Griechenland: Undifferenziertes Sparen garantiert den wirtschaftlichen Niedergang

Leser-Kommentar | Paul Kellermann, 25. Oktober 2011, 16:14

Sicher, Schulden sollten beglichen werden, aber nicht zu Lasten produktiver Arbeit, die allein den Wert des Geldes zu sichern ermöglicht

„Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt und deshalb müssen wir sparen!" (Angela Merkel, deutsche Bundeskanzlerin) Ist es nicht erstaunlich, dass sowohl den verantwortlichen Politikern als auch den Ton angebenden Wirtschaftswissenschaftlern die volkswirtschaftliche Bedeutung von Geld offensichtlich unbekannt ist? Selbst der rapide wirtschaftliche Absturz Griechenlands scheint nicht gelehrt zu haben, dass undifferenziertes Sparen genau das Gegenteil vom Angezielten bewirkt.

Eigentlich sollte doch klar sein, dass Geld nur dann Wert hat, wenn es dafür etwas zu kaufen gibt. Und kaufen können wir das, was wir täglich brauchen, nur dann, wenn es erarbeitet wurde. Doch weder das massenweise Entlassen von Arbeitskräften, um zu sparen, noch die gegen dieses Sparen protestierenden Streiks lassen Brauchbares erarbeiten.

Geld bedingt produktive Arbeit

Weil anscheinend beim Denken an Geld das Denken aufhört - das ist Folge der Geldgläubigkeit, des „Moneyismus" -, wird vergessen, was Geld seinen Wert gibt: Güter und Dienste, also Leistungen, die für Geld zu kaufen sind. Folglich müsste zu allererst an die Bereitstellung/Erarbeitung von kaufbaren Leistungen gedacht werden und dann an Geld als Mittel zur Bereitstellung von Leistungen. Doch im Vordergrund stehen die Geld-Schulden, die beglichen werden sollen. Sicher, Schulden sollten beglichen werden, aber nicht zu Lasten produktiver Arbeit, die allein den Bedarf an Leistungen zu decken und den Wert des Geldes zu sichern ermöglicht.

Die fälligen Kredite mit wiederum nur geliehenem Geld zu bedienen, hat zwei bedeutsame Folgen: Das Geld steht dem Staat nicht zur Organisation der wirtschaftlichen Kräfte zur Verfügung und die Gläubiger (Pensionskassen, Versicherungen, Banken etc.) wollen und müssen das zurückerhaltene Geld wieder in Finanzwerten anlegen, da sie ja selbst weder Konsum- noch Investitionsgüter produzieren. Also bieten sie das zurückerhaltene Geld am besten - wegen des gestiegenen Risikos zu höheren Zinssätzen - den „Griechen" wieder an ... eine Spirale nach unten! Die Lehre: Undifferenziertes Sparen garantiert den wirtschaftlichen Niedergang. (Leser-Kommentar, Paul Kellermann, derStandard.at, 25.10.2011)

Autor

Paul Kellermann, Jg. 1937, ist emeritierter Soziologie-Professor. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Arbeits-, Bildungs- und Geldsoziologie sowie Hochschulforschung. Er ist Herausgeber einschlägiger, interdiszilinärer Bücher wie "Die Geldgesellschaft und ihr Glaube" und "Geld und Gesellschaft".

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TheMarti
00
27.10.2011, 09:36
Korruption garantiert den Niedergang

artemis70
00
26.10.2011, 18:32
nicht von sich auf andere schließen!

vielleicht hat ja frau merkel über ihre verhältnisse gelebt, ich - und da bin ich wohl nicht allein - mit sicherheit nicht.

