Big Brother Award geht an A1-Chef und "Österreich"-Gründer

25. Oktober 2011, 21:26
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Lebenslanges Ärgernis: Mark Zuckerberg - Geehrt: Max Schrems und Facebook-Kläger

Der Big Brother Award stand dieses Jahr unter dem Motto "es gilt die Unschuldsvermutung". Ganz unschuldig sind die unrühmlichen Gewinner aber gewiss nicht, werfen ihnen die Juroren unter anderem doch vor, das Internet kontrollieren zu wollen, Antiterror-Populismus zu betreiben, Sozialhilfebezieher bloßzustellen und Menschen "medial hinzurichten". Zu schlechter Letzt wurde Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zum "Lebenslangen Ärgernis" ernannt. Es gibt aber auch Positives vom Kampf gegen die User-Durchleuchtung zu vermelden Jus-Student Max Schrems und die Facebook-Kläger wurden als "Defensor Libertatis" geehrt.

Alle Auszeichnungen in den jeweiligen Kategorien im Überblick:

Business und Finanzen

Hannes Ametsreiter, Telekom Austria: Großer Bruder mit Infrastruktur

"Wir besitzen die Infrastruktur. Wir sollten auch entscheiden, wer sie benutzt." Mit dieser Ansage gegen die Netzneutralität im Wallstreet Journal hatte sich Hannes Ametsreiter, CEO der Telekom Austria, im Februar kurzfristig an die Spitze der internationalen IT-Nachrichten katapultiert. Wenn Anbieter von Internettelefonie die Einkünfte der TA bedrohten, dann sei es ja wohl gerechtfertigt, hier einzugreifen. Netzneutralität, also die Gleichbehandlung aller Daten bei ihrer "Auslieferung" ist ein grundlegendes Paradigma des Internets. Mit grobschlächtigen Ansagen - Uns gehören die Kabel, daher bestimmen wir, was an Informationen drüber läuft - versuchen die Telekoms gerade europaweit, die Netzneutralität auszuhebeln. Der Grund ist simpel: Man will von Content-Anbietern wie vom eigenen Kunden für dieselbe Leistung ein zweites Mal kassieren.

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Politik

Johanna Mikl-Leitner, Beatrix Karl (ÖVP): Antiterror-Populismus, Leichenfledderei

Die Antwort sei nicht mehr Repression und Einschränkung der Bürgerrechte, sondern noch mehr Offenheit. Das war die Reaktion des norwegische Premiers Jens Stoltenberg auf das Massaker eines irren Rechtsradikalen. Und hierzulande? Hier haben die Leichenfledderer neue Polizeibefugnisse durchgesetzt. Im fernen Norwegen waren noch nicht alle Toten identifiziert, da traten die Innen- und die Justizministerin in Wien vor die Kameras. Um solche Attentate zu verhindern, müssten die polizeilichen Befugnisse erweitert werden. Neben extremistischen Gruppen sollten auch - ohne dass irgendeine Straftat vorliegt - Einzelpersonen nach Gutdünken observiert werden können. Die Indizien für eine mögliche, zukünftige Straftat holt man sich durch die solchermaßen "erweiterte Gefahrenerforschung" aus dem Internet. Hier geht es um nichts anderes als um die Einrichtung einer weiteren Datenbank, die Personen enthält, denen seitens der Polizei eine künftige, schwere Straftat zugetraut wird. Es gilt also die Schuldvermutung. Wer aller darin landen wird, mag man sich vorstellen, weil gleichzeitig herauskam, dass eine ehemalige ÖH-Vorsitzende in der Extremistendatenbank geführt wird.

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Behörden und Verwaltung

Renate Christ, Leiterin MA 40: Offenbarungseid für Arme

Dass Sozialhilfebeziehern ein Sozialstriptease abverlangt wird, ist in den Nominierungen der letzten Jahre nachzulesen. Die neue "Mindestsicherung" ist da nicht anders, wobei ausgerechnet das "Rote Wien" die Schraube besonders fest anzieht. Antragsteller werden davon in Kenntnis gesetzt, dass ihre Daten vom AMS bis Bundespolizei und Arbeitgeber an insgesamt 15 Stellen übermittelt werden und diesen Instanzen zugleich Auskunftsrechte über den Antragsteller eingeräumt werden. Das Besondere an der Wiener Lösung: Informiert wird auch der Vermieter, was sich die MA 40 gleich einmal kollektiv per Unterschrift mitbestätigen lässt. Erst darunter wird auf das Recht zum Widerruf dieser Vorabzustimmung hingewiesen, ein Eintragsfeld im Formular gibt es dazu nicht. Wie viele jener, die weniger als 752,94 Euro pro Monat zur Verfügung haben, werden sich wohl getrauen zu widerrufen, wenn von Amts wegen erst einmal zuzustimmen ist. Wie wird ein Vermieter angesichts der Wiener Wohnungsknappheit auf die amtliche Information wohl reagieren, dass ein bis dato unauffälliger Mieter plötzlich Mindestsicherung bezieht? Die Rechtfertigung der MA 40, dass man in Wien gleich einmal alles unterschreiben muss, fällt - wie immer, wenn Sozialdemokraten bei so etwas erwischt werden - entsprechend lahm aus. Der übliche Sermon "wir haben eh nur" und "es war ja gar nicht so, sondern nur gut gemeint" im Wording der MA 40: Die Zustimmungserklärung werde "nur verwendet, wenn es unbedingt notwendig ist", etwa um "Mietrückstände, von denen wir vom Klienten nichts erfahren haben, zu überweisen".

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Kommunikation und Marketing

Wolfgang Fellner: Opa des Inzest-Journalismus

Wenn es auf dem Boulevard so richtig grindig abgeht, weil die Kleinformate um den dreckigsten Aufmacher raufen, dann wird kein Richter mehr gebraucht, um Urteile zu fällen. Dann schlägt die Stunde der Absolventen der Wolfgang-Fellner-Schule, denn die sind es gewohnt, tief in den Kübel hineinzugreifen. Ein 80-jähriger Oberösterreicher, der durch die Aussagen seiner beiden [geistig behinderten] Töchter kurzfristig in Untersuchungshaft gekommen war, wurde vom Boulevard aus dem Stand verurteilt und medial hingerichtet. "Das ist der Inzest-Opa" titelte das Fellnerblatt, dessen Name allein schon eine Zumutung für alle Österreicher ist. Daneben war nicht nur das Foto des Hingerichteten, es wurde auch in die privaten Räumlichkeiten angeblicher Opfer fotografiert. "Ein einziger Müllhaufen" lautete eine Bildunterschrift, die ebensogut unter ein Foto aus einer "Österreich"-Redaktionssitzung gepasst hätte. Der Verdacht gegen den 80-Jährigen hatte sich bald danach in Luft aufgelöst, sämtliche "Inzest-Opa" Stories wurden aus dem Onlinearchiv des Fellnerblatts purgiert.

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    Big Brother Award-GewinnerInnen: Ametsreiter, Karl, Mikl-Leitner, Fellner. Nicht im Bild: MA 40-Leiterin Christ und Facebook-Gründer Zuckerberg

  • Big Brother Award 2010-Gala

    Big Brother Award 2010-Gala

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