Analyse

Last Exit für Nokia: Handy-Marktführer greift mit Windows an

26. Oktober 2011, 14:48

Neue Strategie soll Konzern aus den roten Zahlen führen - Große Anspannung bei Nokia World in London

Aufbruchstimmung an der Themse: Der immer noch weltgrößte Handy-Hersteller stellt in London seine ersten Smartphones mit Windows Phone vor. Eine neue Strategie soll die Talfahrt stoppen und den Konzern aus den roten Zahlen führen. Die Show stimmt wieder bei Nokia. Vorstandschef Stephen Elop lässt sich auf seiner Hausmesse feiern wie ein Popstar.

Das Abenteuer des Neuanfangs habe gerade erst begonnen, sagt er bei der Vorstellung der ersten Nokia-Smartphones mit Windows Phone, dem Betriebssystem seines früheren Arbeitgebers Microsoft. Aber hinter dem inszenierten Glanz für das neue Flaggschiff Lumia 800 spürt man die Anspannung: Wird der Beifall im Londoner Konferenzzentrum ExCel auch den im Handy-Geschäft zuletzt so brutalen Markt überzeugen und Nokia wieder voranbringen?

Stärken

Die Finnen sind bekannt dafür, gute Hardware zu produzieren. Aber das reicht nicht mehr aus. Auch die Hersteller von Mobiltelefonen müssen heute Internet-Firmen sein, müssen ein umfassendes Ökosystem bereitstellen, wie der Verbund von Hardware, Software und Diensten in der Branche genannt wird. Das gilt vor allem für Smartphones, also für die Handys mit Computer-Funktionen und Internet-Diensten.

Schon länger ist es deswegen für den Handy-Marktführer aus Finnland bergab gegangen. Seit dem Aus für das Nokia-Werk in Bochum (2008) hat die Nokia-Aktie inzwischen mehr als 75 Prozent verloren. In der gleichen Zeit sind Apple mit dem 2007 eingeführten iPhone und mehrere andere Hersteller mit dem 2008 gestarteten Google-System Android von einem Erfolg zum anderen geeilt.

Jetzt soll die vor acht Monaten vereinbarte Partnerschaft mit Microsoft den Durchbruch bringen. "Das Lumia ist das erste echte Windows-Phone", sagt Elop mit einem Seitenhieb auf Konkurrenten wie HTC (Taiwan) und Samsung (Südkorea), die neben Android-Geräten auch Smartphones mit Windows Phone herstellen. Nokia aber hat von Microsoft die Erlaubnis erhalten, diese Plattform in der aktuellen "Mango"-Version mit eigener Software und eigenen Diensten zu ergänzen. So zeigt der Startbildschirm des Lumia 800 mit den typischen Windows-Kacheln auch solche für die Dienste Nokia Drive, Nokia Maps und Nokia Music.

Vor allem die Kartendienste treibt Nokia voran und profitiert hier von der Technik der 2007 übernommenen Firma Navteq. Die mobile Navigation auf dem Lumia kenne mehr als 69 Millionen Orte, was die Zieleingabe sehr vereinfache, erklärt der bei Nokia für die Windows-Plattform zuständige Manager Kevin Shields. Bei der Präsentation zeigte er, wie man sich mit dem neuen Smartphone zu Big Ben, dem Wahrzeichen von London, führen lassen kann: "Take the first exit".

Analyse

Für Nokia soll die neue Strategie zum "last exit", zum vielleicht letzten, aber auch entscheidenden Ausweg aus schwieriger Lage werden. Weil der Smartphone-Boom noch am Anfang steht, sehen Marktforscher durchaus Chancen für Nokia, mit den Windows-Handys Anschluss zu finden an Apple und das Android-Lager. "Wir sind optimistisch, dass Nokia und Microsoft eine ausreichende gute Nutzererfahrung vermitteln können, um mit Android und iOS in Wettbewerb zu treten", meint Gartner-Expertin Carolina Milanesi. Bis 2015 sei ein Marktanteil von 18 Prozent bei Smartphones realistisch.