Gospod
12
26.10.2011, 15:34
Griechenland: Undifferenziertes Sparen garantiert den wirtschaftlichen Niedergang

undifferenziertes schuldenmachen garantiert jedoch auch den wirtschaftlichen niedergang. nicht nur jenen von griechenland. abgesehen davon, dass griechenland nach wie vor mehr ausgibt als es einnimmt. da kann nicht wirklich von sparen gesprochen werden. aber das kriterium für das prädikat "sparen" scheint ohnehin zu sein: wir hätten ja noch mehr ausgeben können.

byron sully
12
26.10.2011, 14:31

das ist auch logisch (nämlich daß eine stärkung des konsums dem staat mehr einnahmen bringt und somit die schulden reduziert). aber die neoliberale logik ist eine andere: den konsum schwächen, das geld den banken und konzernen schenken, weil die ja ach so arm sind...

Nichtschweiger
 
00
26.10.2011, 17:18
Reduzieren wir das ganze einmal auf nur ein Person...

...wenn SIE nur Schulden haben und ihnen niemand mehr Geld leiht können sie kaum argumentieren, dass das schlecht für den Konsum und die Steuerleistung des Landes ist wenn sie nichts mehr kaufen können. Sie bekommen trotzdem kein Geld mehr.

Zu viele hier haben offensichtlich die selben Probleme mit der Logik wie sie!

Was weiter unlogisch ist: Wenn in Griechenland die Steuerhinterziehung und die Schwarzarbeit so weit verbreitet ist dann stimmt nicht einmal ihr Argument mit den höhere Einnahmen für den Staat! Da fließt das Geld, welches sie für die Stärkung des Konsums fordern direkt in die Schattenwirtschaft.

byron sully
00
27.10.2011, 19:03

dann argumentieren sie mal, wie eine schwächung des konsums die budgetsituation verbessern soll - ich bin gespannt.

Nichtschweiger
 
00
27.10.2011, 20:14
Gar nicht! Es führt trotzdem kein Weg vorbei!

Sie müssen endlich einmal die eigentlich logische Barriere überwinden, dass wen sie kein Geld mehr haben auch nichts mehr kaufen können! Da stellt sich die Frage nach dem Zusammenbruch des Konsum nicht - dass ist unvermeidbar!

Für Griechenland VOR dem Haircut hätte das geheissen - runter im freien Fall bis zum Erdboden und dann wieder langsam hochrappeln.

Schauen wir einmal wie es jetzt weitergeht in Griechenland!

Gospod
00
26.10.2011, 15:36
das

ist die üblich "parteitaglogik", die uns von den herrschenden der partediktar verkaufen wollen. nur sollte man nicht vergessen, dass jede blase einmal platzt. so wie derzeit die griechische. darüber zu reden, wie das platzen langsamer ablaufen könnte, ist schon müsig.

Bergdolm
13
26.10.2011, 13:30
Wir haben nichts Positives zu erwarten

.
Wenn Europas "Chefin" Merkel den Satz: „Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt und deshalb müssen wir sparen!" von sich gibt, kann man sich vorstellen, welche wirtschaftliche Ahnungslosigkeit in der Spitzenpolitik vorherrscht.

Einen fast identen Ausspruch hat auch unser BP Heinz Fischer vor einiger Zeit von sich gegeben - und sehr viele andere auch.

Und ich bin sicher, dass "das Volk" diesen Satz mehrheitlich auch für richtig hält.

Aber er ist falsch! Das beginnt bereits mit der Frage, wer ist "wir".

Unser System baut auf "Wachstum und Schulden" auf.

Das zu verstehen, ist für viele ungemein schwer.
Eine "Systemänderung" wollen die Menschen aber auch nicht.
Deshalb wird unser System "demokratisch" untergehen! Leider.

Albatros99
00
26.10.2011, 13:57
Re: Bergdolm

Gebe Ihnen recht, aber wird es nach dem Untergang einen demokratischen Neubeginn geben?, da bin ich eher skeptisch, aber wie heisst es so schön, die Hoffnung stirbt zuletzt ;-)

Albatros99

Bergdolm
00
26.10.2011, 14:29

Es gibt Begriffe, die sind positiv besetzt und andere negativ.
"Demokratie" und "demokratisch" gehören eindeutig zu den positiven - zumindest in unserem Kulturkreis.

