Die Instrumente zur Lösung der Hochschulmisere liegen seit langem auf dem Tisch. Nur muss man Ziele und Folgen des Mitteleinsatzes besser reflektieren
Die Uni brennt. Die Zahl der Studierenden hat sich seit 1991 von rund 200.000 auf 300.000 erhöht. Gemessen an 1991 wären die Kapazitäten um 50 Prozent zu niedrig. Oder anders gesagt - die Nachfrage ist um 1/3 zu hoch. Zur Schaffung guter Studienbedingungen wäre es ergo nötig, die Kapazitäten an die Nachfrage anzupassen oder umgekehrt die Nachfrage an die Kapazitäten. Die Instrumente dafür sind bekannt. Doch welche Effekte haben diese? Sind sie sozial ausgewogen, chancengerecht und ökonomisch effektiv?
Freier Hochschulzugang bei massiver Budgeterhöhung
Es wäre so einfach! Die Politik setzt ihren in Sonntagsreden verkündeten Willen zu Bildung konsequent um und ermöglicht allen Bildungswilligen das gewünschte Studium. Das wirft jedoch einige Fragen auf:
Führt dieser Weg zum gesellschaftlichen Optimum? Ist eine Gesellschaft bereit, jedem bildungswilligen Menschen das Studium zu ermöglichen, das ihn/sie gerade interessiert, auch wenn der Arbeitsmarkt nachweislich nicht in der Lage ist, alle AkademikerInnen adäquat aufzunehmen, auch wenn der/die Studierende nicht über das Talent für das gewählte Fach verfügt? Tut man jungen Menschen etwas Gutes, wenn man sie jahrelang in einer aussichtsschwachen Bildungsillusion belässt und sie in der Folge in teure, öffentlich zu finanzierende Umschulungsprogramme zwingt? Der Ansatz erscheint gesamtgesellschaftlich ineffizient. Verkommen da etwa Bildungsinvestitionen zu "Sozialtransfers des Jugend-Entertainments"? Darf der Steuerzahler nicht einen möglichst hohen "Return on (Bildungs-)Investment" erwarten?
Beschränkung der Nachfrage über den Preis
Je höher der Preis, desto geringer die Nachfrage und überfüllte Hörsäle wären passé. Die hier zu Lande diskutierten Studiengebühren wären diesbezüglich allerdings wirkungslos, weil zu niedrig und dienen bloß einer Partei dazu, einen Restbestand an Wirtschaftskompetenz vorzutäuschen.
Die finanzielle Selektion ist berechtigterweise realpolitisch nicht mehrheitsfähig. Auch ich persönlich hätte in diesem System nicht studieren können. Weiterer Nachteil: nicht die Besten und Talentiertesten eines Jahrganges beginnen ein Studium, nur die Wohlhabendsten können das. Kann das im Interesse einer Gesellschaft sein, die angeblich Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit für so wichtig hält?
Zugangsbeschränkungen
Bleibt die Auswahl nach Talent und Potenzial. Trotz bitteren Beigeschmacks, gesamtgesellschaftlich birgt dies einige Vorteile:
•Signifikante Qualitätssteigerung des "Outputs". Die Qualität der finnischen Lehrerausbildung, ist unter anderem das Ergebnis eines rigorosen Aufnahmeverfahrens.
•Damit einhergehend wächst das Renommée der ausbildenden Institutionen und der vergebenen akademischen Grade.
•der Steuerzahler wird eher bereit sein, ein Gratisstudium zu finanzieren.
Man könnte einwenden, Selektion könne auch später im Rahmen des Studiums oder durch die Wirtschaft erfolgen. Gegenfrage: wieso sollte der Steuerzahler jahrelang unzähligen Unentschlossenen bzw. Ungeeigneten ein Studium finanzieren, das diese sowieso über kurz oder lang abbrechen werden? Wären die Mittel in der Berufsorientierung nicht viel besser eingesetzt? Menschen müssen sich darüber Klarheit verschaffen, was sie später einmal arbeiten, weniger was sie studieren wollen.
Die Instrumente zur Lösung der Hochschulmisere liegen seit langem auf dem Tisch. Nur muss man Ziele und Folgen des Mitteleinsatzes besser reflektieren. Wollen wir den freien Hochschulzugang ohne Rücksicht auf die Kosten? Wollen wir ein privatwirtschaftliches System? Oder wollen wir mit den verfügbaren Mitteln das Bestmögliche erreichen?
Ein hochwertiges Bildungssystem zählt ebenso zu einer nachhaltigen Politik wie ein effektiver Mitteleinsatz, Chancengleichheit oder der soziale Ausgleich. Die von den Regierungsparteien vertretenen Positionen lassen einen Kompromiss aus Ansatz 1 und 2 befürchten, der diese Kriterien nur unzureichend erfüllt und verglichen mit fairen Zugangsbeschränkungen gesamtgesellschaftlich suboptimal ist. (Leser-Kommentar, Gregor Reautschnig, derStandard.at, 28.10.2011)
Autor
Mag. Gregor Reautschnig, 38 ist hauptberuflich Lehrender an der Fachhochschule der Wirtschaft Campus02 in Graz sowie nebenberuflich beeideter Steuerberater.