Erstes Angriffsziel ist RIM mit seinen Blackberrys, wie es Microsoft-Manager Achim Berg in einem Interview der "Financial Times Deutschland" zu Beginn der Woche deutlich gemacht hat. Danach könnte das Android-Lager den neuen Nokia-Wind zu spüren bekommen. Hier schätzen Experten das Ökosystem schwächer ein, weil die Bindung zwischen Hardware und Software-Plattform weniger eng ist. Android-Nutzer "würden leicht wechseln, wenn ihnen eine gute Alternative geboten würde", meint Milanesi. "Einen iPhone-Nutzer zu überzeugen ist sehr viel schwerer."

Global

Nokia wäre schon zufrieden, wenn es wieder Anschluss gewinnt an Apple und das Android-Lager. Denn der Konzern ist so global aufgestellt wie kein anderer Handy-Hersteller und bedient gezielt die Märkte in großen Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien. "Jede Sekunde werden bei Nokia 12 Handys produziert", sagte Elop, "und wir wollen das immer weiter vorantreiben."

So hat Nokia nun auch neben dem Flaggschiff Lumia 800 (ab Mitte November in Deutschland zum Preis von rund 500 Euro ohne Vertrag) und dem kleineren Lumia 710 (voraussichtlich Anfang 2012, etwa 320 Euro) auch eine neue Modellreihe namens Asha vorgestellt: Vier Handys zu Preisen zwischen 60 und 115 Euro (ohne Mehrwertsteuer), die das Nokia-System Symbian nutzen und dazu beitragen sollen, "die nächste Milliarde Menschen ins Internet zu bringen".

Elop sagte, mit diesen Geräten verschwimme die bisher klare Linie zwischen Smartphones und einfachen Handys. Die Asha-Handys sollen voraussichtlich ab 2012 auch in Deutschland vertrieben werden. Bei der Präsentation aber wurden vor allem junge Menschen in Entwicklungsländern gezeigt. "Asha kommt aus der Hindi-Sprache und bedeutet Hoffnung", sagte Elop. Und das gilt nicht zuletzt für Nokia selbst. (APA)

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13 Postings
Kaffeeschlürfer
10
27.10.2011, 11:42
die goldene Kuh N9 ...

ich weiss nicht warum es sich manche hier so drauf stehen ... das Teil ist teuer und hässlich!
Die Funktionen gibts auf iOS und Android, sogar Bada kann das was Meego kann! Jetzt wieder zrück zu Microsoft - mit den "Neuen" Handy´s die aussehen wie von HTC geklaut ... schwache Hardware ect. wenn da nix Revolutionäres kommt seh ich schwarz ... (-> echtes Multitasking, echtes 3D Menü mit mehreren Layern, die nicht nur links-rechts verknüpft sind sondern in mehrern Dimensionen (vorne, hinten, links, rechts, seitlich, ...) gesteuert werden kann ... ECHTE Software am Handy, ect.! Das wäre vielleicht ein Grund um Windows/Nokia noch eine Chance zu geben!

Cinemann
24
26.10.2011, 16:35
Man kann

Als Elop Nokia übernahm war die Firma so gut wie Pleite. Ein Unternehmen dieser Größenordnung kann man auch nicht innerhalb eines Jahres wieder auf die Siegerstraße führen. ich denke Nokia ist mit dem Windows Phone wieder auf dem Weg dorthin. Elop verzettelt sich hier auch nicht und konzentriert sich dabei auf das Wesentliche (Hardware). Und falls sie das Betriebssystem meinen, testen sie es 2 Wochen und schreiben sie dann wieder einen Bericht.
Und ich werde weder von Nokia noch von Microsoft bezahlt.

Jet Fuzzi
00
27.10.2011, 20:21

WP 7 ist nicht konkurrenzfähig, weder mit Android, schon gar nicht mit iOS.

Es wird den Untergang Nokia eher noch beschleunigen. Aber wir werden sehen.

gianni speranza1
00
27.10.2011, 14:27
gleichzeitig all seine eigenen plattformen für

fast tot (symbian) bzw praktisch tot (meego) zu erklären, sowie den Umstieg auf ein bis dato am Markt enttäuschendes WP7 anzukündigen ohne auch nur ein einziges fertiges produkte zu haben ist strategisch ein Schuss ins Knie, der von den folgenden Aktionen (Verkauf von Qt, Rauswurf von ~90% aller SW Entwickler = faktische Unumkehrbarkeit des Entschlusses) bestätigt wird.