"Gerechtigkeit" gehört auch dazu.

Zum Glück hinterfragen die wenigsten Menschen diese Begriffe.

Einige Beispiele - zum Nachdenken:
* Wie würde wohl eine "Volks"-Abstimmung über einen Griechenland EU-Verbleib ausgehen?
* Wie würde wohl eine "Volks"-Abstimmung über eine Benzipreisreduktion um 50% ausgehen?
* Wie würde wohl eine "Volks"-Abstimmung über eine sauberere Umwelt ausgehen?
* Wie würde wohl eine "Volks"-Abstimmung über Steuerreduktionen ausgehen?
* Wie würde wohl eine "Volks"-Abstimmung über höhere Bildungsausgaben ausgehen?
* Wie ... ?

Name d. Red. bekannt
16
26.10.2011, 12:44

auch hat der begriff "sparen" etwas manipulatives - worauf soll denn gespart werden? es geht einfach ums kürzen

Gospod
00
26.10.2011, 15:37
mehr ausgeben als einnehmen

ist jedenfalls nicht sparen. was immer griechenland macht, sparen ist es nicht

Lars Jonka
02
26.10.2011, 12:13
undifferenziertes SCHULDENMACHEN

garantiert den Untergang.
Und das haben die griechischen Politiker hemmungslos betrieben, nachdem sie billig borgen konnten, da die Zinsen für sie durch den Beitritt zum Euro drastisch gefallen waren.
Das heißt: Griechenland konsumierte hemmungslos auf Kosten der Nettozahler, die dafür HÖHERE Zinsen verdauen mußten.

KERN-EUROPA der Stabilität bilden (Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Luxenburg, Finnland).
dazu Alan Greenspan: http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2011/10/g... itern.html
ab min 7:30
Zusammenschluß funktioniert nur bei ähnlichen Kulturen !

Lichtfreak
00
26.10.2011, 16:20
Wir wollen nicht

in eine solche EU!

Da müsste schon noch was gehen in Sachen direkte Demokratie ...

ei padauz
04
26.10.2011, 11:39
Für alle die es lieber "ökonomischer" haben:

Marshall Auerback and Rob Parenteau: The Myth of Greek Profligacy & the Faith Based Economics of the ‘Troika’

http://bit.ly/oH3lej

Nee-Chee
00
26.10.2011, 14:29

Sehr guter Artikel mit einer Menge Infos. Danke für den Link.

Pirx2
06
26.10.2011, 12:57
Danke!

Es gibt auch Intelligenteres zum Thema "die Griechen" als das was BILD verbreitet.

Die Deutschen Bänker haben die riesigen, angesparten Export-Gewinne aus Eurokurs und den Lohnssenkungsrunden z.B. in amerikanische Bretterlbuden "investiert", weil sie vor Geld nicht mehr laufen konnten. Nun ist halt auch bisschen in Griechenland gelandet.

Zudem wurden die Griechenland-Kredite über Geschäftsbanken ausgereicht. Und die haben für "Bonitätsprüfung" Kosten verrechnet und "Risikoprämien" kassiert.
Immerhin sieht man, dass man diese Clowns (offenbar so produktiv wie viele griechische Staatsbeamte) zu nichts brauchen kann.

Arbeiterführer Kuhaltinger
 
52
26.10.2011, 09:47
Ein Kraut und Rüben Artikel

was will uns der Autor mit diesem Artikel sagen? Sparen ist Pfui und geht nicht? Arbeitskräfte entlassen ist noch viel mehr pfui und geht schon gar nicht? Dürfen wir den pt Professor aus Nicht-Heidelberg auf kleine aber feine Unterschiede aufmerksam machen: 1. Die Griechen sparen nicht, sie steigern die Ausgaben sogar noch kräftig. Sie bekommen einfach kein Geld mehr um ihre (unverantwortlichen)Ausgaben tätigen zu können. Von einem Kürzen der Ausgaben keine Spur. 2. Arbeitskräfte entlassen---nun welche werden entlassen? Beamte, die die Paddei mit einem Gehaltsanspruch versorgt hat, keinerlei Nutzen haben (weder für die Verwaltung noch für die wertschöpfende Wirtschaft). Der Gehaltsanspruch war im übrigen ein fürstlicher, auch für Österreich

