"Nationalegoismus" oder "Feiertag für alle" - Jugendliche hegen unterschiedliche Beziehungen zum Nationalfeiertag
Wien/Graz/Gmunden - In der Schule lernt man noch immer, dass der Anlass für den Nationalfeiertag der Abzug des letzten sowjetischen Soldaten aus Österreich sei. Dem ist nicht so. Tatsächlich wurde an diesem Tag 1955 die "immerwährende Neutralität" Österreichs beschlossen. Zehn Jahre später stimmte das Parlament über das Datum des neuen österreichischen Nationalfeiertags ab.
Der Dienst am Staat
Heute ist die erste Assoziation damit das Aufgebot von Panzern, Helikoptern und jungen Soldaten auf dem Wiener Heldenplatz. Steckt mehr dahinter? Abgesehen vom historischen Anlass des Datums, feiern junge Menschen ihre Nation am Nationalfeiertag?
"Es ist wichtig, sich zu seinem Heimatland zu bekennen", sagt ein 16-Jähriger aus Gmunden. "Das ist ein guter Anlass, sich klarzumachen, was der Staat Österreich für einen leistet und was man für den Staat leisten kann." Etwa indem man sich für den Wehrdienst melde und politisch aktiv werde.
Diese Einstellung treffe man nur noch vereinzelt an, sagt Bernhard Heinzlmaier, Forscher am Institut für Jugendkultur, zum SchülerStandard, es sei eine "Werthaltung, die nur mehr für eine Minderheit von Relevanz ist". Für die Mehrheit der Jungen hingegen sei der Wehrdienst eher eine Belastung als ein "Dienst am Staat".
Ein Feiertag für alle
"Das Wichtigste ist, dass man schulfrei hat", fasst die 18-jährige Anna Heimburg ihre Erfahrung mit der Einstellung Gleichaltriger zusammen. Die Grazerin findet es traurig, dass die eigentliche Bedeutung des Nationalfeiertags längst verloren ging.
Der 22-jährige Wendelin Knapp hingegen streicht eine ganz andere Sonderstellung des Nationalfeiertages unter den Festtagen in Österreich heraus. Nicht aus patriotischen Gründen mag er den Nationalfeiertag, sondern aus demokratischen: "Dieser Tag hat seine Wurzeln weder in der Religion noch in der Konsumwirtschaft - wie etwa Halloween." Daher ist er für Knapp ein Feiertag für alle: "Atheisten wie Gläubige, Konsumwütige wie Sparsame."
Das Außenministerium ist da etwas anderer Meinung, denn einer der "traditionellen Eckpunkte der Feierlichkeiten" sei auch die heilige Messe auf dem Heldenplatz. Dieser ist am 26. Oktober aber vor allem Schauplatz für die "Angelobung der Jungmänner" und die dazugehörige "Leistungsschau" des Bundesheeres mit Panzer- und Helikopterdarbietung.
Heinzlmaier ordnet dem Feiertag im Leben der Jugendlichen eine sehr untergeordnete Rolle zu. Jedoch würden sie sich verpflichtet fühlen, den Nationalfeiertag als "total wichtig" anzuerkennen. Diese Haltung bezeichnet der Jugendforscher als "Nationalegoismus". Eine neue und wichtigere Stellung scheint der Nationalfeiertag vor dem Hintergrund einer Kritik an der Europäischen Union zu bekommen. "Angesichts der Bankenkrise wächst die Skepsis gegenüber der ökonomischen und politischen Union." Die EU sei für die Jugendlichen etwas Abstraktes, es gebe keine gemeinsame europäische Kultur.
Alles in allem hätten junge Menschen jedoch heute keine besondere Beziehung zum 26. Oktober, ist Heinzlmaiers Erfahrung. "Der Nationalfeiertag ist ein leeres Ritual. So wie auch In-die-Kirche-Gehen heute nur mehr für wenige eine religiöse Bedeutung hat." (laus, bsch, bsb, datif, SCHÜLER-STANDARD, Print-Ausgabe, 25.10.2011)