US-Abzug aus Irak: Teheran hat gut lachen

Analyse26. Oktober 2011, 14:18
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Wenn ein schiitischer Geistlicher auf die „Frage" eines seiner Anhänger oder Schüler eine Antwort formuliert, dann wird in der öffentlichen Wahrnehmung schnell eine Fatwa - ein islamisches Rechtsgutachten - daraus. Dies passiert soeben mit einer Aussage des irakischen Schiitenführers Muqtada al-Sadr: Er hat gesagt, dass das amerikanische Botschaftspersonal in Bagdad als „Besatzer" anzusehen sei, gegen das man Widerstand leisten müsse.

Der norwegische Irak-Experte Reidar Visser nannte den Sadr-Sager am Samstag die "wichtigste Meldung aus dem Irak an diesem Wochenende". Damit spielt er natürlich darauf an, dass so viele Medien - auch in Österreich - am Freitag die Meldung, dass die US-Armee Ende 2011 komplett aus dem Irak abziehen werden, als "Überraschung" bezeichneten - und als Einlösung des Wahlversprechens von US-Präsident Barack.

Selbstverständlich war das Obamas Linie in der Öffentlichkeit - aber abziehen hätte auch können, ohne dass er monatelang mit dem Irak über eine US-Restpräsenz verhandelt hätte. Dass diese Verhandlungen scheitern würden, zeichnete sich seit Wochen ab, seit einer Woche war es fix. Und dass die USA niemals eigene Soldaten ohne ausreichende rechtliche Immunitäten in einem Land lassen würden, und im Irak schon gar nicht, war auch glasklar.

Bauchweh haben aber im Grunde beide Seiten, die irakische und die amerikanische Regierung - deshalb wird über den Verbleib von doch noch ein paar „Ausbildnern" weiterdiskutiert, wobei sehr kreative rechtliche Lösungen angedacht werden. Der irakische Generalstabschef Babaker Zebari sagte ganz unverhohlen, dass die irakische Armee noch nicht alleine zurecht komme, wobei der Wunsch nach einer US-Präsenz bei den Kurden natürlich am stärksten vorhanden ist, und General Babaker ist ja doch ein Kurde...

Uneingeschränkt freuen kann man sich hingegen in Teheran - was ja genau der Grund ist, dass Obama bereit war, sogar sein heiligstes Wahlversprechen zu brechen und doch noch länger im Irak zu bleiben. Und einen Erfolg verbucht natürlich auch Muqtada al-Sadr, der den kompletten US-Abzug immer gefordert hatte. Ob er wirklich von seinem Sieg so inspiriert ist, dass er nun auch die US-Botschaft in Bagdad nicht mehr tolerieren wird, bleibt noch zu sehen. Auch Sadr muss, wie alle Politiker, seine Klientel rhetorisch bedienen.

Muqtada al-Sadr ist der Spross - und war 2003 der einzige Überlebende von öffentlicher Relevanz - einer alten irakischen schiitischen klerikalen Familie, die von Saddam Hussein verfolgt wurde. Es selbst stilisierte sich nach 2003 als irakischer Nationalist und wollte sich so bewusst vom Klerus in der heiligen Stadt Najaf oder der Kleriker- und Politikerfamilie Hakim mit ihrer im Iran gegründeten Partei „Höchster Rat der Islamischen Revolution im Irak" abheben. Sadr mobilisierte und kontrollierte nach 2003 weite Teile der jungen, sozial schwachen Schiiten im Irak und befehligte die berühmt- berüchtigten Mahdi-Milizen, die er während des Bürgerkriegs 2006/2007 aber nicht mehr voll unter Kontrolle hatte.

Von den Amerikanern mit einem Haftbefehl gesucht - wegen der Ermordung des ebenfalls aus einer berühmten klerikalen Familie stammenden Abdelmajid al-Khoei im April 2003 - hielt sich Sadr immer von Bagdad fern und ging 2007, vielleicht auch angesichts des Wahnsinns des Bürgerkriegs im Irak, ins iranische Qom, zum Studium der Theologie. Seine fehlende theologische Ausbildung war ihm immer wieder zum Vorwurf gemacht worden. Sein politischer Arm, die Sadristen, mischte als starke Parlamentspartei jedoch immer in Bagdad mit, auch in der Regierung. Vergangene Woche kehrte Sadr nun - wieder einmal - „endgültig" nach Najaf zurück. Es ist wohl auch so, dass er zu lange weg war, seine Leute sind zerstritten und unkoordiniert, er muss sein Büro neu aufstellen.

Zum Iran hat Sadr ein ambivalentes Verhältnis: Wie gesagt, er sieht sich explizit als „Iraker" - militärische und andere Unterstützung vom Iran für seine Milizen, die den USA und den im Südirak stationierten Briten das Leben schwer machten, nahm er trotzdem. Nach den Wahlen 2010 blockierte er lange die Wiederernennung von Nuri al-Maliki zum Premierskandidaten des schiitischen Blocks (Maliki war in seiner ersten Amtszeit gegen die Mahdi-Armee vorgegangen) - so lange, heißt es, bis Teheran ihm „empfahl", Maliki zu unterstützen. In gewisser Weise verdankt Maliki Teheran also seine zweite Amtszeit.

Interessant ist, dass fast gleichzeitig zur Heimkehr Sadrs in Najaf ein anderer berühmter Kleriker dort ein Büro eröffnet: der irakisch-stämmige Ayatollah Mahmud Hashemi Shahroudi, der im Iran jahrelang Justizchef war. Er rückt seiner alten Heimat wieder ein Stück näher - und sein Name wird gleichzeitig als potenzieller Nachfolger des religiösen Führers im Iran, Ali Khamenei, genannt. Shahroudi ist ein unerschütterlicher Anhänger des Khomeinismus, das heißt, des politisch-religiösen Systems im Iran, des velayat-e faqih (Herrschaft des Rechtsgelehrten). Khomeini hat zwar seine schiitische Staatstheorie formuliert, während er in den 1970er Jahren im irakischen Nafaj im Exil war, im Irak fand er jedoch nur wenige Anhänger dafür.

Es ist durchaus üblich, dass Ayatollahs auch in heiligen Städten, in denen sie nicht ansässig sind, Büros eröffnen: Der wichtige irakische Ayatollah Ali Sistani, seinerseits iranisch-stämmig, hat eines in Qom. Aber dass angesichts dieser Gemengelage jene Iraker und Irakerinnen, die den iranischen Einfluss im Irak fürchten, beim Gedanken an den Abzug der Amerikaner nicht gut schlafen, kann man verstehen. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 26.10.2011)

  • US-Soldaten bei der Ankunft in der Heimat.
    foto: epa/erik s. lesser

    US-Soldaten bei der Ankunft in der Heimat.

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