Islamisten-Sieg in Tunesien

Vertrauensvorschuss

Kommentar | Gudrun Harrer, 26. Oktober 2011, 18:18

Die meisten Tunesier haben Ennahda als Wertepartei gewählt, ohne Lizenz zur Islamisierung des Staates

Am Wahlsieg der Ennahda-Partei in Tunesien ist nicht mehr zu rütteln, auch wenn mehr als die Hälfte der Tunesier und Tunesierinnen andere Parteien gewählt haben. Als Erklärung für diesen Erfolg reicht die Tatsache, dass Ennahda unter Ben Ali verboten war, nicht aus. Die Partei und ihr Führer Rachid Ghannouchi müssen schon etwas ansprechen, was in Tunesien kulturell tief verwurzelt ist. Das hat dazu geführt, dass Ghannouchi einen Vertrauensvorschuss bekommen hat.

Denn die wirkliche Frage ist nun folgende: Ist Ennahda eine islamische oder ist sie - und in welchem Ausmaß ist sie das - eine islamistische Partei? Letztere sieht ihren politischen Auftrag nicht vor allem darin, den Bürgern eines Landes zu dienen, sondern ihr islamisches Programm staatlich zu verankern. Das ist politischer Islam.

Es wäre absurd anzunehmen, dass mehr als vierzig Prozent - und in Österreich fünfzig - der tunesischen Wähler einen islamischen Staat wollen, in dem etwa die Familiengesetze, die in Tunesien exemplarisch frauenfreundlich sind, rückgängig gemacht werden würden. Die meisten Tunesier haben Ennahda als Wertepartei gewählt, ohne Lizenz zur Islamisierung des Staates. Ob Ghannouchi das genauso sieht und zu seinem Wort steht, wird schnell klar werden, wenn die Arbeit an der neuen Verfassung beginnt - die im Interimsparlament eine Zweidrittelmehrheit braucht und ein Referendum bestehen muss. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2011)

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mistvieh666
 
02
28.10.2011, 22:41

aber ja doch, sicher.
und die wenigsten leute, die hitler gewaehlt haben, waren wirklich rechts.
ich habs ja schon ein paarmal gesagt: in arabischen laendern kann man sich durch intelektuelle diskussionszirkel bewegen oder man kann auch mit den leuten in der bus station von sfax oder gafsa reden.

Bruno Flex
03
28.10.2011, 06:10
Wozu, Frau Harrer,

diese Beschwichtigung? Nüchternes Misstrauen ist nach aller Erfahrung realitätsnäher.

Bernout
 
110
27.10.2011, 17:44

Erst schreien sie "Allahu Akhbar". Aber es war ja gar nicht so gemeint.

Jetzt wählen sie "Allahu Akhbar". Aber es ist ja gar nicht so gemeint.

Im Begleitartikel ist von "gemäßigten Islamisten" zu lesen. Gemäßigt? Ich nehme an, die meinen es auch nicht so?

Das Muster ist bekannt:
Der liebe Ahmadinejad hat es damals auch nie so gemeint. ( http://www.slate.com/articles/... eport.html )

Le Comte
19
27.10.2011, 16:51
Vertrauensvorschuss:

Es gibt KEINEN Grund, irgendeiner Religion oder religionsnahen Bewegung zu trauen.

Arbeiter
62
27.10.2011, 15:47
Die Sicht der hier so verdammten "Islamisten" könnte diese sein:

Na, wunderbar, dieser Westen! Haben alles Technische, viel Geld, Urlaub, Krankenkassa, Frühpension - aber wie lang noch? Weil dem Westen der Nachwuchs fehlt, ist es nichts als Raubbau an der Substanz, was die betreiben. Das Elend der Scheidungsfamilien, die gestörten Kinder daraus, die Alten schieben sie ab. Nichts als Konsumwahn im Kopf, der den Menschen nicht glücklicher macht. Das alles ist noch ganz ohne Gott gedacht.

Bernout
 
01
27.10.2011, 17:48

Darf ich Sie fragen: waren Sie in letzter Zeit im "Club2" zu sehen?

Arbeiter
00
28.10.2011, 10:52
schade, Bernout, dass meine Antwort an sie nicht durchkam.

