Änderung der Bundeshymne

O du Söhne, ach du Land!

Kommentar der anderen | 26. Oktober 2011, 18:30

Warum die Frage, ob man die Bundeshymne "töchtergerecht" gendern sollte, mit Blick auf die sonstige Textur der Hymne relativ unerheblich erscheint - Von Gerhard Zeilinger

Patriotismus ist Männersache, das war immer schon so, nicht einmal der Feminismus hat daran rühren wollen. Mag heißen: es hat die Frauen auch gar nicht interessiert. Oder liegt es nur daran, dass früher einfach zu wenig Frauen in der Politik waren? Nun könnte man fragen, ob Frauenpolitik nicht eigentlich mehr können müsste, als nur darüber zu wachen, ob alles richtig gegendert ist. Oder warum die, die sich für Political Correctness zuständig fühlen, nicht gleich die ganze Hymne auf ihr Zeitgemäßes überprüfen. Was ist schließlich noch unbelastet und zutreffend?

Zum Beispiel der Begriff "Volk". Ist der, nicht nur im "linken" Mainstream, nicht etwas anrüchig geworden und außerdem ziemlich vage? Wer ist damit gemeint? Die "echten" Österreicher des Jahres 1946? Sind das auch die slowenischen, kroatischen, ungarischen Minderheiten? Die Sinti und Roma? Die vertriebenen Juden, die man nur vergessen hatte, wieder zurückzuholen? Und wie ist es heute mit den Migranten? Etwa den Muslimen? Sind die auch "Volk", nur ohne "Dome"? Sind "Volk" die Staatsbürger, und was ist mit denen, die ohne österreichische Staatsbürgerschaft hier leben? Oder sind "Volk" alle, die sich dazugehörig fühlen?

Wozu noch Hymnen?

Mit "Volk" hat Paula von Preradovic und mit ihr das damalige offizielle Österreich - und das war gewiss auch das Selbstverständnis der Bevölkerung - so etwas wie Volksgemeinschaft im Sinne von Tradition gemeint, also Gemeinschaft von Sprache und Kultur, was, in Verbindung mit dem Staatsgebiet, zweifellos als Nation verstanden wurde oder werden sollte - man bemühte sich ja nach 1945 erstmals um eine österreichische Nation oder wenigstens ein Nationalgefühl. Zumindest meint der Bundeshymnentext die Heimat Österreich, das wird ja so auch angesprochen, und gewiss sind "Heimat" und "Volk" in diesem Verständnis auch eins.

Damals, als es noch keinen "Mut zur Heimat" brauchte, als die Begriffe - trotz der Erfahrung des Faschismus - immer noch unhinterfragt verwendet wurden, hat man sich keine großen Gedanken machen müssen: Heimat, Berge, Strom, Dome, Äcker, die Ahnen ... - jene vermeintliche Identität, wie sie im Schulunterricht, Sonntagsgottesdienst und Heimatroman noch tief in den 1960er-Jahren (und selbst danach noch!) gleichermaßen beschworen wurde.

Ich erinnere mich an meine Volksschulzeit (sie begann 1970), als wir für den Staatsfeiertag Lieder wie "Schöne Fahne rot-weiß-rot, flattere im Winde" bis zur Perfektion geübt haben. Ich erinnere mich an die Zeit im Gymnasium, als jedes Schuljahr feierlich mit einem Gottesdienst begann und endete, wo wir am Schluss zuerst das "Großer Gott, wir loben dich" und dann die Bundeshymne sangen.

Aber heute? Die Autoritäten sind geschwunden, die Schulen haben keinen "Heimat"-Auftrag mehr, die Kirche steckt bis zur Bedeutungslosigkeit in der Krise, Pathos ist längst etwas fürs Kabarett. Und wie soll man erst in einer multikulturellen Gesellschaft die Begriffe "Heimat" und "Volk" in Form einer verbindlichen Hymne pflegen können? Ist das nicht alles meilenweit von der gesellschaftlichen Realität entfernt?

