbst und über die Individuen hinaus vernünftig wäre.  (Bert Rebhandl  / DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2011)

28. 10., Künstlerhaus, 23.30; 30. 10., Gartenbau, 21.00

  • Ein ausgebuffter Bereichsleiter stellt sein Team vor eine schwierige Entscheidung: Kevin Spacey als Sam Rogers in "Margin Call".
    foto: filmladen

    Ein ausgebuffter Bereichsleiter stellt sein Team vor eine schwierige Entscheidung: Kevin Spacey als Sam Rogers in "Margin Call".

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