All diese Massnahmen sind mutig, ergeben aber nur Sinn wenn sich daraus ein Marktanteil und eine Gewinnsituation ergibt die über d.der besten Alternative liegt: Android (nebst Eigenbausystemen). Ein Nokia/Android plus ein paar Symbians/Meegos (status Quo) könnte Nokia schlagartig in die Sphären von Samsung spielen -> das muss also die Messlatte sein will man Elop bewerten.

gerhard maierhofer
21
26.10.2011, 22:27

als elop nokia übernahm schrieb nokia gewinne und hatte steigende verkaufszahlen (lediglich der marktanteil sank) dann kam das berühmte februar announcement und nokia schrieb zum ersten mal seit ewigkeiten verluste bei einbrechenden auslieferungen (verkaufzahlen waren nicht mal so schlecht) dazu sackte der aktienkurs massiv ab. und dann stellt sich heraus dass der nachfolger n9 von der fachpresse geliebt wird....

für mich haben die windows phone nokias kaum chancen, die frage ist eher wie sehr die elop episode nokia nachhaltig geschadet haben wird.

Roland Schweiger1
01
27.10.2011, 15:50
das Absacken des Aktienkurses war aber reine Psychologie -

wie eben so oft bei Anlegern. Es gibt dafür überhaupt keine reale Erklärung.

von henning
 
01
26.10.2011, 18:31

"So gut wie pleite" war Nokia damals keineswegs und sind sie auch heute nicht. Sie waren nur im Smartphone-Bereich völlig chaotisch unterwegs und hatten offenbar keinen Plan, wohin und womit.

Einerseits war klar, dass mit Symbian kein Blumentopf mehr zu gewinnen war, andererseits war die Symbian-Group innerhalb der Firma aber extrem stark und konnte alles andere untergraben. Man hatte den Eindruck, im Inneren würde jede Abteilung gegen jede andere kämpfen.

Dann rang sich der Board zur bewundernswerten Entscheidung durch, Stephen Elop weitreichende Kompetenzen und Rückhalt zu geben - das war fast vergleichbar mit dem berühmten Gummistiefel-Schritt und ich schätze, es wrd ähnlich erfolgreich.

Jamaine
31
26.10.2011, 22:15
Ich muss es endlich loswerden... II

Die Vorteile von iOS sind die perfekte Usability und das tighte Zusammenspiel der Services und Komplementärangebote. Die Vorteile von Android ist die (bis Bada) offenste Plattform und die daraus resultierende Verbreitung. Microsoft hat beides nicht und liefert außer einem netten Usability Ansatz nichts, was die anderen Plattformen nicht besser machen würden. Insofern ist das N9 die Zukunft, die Nokia hätte retten können. Das, was jetzt kommt, wird ein paar Business-Typen vom Hocker hauen, weil sie endlich auch hier Exchange synchronisieren können - but you know what: no one cares about that shit anymore. It´s the web, stupid. It´s Google. It´s open standards again. Und davon hat sich Nokia definitiv verabschiedet. Gute Nacht.

ChilliPalmer
10
27.10.2011, 01:31
"perfekte Usability"?

WP hat mindestens genau so eine gute Usability wie iOS. Und die Services vergessen wir auch? Zune, Xbox, Office, SkyDrive, Windows Live, Skype – bald?

Wies dir halt grad so passt, in dein distortion field…

Jet Fuzzi
00
27.10.2011, 20:23

WP ist übel grausam, die Usability ist weder mit Android noch iOS auch nur vergleichbar.

Zune, Xbox, SkyDrive - zum lachen.

ChilliPalmer
00
27.10.2011, 20:26
Ah, jemand der das OS schonmal in der Zeitung gesehen hat!

Xbox, wird nie eine Chance gegen Sony und Nintendo haben!
SkyDrive, lol 25GB Cloudspeicher, viel zu lame!
Zune Music Pass, Music streamen und runterladen, wer braucht sowas?

Sonst noch irgendwelche lachhaften Aussagen?

buzi
00
26.10.2011, 17:42

So gut wie pleite? Dann haben Sie aber andere Abschlussberichte als ich.

Matt Canalegrande
83
26.10.2011, 15:21
Wie kann man nur

so anhaltend und nachhaltig daneben greifen?!

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