Man macht sich Sorgen, ob eine Hymne gendergerecht ist, aber niemand fragt sich, wie zeitgemäß diese Hymne und Hymnen überhaupt sind. Wozu wir sie eigentlich noch brauchen, wenn wir doch den Nationalismus überwunden haben, überhaupt, da wir ja in einem halbwegs geeinten Europa leben, das doch nicht auf Dauer die Summe nationaler Hymnen als Ausdruck von aneinander gereihtem Nationalstolz sein kann. Will sich in diesem Zusammenhang niemand fragen, wie überholt die Hymnen der Nationalstaaten eigentlich sind? Eine Gesellschaft wandelt sich, es gibt neue politische Realitäten, aber die Hymne, die offizielle Kennmelodie der Wirklichkeit Österreich, bleibt immer gleich?

In manchem hat diese Bundeshymne schon damals nur schwer dieser Wirklichkeit entsprochen. Wir sind kein Land der Dome, auch wenn wir viele Kirchen haben. Wir liegen nicht dem Erdteil inmitten, weder geografisch noch als Brücke zwischen Kulturen (das war einmal!). Es ist auch ein Missverständnis, dass wir so etwas wie Auserwählte der Geschichte gewesen sein sollen, die es noch dazu angeblich immer schwer gehabt hätten ("Hast seit frühen Ahnentagen, / Hoher Sendung Last getragen"). Sind es nicht wir gewesen, die es anderen oft schwer gemacht, die andere Länder mit Krieg überzogen haben? Sind wir wirklich so vielgerühmt, vielgeprüft, vielgeliebt? Und sind wir tatsächlich ein Volk, das für das "Schöne" begnadet ist? Es wird doch nicht ausgerechnet unser Bildungssystem sein, das uns alle zu Ästheten erzieht?

Das Fragwürdige an dieser Hymne sind nicht die "Söhne", auch nicht gewisse nationale Verkennungen, die Hymnen als patriotische PR so an sich haben. Was einem an der österreichischen Bundeshymne beim Singen, so das noch geschieht, doch eher aufstoßen müsste, ist jene überkommene gesellschaftliche Vereinfachung, die ein wenig nach ordnendem Ständestaatdenken aussieht und offenbar auch noch in dem Österreich nach 1945 tief verankert war: die Bauern ("Äcker"), die Geistlichen ("Dome"), die Arbeiter ("Hämmer"), die Hausfrauen und Mütter (als Gebärerinnen der "Söhne"). Und wo es dann doch politische Dissonanz gäbe, wird ohnehin alles vom großkoalitionären Konsens gerettet: den "Brüderchören", damit am Ende die ideologische Kluft geschlossen bliebe, die die Geschichte so belastet.

Wie sinnvoll es wirklich ist, diese Hymne nachträglich töchtergerecht zu machen, ist Gott sei Dank keine sehr relevante Frage. Aber angesichts der Peinlichkeit, mit der diese Diskussion geführt wird, und auch angesichts der plötzlichen verschiedenen Überlegungen zu einer Alternativhymne (siehe Text unten) stellt sich die Frage, ob man die Bundeshymne nicht besser einfach so belassen sollte, wie sie ist: als Stück Literatur, als Dokument ihrer Zeit eben, bevor wir uns nämlich erst recht die Köpfe zerbrechen müssten, wofür man Hymnen wirklich braucht und was man mit ihnen heute zum Ausdruck bringen will.(Gerhard Zeilinger, DER STANDARD; Printausgabe, 27.10.2011)

GERHARD ZEILLINGER (47), Germanist und Historiker, lebt als freier Publizist in Amstetten; Fahnenzeichnung (1972) aus dem Privatarchiv des Autors.

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Steak vom Milchlamm
00
28.10.2011, 08:26

Frau und Mann, mit stolzer Brust
singen frei, und selbstbewusst
vielgerühmtes Österreich.......

Steak vom Milchlamm
00
28.10.2011, 13:19
kleine Korrektur, bevor es alle singen dürfen

Menschen klug und selbstbewusst
singen stolz mit breiter Brust,

vielgerühmtes Österreich....

