Der Charme von Kanonendonner

26. Oktober 2011, 18:40
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Steven Spielberg hat mit "Die Abenteuer von Tim & Struppi" Hergés Comic-Klassiker für das Kino adaptiert. Mit 3-D-Technik und Digitaltricks hochgezüchtet, wird daraus ein leerer Tummelplatz der Populärkultur

Wien - Steven Spielberg ist ein traditionalistischer Filmemacher. So unterschiedlich die Arbeiten des erfolgreichsten amerikanischen Regisseurs auch sein mögen, bilden sie dennoch eine Welt, in der es zwar nicht friedlich und selten friedfertig zugeht, mit der man sich am Ende aber stets versöhnen kann. Unter einer Bedingung: Man muss auf seine Fragen eine Antwort gefunden haben. Und dafür bedarf es wiederum einer langen Suche - nach weißen Haien, vermissten Soldaten oder einer blauen Fee, die artifizielle Intelligenz in menschliche Liebe verwandelt.

Hält man sich dieses Motiv der Suche vor Augen, schließt Die Abenteuer von Tim & Struppi / The Adventures of Tintin an die bisherigen als Rätselrallye angelegten Abenteuerfilme Spielbergs nahtlos an. Basierend auf dem Comic-Klassiker des Belgiers Hergé, der den neugierigen Reporter Tintin und dessen treuen Foxterrier Milou über 40 Jahre lang zu Kultfiguren entwickelte, wird bei Spielberg der naseweise Held endgültig einmal mehr zum Jäger eines verlorenen Schatzes.

Altmodischer Auftakt

Denn Spielberg komprimiert gleich drei Hergé-Bände zum Abenteuer rund um ein mysteriöses Segelschiff, das mitsamt seiner wertvollen Fracht in den Tiefen des Meeres versank. Eine Geschichte, beinahe so alt wie das Geschichtenerzählen selbst, und wie altmodisch auch dieser Film hätte sein können, sieht man im durchaus einnehmend gestalteten Vorspann. Da huschen die schwarze und die kleinere weiße Silhouette der beiden Helden über die Leinwand, wird die Flächigkeit des Comics schrittweise in die Dreidimensionalität überführt und jene zeitlose Nostalgie spürbar, die bereits die Zeichnungen Hergés bestimmte.

So sind die ersten Minuten des Films eine liebevolle Reise in die Vergangenheit eines kleinstädtischen Flohmarkts, auf dem Tintin nicht nur ein Modell des sagenumwobenen Dreimasters kauft, das alsbald zum Objekt diebischer Begierde wird, sondern auf dem sich auch zahlreiche Referenzen an das Hergé-Universum finden.

Auch am Schauwert der digitalen Animation mittels Performance-Capture-Technik mangelt es nicht: Zwar ist Jamie Bell als Tintin genauso wenig wiederzuerkennen wie Andy Serkis als Kapitän Haddock und Daniel Craig als durchtriebener Schurke Sakharin, doch gerade die aufs Äußerste reduzierte Mimik der Figuren (die höchstens noch Schnurrbärte oder Knollennasen ins Gesicht bekommen) funktioniert als Übertragung von Hergés sogenannter Ligne-claire-Technik ausgezeichnet. Gegen das ebenmäßig ausdruckslose Gesicht Tintins wirkt dessen Wohnung wie ein realistisch-dreidimensionales Suchbild mit einem Interieur der Zwischenkriegsjahre.

Nur auf Durchreise

Dass Spielberg auf jegliche Einführung in dieses hermetisch abgeschlossene Universum verzichtet, ist jedoch nur der erste Warnschuss vor dem folgenden dramaturgischen Kanonendonner: Verfolgungsjagden auf Ozeandampfern, durch Gewitterstürme jagende Flugzeuge, mit Motorrädern in Trümmer gelegte afrikanische Hafenstädte und nicht zuletzt eine als "Urszene" dienende Seeschlacht gegen böse Piraten, die unangenehme Erinnerungen an Hook weckt. Spielberg, der sich in all seinen Filmen nie besonders für Räume interessiert hat, ist auch diesmal überall nur auf der Durchreise.

Der US-amerikanische Philosoph Fredric Jameson erkannte in den Filmen Spielbergs "eine unechte Brüderlichkeit, über die sich der Betrachter erfreut, ohne zu wissen, dass er davon ausgenommen ist". Das trifft diesmal auf Tintin besonders zu: Nicht Mann und nicht Kind, aber jedenfalls ohne Familie und somit ein mustergültiger Spielberg-Held, durchhastet Tintin einen Abenteuerspielplatz der Populärkultur, in der auch Spielberg selbst aufgewachsen - und erfolgreich - geworden ist.

Dass die nächste Tintin-Verfilmung Peter Jackson inszenieren soll, wenn dieser mit seiner Tolkien-Adaption The Hobbit seine eigene Schatzsuche zu Ende gebracht haben wird, ist nur konsequent. Spielbergs nächstes Projekt heißt übrigens War Horse und handelt von einem Soldaten, der sich im Ersten Weltkrieg auf die Suche macht - nach seinem Pferd.   (Michael Pekler  / DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2011)

  • Tim & Struppi, anno 2011: In Steven Spielbergs Comic-Adaption bleibt wenig vom Zauber der Vorlage erhalten.
    foto: sony

    Tim & Struppi, anno 2011: In Steven Spielbergs Comic-Adaption bleibt wenig vom Zauber der Vorlage erhalten.

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