Human Rights Watch: Übergangsrat mit Waffen-Sicherung gescheitert
Südlich von Sirte - In der libyschen Wüste 120 Kilometer südlich
der Stadt Sirte lagern unbeaufsichtigt zehntausende Tonnen Munition aus den
Beständen des getöteten Machthabers Muammar Gaddafi. Wie ein Journalist der
Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch berichtete, gibt es dort rund 80 sandfarben
gestrichene Betonbunker, in denen Munition aus überwiegend russischer und
französischer Produktion lagert. Allein in einem der Bunker zählte der
AFP-Reporter rund 8.000 100-Millimeter-Granaten. In anderen Bunkern lagerten
meterhoch Bomben von 250, 500 und 900 Kilogramm Gewicht sowie Raketen,
Splitterbomben, Granaten und viele andere Waffen.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zeigte sich in einer
Erklärung besorgt über die unbewachten Waffenlager. In viele der Bunker seien
bereits Plünderer eingedrungen, erklärte die Organisation. Die Lager sind für
jeden zugänglich. Rund um das Wüstenlager herum liegen tausende Munitionskisten
im Sand. Laut Human Rights Watch wurden sie auf dutzenden Hektar verstreut, um
ihre Zerstörung durch NATO-Luftangriffe zu verhindern. Ein Experte der
Organisation schätzte die Menge der in den Wüsten-Bunkern gelagerten Munition
auf "zehntausende Tonnen".
In einem Vorort von Sirte, wo Gaddafi sich bis zu seinem Tod am Donnerstag
vergangener Woche mehrere Wochen lang versteckt hatte, fanden die Inspektoren
von Human Rights Watch die leeren Behälter von 28 Raketen vom Typ SA-24, einer
Boden-Luft-Rakete russischer Bauart. Mehr als 20 Boden-Luft-Raketen vom Typ
SA-7, ebenfalls aus Russland, seien zudem in ihren Original-Behältern
vorgefunden worden. Während der Inspektion des Lagers tauchten der Organisation
zufolge mehrere "Zivilisten und bewaffnete Anti-Gaddafi-Kämpfer mit Pick-Ups"
auf, "um weitere Waffen wegzuschaffen". Der aus den Rebellen hervorgegangene
Nationale Übergangsrat sei damit gescheitert, die Waffenbestände der ehemaligen
Führung zu sichern, erklärte Human Rights Watch.
UNO sorgt sich um Flugabwehrraketen
Die Vereinten Nationen machen sich Sorgen um die
Kleinst-Flugabwehrraketen, die es zu Tausenden in Libyen geben soll. "In keinem
Land der Erde, außer den Herstellerländern, gibt es so viele dieser gefährlichen
Raketen wie in Libyen", sagte der UNO-Sonderbeauftragte Ian Martin am Mittwoch
vor dem Sicherheitsrat in New York. Die kleinen Raketen, bekannt sind die
amerikanischen "Stinger" oder die russischen "Strela", können von einem
Einzelnen von der Schulter abgefeuert werden. Experten fürchten, dass
Terroristen sie gegen Passagiermaschinen einsetzen könnten.
"Wir bemühen uns, diese Waffen möglichst schnell zu erfassen", sagte Martin.
"Aber es gibt mehrere Hundert mögliche Lagerplätze, die wir alle untersuchen
müssen, und das sofort." Experten seien wegen des Problems in großer Sorge:
"Diese Gefahr braucht unsere größte Aufmerksamkeit." Auch die anderen Tausenden
Waffen, von der Pistole bis zum Kampfpanzer, nach den Kämpfen unter Kontrolle zu
bringen, sei eine vordringliche Aufgabe. Insbesondere müssten aus Wohngebieten
schwere Waffen weggeschafft werden.
Der frühere Amnesty-International-Chef Martin sagte auch, dass die
Übergangsregierung in Libyen für die Sicherheit aller Menschen verantwortlich
sei. "Sie sind verpflichtet, Rache zu verhindern und für Versöhnung zu sorgen -
ganz wie Sie es in Ihrer Befreiungserklärung versprochen haben." Die Zeit für
den demokratischen Umbau habe schon begonnen, die neuen Machthaber müssten vor
allem für Sicherheit, eine funktionierende Verwaltung und für die Wirtschaft
sorgen. (APA)