Rekonstruktion eines steinzeitlichen Gesichts

30. Oktober 2011, 15:43
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Der 15-jährige "Viste-Junge" lebte vor 7.500 Jahren und hatte eine Missbildung

Stavanger - Im Südwesten Norwegens liegt die Vistehöhle, eine der bedeutendsten steinzeitlichen Fundstätten des Landes. Die unweit der heutigen Stadt Stavanger gelegene Höhle dokumentiert eine Besiedelungsgeschichte, die sich vom Mesolithikum bis zur Eisenzeit erstreckt. Der vermutlich wichtigste Einzelfund aus der Höhle wurde 1907 gemacht: das gut erhaltene Skelett eines 15-Jährigen, der vor 7.500 Jahren lebte, des sogenannten "Viste-Jungen".

Seine Lebensumstände konnten zum Teil bereits rekonstruiert werden. So weiß man, dass er einer Gruppe von 10 bis 15 Personen angehörte und dass die Bewohner dieser Region damals noch von der Jagd lebten. Aus fossilierten Überresten, die in der Höhle gefunden wurden, konnte abgeleitet werden, dass Elche und Wildschweine ebenso auf dem damaligen Speisezettel standen wie Fisch und Meeresfrüchte sowie Vögel. Erst vor etwa 6.000 Jahren begannen die Menschen in dieser Region auch mit der Landwirtschaft.

Wiedererkennungswert

Nun haben sich Forscher der Universität Stavanger dem Viste-Jungen selbst zugewandt und versucht ihm sein Gesicht zurückzugeben. Der Schädel wurde mit einem Laser-Oberflächenscanner exakt vermessen, anschließend wurde die weniger beschädigte Hälfte des Schädels gespiegelt, um als Basis für eine erste digitale Rekonstruktion zu dienen. Nach dieser wurde ein Plastikmodell angefertigt, auf dem die Ansätze der Gesichtsmuskeln in Ton aufgetragen wurden, bis sich Schicht um Schicht das vollständige Gesicht ergab. Dieses wurde in eine Gussform eingebettet, um ein ausstellungsreifes Kunstharzexemplar herzustellen, welches - bemalt und um Glasaugen ergänzt - künftig im Archäologie-Museum Stavangers zu sehen sein wird.

Der Viste-Junge war zum Zeitpunkt seines Todes 15 Jahre alt und kaum 1,25 Meter groß. Wie die Rekonstruktion zeigte, wies sein Kopf eine Scaphocephalie genannte Deformation auf, die zu einer langen, schmalen Kopfform führt, ohne aber ernsthafte gesundheitliche Probleme mit sich zu bringen. Es wurde darüber spekuliert, dass der steinzeitliche Teenager wegen seines frühen Todes kränklich gewesen sein könnte - das können die Forscher aber zumindest anhand der aktuellen Rekonstruktion nicht bestätigen: Ihren Ergebnissen nach ist der Viste-Junge ziemlich robust undd alles andere als ein Schwächling gewesen. (red)

 

  • Vom Ausgangsmaterial ...
    foto: terje tveit

    Vom Ausgangsmaterial ...

  • ... über die Rekonstruktion der Muskulatur ...
    foto: jenny barber

    ... über die Rekonstruktion der Muskulatur ...

  • ... bis zum fertigen Gesicht (die Pressebilder waren übrigens winzig, wir können sie nicht größer zeigen).
    foto: jenny barber

    ... bis zum fertigen Gesicht (die Pressebilder waren übrigens winzig, wir können sie nicht größer zeigen).

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