Ja so passt es gut, der Text davor ist dann auch noch stimmig, und Ihr braucht nur 2 neue Zeilen lernen, ich kann sie schon!

Wunderbare Welt
 
10
27.10.2011, 23:59
ganz ehrlich....

wenns nur der text wäre......das in einer stadt die so morbid wie wien ist sich beim abspielen der hymne im happel-stadion bei allen 50.000 die pulsadern nicht von selbst aufplatzen liegt nur daran das sie alle so masochistisch sind sehen zu wollen wie sich das nationalteam blamiert.

don't follow me
11
27.10.2011, 23:52
Ich hoffe damit kann man nun Alle zufrieden stellen..

Politisches Gebilde mit geographischen Erhebungen, Politisches Gebilde mit Gewässern
Politisches Gebilde mit Landwirtschaftlichen Nutzungsflächen, Politisches Gebilde mit religiösen, aber nicht ausschließlich nur religiösen Bauwerken
Politisches Gebilde mit im Sekundärsektor beschäftigten Personen - zukunftsreich.

Politisches Gebilde mit zahlreichen mehr oder minder bekannten Personen die ihren Wohnsitz hier hatten oder haben. Personen mit Interesse für Kunst und Kultur.

Von einer unbestimmten Anzahl von Personen als mehrheitlich positiv bewertetes politisches Gebilde mit Eigenbezeichnung Österreich.

Von einer unbestimmten Anzahl von Personen als mehrheitlich positiv bewertetes politisches Gebilde mit Eigenbezeichnung Österreich

don't follow me
00
27.10.2011, 23:39

Spanische Lösung: Nur die Melodie - Kein Text.

spike Lee
00
28.10.2011, 08:23
Aber dann bitte eine andere Melodie und net den TRAUERMARSCH da schlafen einem ja die Fiaß ei...

Mazzesinsulaner
 
00
28.10.2011, 08:47

die DDR Hymne ist ganz nett, nicht so faaaad wie unsere.

http://www.youtube.com/watch?v=DTV92wqYjfA

fängt wie ein Heimatfilm der frühen 60er an.

A ndreas Bogeschdorfer
23
27.10.2011, 22:18
Nicht nur der Text ist reif die Akten.

Auch die Melodie. Wie lange wollen wir uns über einen Trauermarsch definieren. Es wird Zeit, daß der Rock and Roll und seine Kinder in die österreichische Seele einziehen und ihr ein bischen Feuer unter dem Allerwertesten machen.

Christ in der Zeit
00
28.10.2011, 08:43
Ganz Ihrer Meinung!

Bei unserer Hymne schlafen einem ja nicht nur die Füsse ein. Aber ich denke, nach dem U-Ausschuss wird die Republik eh neu gegründet, und dann ist der ideale Zeitpunkt für einen neue Hymne!

MyFavoriteThings
00
27.10.2011, 21:30
Siehe Text unten?

Welchen Text schlägt Zeillinger vor? Sollte man den nicht auch wiedergeben? Auch in der online-Ausgabe?

Nickderivatratingnegativwachstumskorrektur
 
00
28.10.2011, 10:37

Ich hab es so verstanden: Der Autor rechnet mit Alternativen in den Leserkommentaren! Wär natürlich schon interessant, was im Print steht.

Krawuzi Kabuzi
04
27.10.2011, 20:31
Und historische Texte darf man nicht verwenden? ;-P

Land der Äcker, Land der Dome
Land am Strom ohne Atome,
Land der Titel und Diplome

Heimat bist du großer Söhne
Heimat bist du großer Töchter
Zusatzvers der Frauenrechtler

Land der unmöglich begrenzten,
Land der Berg', der allerschensten,
Land der Seen und Lipizzaner,
Der Prohaskas und des Klammer

Land der Krone, Land des Staberl
Land der Gruppe Drahdiwaberl.

(Drahdiwaberl: „Kaiserhymne/Pink Punk Shirt“.)

Töchtersöhne
00
27.10.2011, 17:47
Mutter, wer hat die Töchter und Söhne bestellt?