saunaecho
00
26.10.2011, 17:20
Professor allein ist nicht genug

Es wird nicht gekauft, weil es zu teuer ist - also muss es billiger werden. Wenn man die Währung nicht abwerten kann, dann muss man die Löhne senken um billiger verkaufen zu können. Lettland hat das mit Erfolg und ohne Streiks vorgezeigt. Egal was man tut, der Lebensstandard wird immer sinken - auch weil er vorher schuldenfinanziert zu hoch war.

Elisabeth Stein
00
26.10.2011, 16:35
..keinen Nutzen haben, leider keine Roboter sind,

denn da könnt man einfach den Stecker ziehn. So aber, lauter Leut, schwer kostengünstig zu entsorgen.

Pirx2
17
26.10.2011, 10:37
"1. Die Griechen sparen nicht ...

...sie steigern die Ausgaben sogar noch kräftig."

Noch nicht mal die Tatsachen werden gewusst. Griechenland spart - die Ausgaben steigen NICHT.

Sie sparen nach "allgemeiner" (BILD-Zeitung? Kronen?) Ansicht aber zuwenig.
Die Verschuldung steigt relativ, weil die Einnahmen noch schneller wegbrechen. Diesen Zusammenhang braucht der Wutbürger aber genausowenig anzuerkennen wie die Tatsachen. Er soll seine Meinungsfreiheit geniessen und seinen Dampf auf andere ablassen können.

Heh', sogar das Wort "korrupte griechische Klientelpolitik" fällt hier in den Kommentaren. Echt witzig das, aus Österreich.

Der Mann
12
26.10.2011, 11:51
Sie

Haben keine Ahnung..
Die Neuverschuldung ist 8 Prozent vom BIP - wo wird da gespart..

Die geben noch IMMER mehr aus, als sie erarbeiten

Alkolix
02
26.10.2011, 15:08
sparen ist nicht möglich!

wenn nur wir zwei in griechenland sind und sie mir um 100€ brot und ich ihnen 100€ gemüse pro jahr abkaufe und sie dann beschließen zu sparen und nurnoch für 90€ brot zu kaufen dann gibt es folgende 3 möglichkeiten
1. ich werde im selben moment nur noch für 90€ gemüse kaufen

2. ich verschulde mich um 10€

3. ich habe 10€ vermögen und und gebe dieses an sie ab

d.h. wenn der Staat Schulden zurückzahlen will - dazu muss es gewinn machen, muss er von möglichkeit 2 oder 3 gebrauch machen

d.h. enteignung von vermögen oder umschuldung auf die (europäische) bevölkerung

---------
gleichzeitig gilt - solange die privatwirtschaft im gesammten gewinne einfährt muss der staat schulden machen

Andreas Prucha
00
26.10.2011, 15:07

Wenn man mit einem Crash-Sparkurs das BIP (also die Realwirtschaft) in den Keller schiesst, ist diese Folgewirkung unvermeidlich, weil die Steuereinnahmen wegbrechen und die Arbeitslosenkosten steigen. Wenn die breite Masse mehr oder minder schlagartig viel weniger hat muss die Wirtschaft zusammenbrechen. Wer investiert oder konsumiert in einem verarmenden Umfeld mehr als notwendig?

Die wirklich wohlhabenden habens leicht ihr Geld irgendwo ins Ausland zu transferieren und dort zu verstecken. Bleibt also nur die Mittelschicht und die Ärmeren. Bei den Ärmeren ist nix zu holen und die Mittelschicht ist selbst massiv unter Druck.

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