Von probieren und studieren

Nina Brnada, 27. Oktober 2011, 17:02

Nicht nur Wissen, auch seine Anwendung ist wichtig - Ein Lehrprogramm der Universität Klagenfurt zeigt Studenten, wie das geht

Alle machen Druck, sagt Raoul Jochum. Die Gesellschaft, die Medien, die Uni. "Man muss der Beste der Besten sein, ständig unbezahlte Praktika machen und fünf Sprachen beherrschen", skizziert der 25-jährige Student die gängigen Anforderungen. 

Der Frankfurter kam nach Wien, um Internationale Entwicklung zu studieren. Von Anfang an beschäftigte ihn die Frage, was nach dem Studium kommen soll und wie seine beruflichen Chancen stehen würden. Heute jedoch hat er keine Angst mehr, sagt er. Raoul sieht seiner Zukunft nun entspannt entgegen. Nicht jede Entscheidung müsse absolut sein, meint er, nicht jeder Karriereweg linear, um erfolgreich zu sein. "Das habe ich jetzt erkannt."

Sein neues Selbstvertrauen hat er, wie er sagt, einem Uni-Lehrgang zu verdanken. Jochum hat am zweisemestrigen Programm "Interdisziplinäre Kommunikation, Wissensnetzwerke und soziales Lernen" teilgenommen. Es ist eine Art Wahlfachbündel, angeboten von der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung in Wien, einem Standort der Universität Klagenfurt. Damit sollen vor allem Studierende der geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Richtungen erreicht werden, sowohl an der Klagenfurter als auch der Wiener Universität.

Schnittstelle zwischen Arbeitswelt und Uni

Vergangenes Jahr nahmen 225 Personen an diesem Nischenprogramm teil. Das Angebot klingt anfänglich etwas kompliziert: Es versucht, auf interdisziplinärer Basis theoretische Sachkenntnis anhand von Projekten zu realisieren und diesen Prozess zu reflektieren. In diesem Lehrprogramm soll nicht nur Wissen erworben werden, sondern danach auch angewendet werden können, heißt es. Dies hier sei eine "Schnittstelle zwischen Arbeitswelt und Uni" sagt Silvia Hellmer, die Gründerin des Lehrgangs.
Das Programm reagiert damit auf einen Arbeitsmarkt, der sich rasant verändert. Prozessorientiertes Know-How gewinnt immer mehr an Bedeutung, so Hellmer. Heute ist vernetztes Denken und Handeln gefragt, das Fach- und Sozialkompetenzen und lösungsorientierte Herangehensweisen erfordert. Dazu gehört vor allem Selbsteinschätzung, Kommunikation und soft skills.

Wenn der Student der Internationalen Entwicklung Raoul Jochum etwa ein Entwicklungshilfeprojekt durchziehen will, dann muss er seine Ziele präsentieren können, einen Sponsor finden, Sitzungen organisieren und die Dynamik einer Arbeitsgruppe verstehen. "Im Mosambik habe ich ein Praktikum gemacht", erzählt er. "Dort habe ich anwenden können, was mir im Lehrgang beigebracht wurde. Zum Beispiel, mir Dinge so auszumachen, dass mich die Leute verstehen und dass die Zusammenarbeit funktioniert."
Das Programm sei keine Jobvermittlung, sagt Lehrgangsgründerin Silvia Hellmer, "wir schreiben hier keine Bewerbungen und Lebensläufe." Stattdessen werde in Gesprächen erarbeitet, was die Studierenden beruflich wollen, wo sie stehen und was ihre Möglichkeiten sind - eine Selbsteinschätzung, die für den Berufsweg unabdinglich ist.
Die 56-Jährige hat für Ministerien und Forschungsinstitute gearbeitet und meint, dass Wissenschaft wirksam werden müsse. Das Programm, das Raoul Jochum absolviert hat, ist Nachfolger des EU-Projekts "Universität und Arbeitsmarkt", eines dreisemestrigen Lehrgangs, der vor sechs Jahren auslief. 

Projektmanagement statt Theorie

Dieses absolvierte Gudrun Ratzinger. Schon vor Jahren hat sie ihr Studium beendet. "Auf der Uni haben wir damals zwar sehr vieles gelernt", sagt sie. "Aber uns fehlte der praktische Zugang zu den Dingen." Ihr Projekt im Rahmen des Lehrgangs war damals, gemeinsam mit zwei Kolleginnen eine Ausstellung zum Thema Urlaubsfotografie zu organisieren. Diese praktische Arbeit unterschied sich stark vom sonstigen Kunstgeschichtestudium der heute 35-Jährigen. Zur Ausstellungsorganisation kam die ständige Reflexion sämtlicher zwischenmenschlicher Prozesse, die bei der Arbeit bestimmend waren. Abgesehen davon ging es auch darum handfeste Aufgaben, wie etwa Sponsorengelder zu organisieren. "Das war eine neue Erfahrung."