Wenn man die "Söhne" durch "Menschen" ersetzte, wären nicht nur in Österreich Geborene, sondern auch Zuwanderer erfaßt .................

Mormoloc
00
27.10.2011, 21:28
Ein Poster hatte hier vor Jahren einmal vorgeschlagen:

Heimat bist Du großer Söhne,
Auch die Töchter man erwähne.

Chien de Pique
02
27.10.2011, 18:33
Schon, nur könnte man dann die ganze Hymne endgültig schmeißen (was sowieso das Beste bzw. einzig Richtige wäre), da Reim kaputt. Ist das wirklich so schwierig zu verstehen, dass die Hymne durchgehend gereimt ist

- oder ist der Text tatsächlich derart unbekannt? Oder kennen Sie einen passenden Reim auf Menschen, möglichst aus dem Wortfeld von "ästhetisch"?

Das (allein hier hundert Mal angeregt) wäre ja noch schlimmer als die diversen gutgemeinten Vorschläge, die lediglich die Silbenzahl und/oder das Metrum außer Acht lassen, was man zur Not eher irgendwie kompensieren könnte.
Man könnte die Reime natürlich generell als obsolet fallen lassen, aber gerade an einer Stelle? Würde allerdings auf alle Zeiten (bzw. solange die Hymne besteht (hoffentlich nicht mehr lange) quasi als unvermittelter Paukenschlag sämtliche Aufmerksamkeit auf diese zentrale Passage und ihre Hintergründe lenken.
Nichts für ungut, bitte!

pox vobiscum
05
27.10.2011, 18:05

An den Vorschlag kann ich mich erinnern:

Heimat bist du großer Menschen,
hochbegnadet für das Tschentschen
:)

Roter Baron
13
27.10.2011, 17:18
her mit den kleinen bundeshymnInnen

die werden alle benachteiligungen von frauen sofort vaporisieren.....

roter baron

King Of Kronenzeitung
00
28.10.2011, 00:57

In 4 Jahren zum ersten Mal Grün

F G
04
27.10.2011, 17:13

Also ich bin für den Donauwalzer ohne Text.
Gute Musik - keine Diskussion!

Lefty2511
07
27.10.2011, 16:58
"Land der Hämmer"

solange das "Land der Hämmer" noch drin ist, passts eh.

Christ in der Zeit
00
28.10.2011, 09:10
net ganz. müsste heissen: HÄMMERINNEN

F G
00
27.10.2011, 17:15
Fin ich gut!

Steak vom Milchlamm
33
27.10.2011, 16:28
Ich habe unsere Hymne gern, und singe auch lauthals mit.

Wenn diese gegendert wird, will ich nur, dass es ein poetischer Text bleibt, und kein hatschertes Ungetüm.

Wie wichtig eine Hymne ist erkennen Sie an den wässrigen Augen von Spitzensprotlern wenn diese Ihren Preis erhalten und dazu die Nationalhymne gespielt wird. Menschen die da kein Gefühl von Heimat finden können, sind um einiges ärmer daran, als welche die mit Freude solche Momente (und die sind nicht alltäglich) erleben dürfen.

Zeitgeist und Gender spielen da eher eine untergeordnete Rolle, das soll halbwegs passen, mehr schon nicht. Es ist ja im Endeffekt doch nur ein Lied mit Fehlern und Schwächen wie das Volk, welches dieses Lied repräsentiert.

Cerberus303
00
2.11.2011, 10:15
Das ist ja ein starker Tobak...

... Sportler, die ihren Preis entgegennehmen kommen die Tränen in die Augen, weil sie gewonnen haben und dafür gefeiert werden. Das hat so gut wie garnichts mir Heimat zu tun und ob die Hymne dabei gespielt wird oder was ganz anderes macht überhaupt keinen Unterschied

exile in mainstream
03
27.10.2011, 16:08

das die fpö keine neue hymne fordert ist verwunderlich. schließlich stammt die hymne aus einer zeit da ihre väter großväter u.dergl. noch nicht wählen durften also eigentlich gar keine staatsbürger waren. aber sie haben ja das deutschlandlied.

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