Hochdruck in der zweiten Reihe

26. Oktober 2011, 22:05
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Der Franzose Pierre Schoeller hat mit "L'exercice de l'état" einen außergewöhnlichen Spielfilm um die Dynamiken und Abhängigkeiten eines Politikerarbeitslebens gedreht

Träumen Verkehrsminister von Umleitungen an die Macht? Der entsprechende Protagonist von Pierre Schoellers L'exercice de l'état (The Minister) wird nächtens eher von einem de Sade'schen Szenario gequält. Menschen mit maskierten Köpfen treten darin auf, und eine unbekleidete Frau kriecht in das offene Maul eines Alligators. Die Frage, die dieses um Vergehen und Bestrafung arrangierte Setting aufwirft, ist natürlich, wer hier eigentlich wofür büßen muss. Eine Frage, die sich im zweiten Spielfilm des Franzosen (Versailles) auch in der Realität schwer beantworten lässt.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil es in dem außerordentlich dicht gebauten Film um Politik geht. Gerne werden da Geschichten vom moralischen Verfall dieser Klasse erzählt, wie etwa auch im diesjährigen Viennale-Abschlussfilm The Ides of March von George Clooney. In L'exercice de l'état geht es jedoch um keinen Idealismus, der in Gefahr gerät, als Heuchlerei geoutet zu werden, sondern um Pragmatismus pur: Schoellers Blick in die inneren Abläufe der Politik ist der eines Insiders, der immer nur geradeaus schaut.

Olivier Gourmet, bekannt aus Arbeiten der Dardenne-Brüder, spielt diesen Bertrand Saint-Jean, einen instinktiven Politiker, den der Film im aus Beziehungen und Traditionen gesponnenen Netz der französischen Politik als neuen Typus erscheinen lässt. Er hat keine bedeutende Familiengeschichte hinter sich, aber ein sicheres Gespür für die Erfordernisse des Augenblicks. Das sieht man schon in einer frühen Szene, in der ein Bus voller Frauen und Kinder verunglückt und Saint-Jean die richtigen Worte finden muss.

Auftritte wie dieser sind in L'exercice de l'état keine Seltenheit. Es ist ein Arbeitsleben in ständiger Bewegung, das Schoeller auch mit hohem filmischem Tempo protokolliert. Jeder Schritt, jede Aussage wird sofort evaluiert und fordert gleich wieder neue heraus. Saint-Jean, ein Mann, der durchaus auch nach ethischen Maßgaben agiert, gerät dabei in die unglückliche Lage, eine unpopuläre Maßnahme exekutieren zu müssen, von der er nicht einmal selbst überzeugt ist: Er soll die Privatisierung des öffentlichen Verkehrs vorantreiben.

Der Minister und seinen kleines Team aus Vetrauensleuten (darunter Michel Blanc als treuer Sekretär) agieren unter Hochdruck. Doch es ist nicht so sehr der individuelle Kampf, den Schoeller beschreibt, als das Zusammenwirken eines Systems, in dem unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Dass es dann gerade ein spektakulärer Verkehrsunfall auf einer noch nicht fertiggestellten Autobahn ist, der Saint-Jeans Laufbahn einen neuen Spin verleiht, passt da nur zu gut ins Bild. Der zeitgenössische Politiker erscheint hier als von vielen Seiten bedrängtes Subjekt - da gehört eben auch der Zufall dazu.   (Dominik Kamalzadeh  / DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2011)

28. 10., Urania, 16.00; 29. 10., Gartenbau, 18.00

  • Wenn es für jeden Moment die richtigen Worte zu finden gilt: Olivier Gourmet als gestresster Verkehrsminister in Pierre Schoellers "L'exercice de l'état".
    foto: viennale

    Wenn es für jeden Moment die richtigen Worte zu finden gilt: Olivier Gourmet als gestresster Verkehrsminister in Pierre Schoellers "L'exercice de l'état".

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