Heute hat sie einen der wenigen und heiß begehrten Jobs im Kulturbereich. Ratzinger arbeitet als Assistentin des Geschäftsführers im Wien Museum am Karlsplatz. "In meinem Bereich ist Projektmanagement sehr wichtig. Ich habe im Lehrgang gelernt zu präsentieren und zu moderieren, das hat mir sehr geholfen." Gudrun Ratzinger hat ihren derzeitigen Job über Umwege ebenfalls über den Lehrgang bekommen. 

Raoul Jochum ist noch nicht ganz so weit wie Ratzinger. Gerade erst hat er in Wien seinen Bachelor in Internationaler Entwicklung absolviert, einen fixen Job hat er vorläufig noch nicht. Stattdessen macht er seinen Master in International Administration and Global Governance an der Universität Göteborg in Schweden. "Ich habe ja noch Zeit", sagt der Auslandsstudent entspannt. "Über die Zeit danach, mach ich mir noch keine Sorgen."(Nina Brnada, derStandard.at, 27.10.2011)

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11 Postings
AMS auf universitärer Ebene

... eine Art von Akademikertraining um Nichtferialjobber der Happy-Leisure-Time-Generation an die Erfordernisse des realen Lebens heranzuführen ...

Der ungepflegte Ziegenbart,

der auf dem Foto mit den Seifenblasen spielt, wird unabhängig von seiner Kompetenz eher schwer einen qualifizierten Job außerhalb der "New Economy" bekommen. Bei uns im Konzern sind derartige Yetis Freiwild, weil viele Kunden in Asien (China, Indien, Japan, Indonesien,....) kein Verständnis für einen sehr individuellen Look mitbringen.

Soziale Kompetenzen

sollten schon in der Schulzeit beigebracht werden, und zwar explizit, stukturiert, und messbar, wie beim Rechnen und Schreiben auch.

Man hoert oft die Aussage, "Die Kinder werden durch den Umgang mit Mitschuelern eh gezwungen, soziale Kompetenzen zu lernen" aber das ist eine verantwortunglose Einstellung.

Stellen wir uns vor, ein Lehrer wuerde auf diese Art und Weise das Lesen beibringen.

"Hier habt ihr ein stapel Buecher, ihr kommt eh von allein drauf, in einem Monat komme ich zurueck und wer dann nicht lesen kann hat halt Pech gehabt."

Diese "sink or swim" Methode funktioniert zwar, aber sehr ineffizient und sie splatet die Kluft zwischen den Kindern mit einem natuerlichen sozialen Talent und denen ohne.

meine antwort auf dieses Problem..

.. ich hab mich entschlossen, das gelernte in einem Blog niederzuschreiben.. und damit das nicht in Vergessenheit gerät hab ich mir gleich eine Domain genommen ;)

So kann ich mein Wissen erhalten, und falls niemand interessiert hab ich in 1-2 Jahren a schöne Datenbank für die Bachelorprüfung ;)

wems interessiert: www.controlling-blog.com

ng

nette idee

find ich gut!

kleiner tipp: das copyright nicht außer acht lassen.
Wenn passagen aus Büchern stammen, dann die Quelle dazuschreiben. Sonst kommt es zu unangenehmen Guttenbergmomenten ;)

Ich bin beeindruckt

ich kapiers zwar fachlich nicht, bin aber von Idee und umsetzung beeindruckt.

Die Krise am Arbeitsmarkt hat begonnen, als fast nur mehr Vertriebsleute gesucht wurden. Das war vor ca. 7 Jahren.

Niemand braucht sich selber die Schuld geben, wer beruflich Probleme hat, hat diese in den meisten Fällen wegen der Krise, die tatsächlich real ist.

und man sollte nicht Kevin oder Jaqueline heißen...

...denn dann wird man schon aufgrund des Namens bei der ersten Durchsichtung aussortiert. Das ist übrigens KEIN Scherz.

Kevinismus / Chantalismus ;-)

um gendergerecht zu bleiben...

und hier der passende link dazu:
http://de.uncyclopedia.org/wiki/Kevinismus

die zitatesammlung am ende der seite ist lesenswert.

Nein, man muss nicht immer der Beste sein.

Man sollte nur in einer vernünftigen Zeit studiert haben, vernünftige Ferialjobs gehabt haben und die eine oder andere Sprache können. Na ja, ein akzeptables Auftreten (weder Überflieger noch Duckmäuser) schadet nicht.
Und dann muss man eine Bewerbungsmappe haben, die der Personalchef nicht gleich auf die falsche Seite legt.

Ja, und dann muss man beim Bewerbungsgespräch der sein, den sie aufnehmen.

Aber das war immer schon so. Auch schon vor 40 Jahren. Nur die Bewerbungsmappen waren damals nicht so schön.

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