Der Club 2 wäre eine super Chance gewesen, herauszuarbeiten, dass zwischen dem Islamisten (den meinten sie doch?) und der offiziellen Islamvertreterin inhaltlich Einklang herrscht. Also ich war nicht der Islamist, aber ich bedaure, dass man ihn nicht ausreden ließ, weil er klare und im Sinn des Islams richtige Worte sprach.

Bernout
 
01
28.10.2011, 16:48

Ich finde es auch schade. Es ist Islamisten wohl nicht erlaubt, ihre antiliberale, misogyne, schwulenfeindliche Gesinnung frei darzustellen. Dadurch fällt es der Mehrheit wohl leichter, sie zu ignorieren.

Insofern stimme ich Ihnen auch in Bezug auf den Club2 zu. Hätte man den ulkigen Mann doch aussprechen lassen!

Hossam Hassan
60
27.10.2011, 15:21
Ob Ennahda jetzt "moderat" ist oder nicht (und was immer das auch bedeuten mag...)

Es entspricht nun einmal den Befindlichkeiten der wählenden Bevölkerung dort und es kann uns nicht wirklich kümmern.
Sollte Ennahda auf eine islamische Diktatur zusteuern, wird es auch gegen diese Proteste und Widerstand geben. Haben sich Bevölkerungen einmal dazu entschlossen sich gegen ihre Machthaber demokratisch zu organisieren (Österreich ist ja leider ein Gegenbeispiel) wird sich keine Diktatur auf Dauer halten können. Es wird wieder Wahlen geben und dort wird sie dann abgewählt werden, die Ennahda, wenn doch nicht so alles eitel Jihad ist, wie versprochen.

Chien de Pique
03
27.10.2011, 18:30
Deswegen strebt sie klugerweise auch eine Konzentrationsregierung an; aber die Verfassung wird dann trotzdem stark ihre Handschrift tragen.

Kümmern darf es uns schon deshalb, weil wir a) den Spaß bis zu einem gewissen Teil finanzieren und b) die Sache zwangsläufig auch außenpolitische Dimensionen hat (vermutlich ein gewisses Anheizen des Nahostkonflikts durch einen Ideologen der Hamas), c) wir mit der allfälligen nächsten Flüchtlingswelle konfrontiert wären.
Ich glaube freilich auch eher, dass die Entwicklung doch relativ klar Richtung AKP/TR gehen wird, d.h. schleichendes bis beherztes Zurückdrängen der westlichen Einflüsse und des Laizismus, aber in einem Rahmen, der zumindest etwas demokratischer ist.
Halten kann sich generell keine Regierung auf Dauer, aber Bürgerkriege etc. können Länder nachhaltig in tiefstes Elend stürzen.

Hlsebastian
64
27.10.2011, 15:05
Nachdem sich die Linken - inklusive Kreisky - geschlossen

dem nunmehr abgeknallten Diktator als "Held des Kommunismus" an den Hals geworfen haben, passiert nun dasselbe mit den Islamisten. Lernfähigkeit sieht anders aus.

Trombone53
 
00
27.10.2011, 14:36
Bei aller Liebe,

BK W. Shoyssel
110
27.10.2011, 13:16
klarer Fall von denkste

die meisten Wähler in .de haben 1933 auch eine "Wertepartei" gewählt ohne Lizenz zum WKII. Leider halten sich solche Werteparteien, die sich im Besitze der alleinigen Wahrheit glauben und voller Sendungsbewusstsein sind nicht an solche völlig unverbindlichen "Nicht-Lizenzen"

kreter
09
27.10.2011, 13:06
Die Islamisten brauchen keine Lizenz zur Islamisierung!

Es wird ein böses Erwachen für die Tunesier geben als Belohnung für diesen Vertrauensvorschuss!

angelvoices
30
27.10.2011, 11:49
irgendwie muss sich die Partei nennen

(auch um die Muftis zu beruhigen) - bei uns gibt es auch "christliche"
das Programm ist entscheidend - ich hoffe er hat in England die Demokratie gelernt - sonst müssen die Frauen an die Macht...

Ernst Guevara
15
27.10.2011, 10:20
ich weiss nicht, woher die frau harrer ihr wissen über die motive hat, warum die menschen ennahda gewählt haben.. kann die frau harrer gedanken lesen oder in die köpfe der tunesier hineinschauen?

interessanter finde ich da schon den bericht in der jungle world: die ennahda-wähler haben demnach weniger für den islamismus als vielmehr gegen die säkularen kräfte gestimmt. die ennahda hat nämlich der jungle world zufolge einen schmutzkübelwahlkampf geführt, der angst vor den säkularen parteien schürte, also vergleichbar mit den methoden ist, die wir auch bei uns von der FPÖ kennen: die säkularen würden die religion abschaffen und seien für drogen und homosexualität. scheinbar ist die tunesische gesellschaft konservativer als angenommen, wenn sie sich angst vor homosexualität einjagen lässt.

Die Türkei als Vorbild
http://jungle-world.com/artikel/2... 44211.html

Arbeiter
30
27.10.2011, 10:14
Ist Geschlechtertrennung islamisch oder islamistisch?

Der bekannte Islamgelehrte al Qaradawi beklagt die Unsitte, dass Frauen und Männerkörper in Kinos, Universitätshörsälen und öffentlichen Verkehrsmitteln miteinander in Berührung kommen. Eine Sünde im Islam. "Privat islamisch" wäre also für mich die Vermeidung dieser Sünde, indem die Frau im Haus bleibt. "Politisch islamistisch" wäre gesetzlich installierte Geschlechtertrennung an den genannten Orten. Habe ich das richtig verstanden?

BK W. Shoyssel
00
27.10.2011, 13:18

die Frau zu Hause "einzusperren" (auch wenn kein mechanisches Schloss an der Türe angebracht ist) halte ich auch für islamistisch.

Bernout
 
10
27.10.2011, 19:02

Laut Kr. 4:13 soll man "unzüchtige" Frauen bis zu ihrem Tod einsperren, nicht?

Aber als Außenstehender kenne ich mich ja nicht aus. Was ist denn der Unterschied zwischen "Islam" und "Islamismus"? Die Letzteren nehmen das ganze Buch ernst und die anderen betreiben Rosinenpickerei?

anders and
 
10
27.10.2011, 22:35

bei Sure 4:13 habe ich Ihre Aussage nicht gefunden, dort wird den Gläubigen doch das Paradies versprochen!

Bernout
 
01
27.10.2011, 22:51

Na, ist es eben bei 4:15! So weit hätten Sie ruhig weiterlesen können.

anders and
 
21
28.10.2011, 07:06

ich bewundere immer Menschen, die ein so klares Verständnis des Korans haben - mir ist bei der Sure alles unklar:

1) was bedeutet hier "unzüchtig sein"?
2) woher soll man 4 (!!!) Augenzeugen bekommen?
3) was bedeutet "einsperren" in einer nomadischen Gesellschaft und
4) was bedeutet der Zusatz "oder Allah für sie einen anderen Weg gefunden hat"?
5) wie passt das mit der Steinigung untreuer Ehefrauen zusammen

Fundamentalisten wie Sie tun sich da mit dem Verständnis halt viel leichter.

Bernout
 
00
28.10.2011, 10:23

Uninteressant. Barbarei bleibt Barbarei.

Konkreter mache ich den Verfassern dieses Texts keinen Vorwurf. Waren eben ignorante Menschen aus eine ignoranten Zeit, sie konnten es eben nicht besser wissen.
Aber wer heute noch deren Geschichten für voll nimmt, muss sich eben Kritik gefallen lassen.

Dieses postmoderne Zerreden ist doch dem Koran nicht würdig. Immerhin ein Text der sich kein Blatt vor den Mund nimmt.

anders and
 
21
28.10.2011, 15:40
Ihr Zugang ist fundamentalistisch

schon die Humanisten habe gefragt aus welcher Zeit der Text stammt, und was er konkret aussagt.

Hier haben Sie einen Text aus einer Zeit, in der Ehebruch nicht als Kavaliersdelikt gesehen wurde.
Was tut Mohammed? Er stellt absurd hohe Ansprüche an eine Verurteilung (4 Augenzeugen), so dass diese gar nicht möglich wird. Aber selbst im Falle einer Verurteilung ist eine Aufhebung der Strafe durch Allah möglich.
Aber ist das eine Strafe? Ist das zu Hause bleiben nicht ein Schutz gegenüber einer feindseligen, aggressiven Umwelt mit archaischer Sexualmoral?

Gerade dieser Vers kann als extrem liberal und humanistisch aufgefasst werden. Nur Fundamentalisten teilen Ihre Auffassung, dass es nicht nötig ist auf die Details des Textes zu achten.

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