Hochbegabte und Behinderte an einem Tisch

26. Oktober 2011, 08:19
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Der Gesamtschule in Göttingen gelingt der Spagat zwischen schwachen und starken Schülern

Keine Noten, kein Sitzenbleiben, keine Leistungsgruppen. Hochbegabte sitzen neben Kindern, die laut der Empfehlung ihrer Grundschule in der Hauptschule besser aufgehoben wären. So sieht die beste Schule Deutschlands aus. Die Integrierte Gesamtschule (IGS) in Göttingen hat den Kampf gegen den Titel "Idioten-Gesamtschule" endgültig gewonnen, als ihr in diesem Jahr vom deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff der Deutsche Schulpreis 2011 überreicht wurde. 

Vierzig Jahre altes Konzept

In der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule werden Schüler von der fünften bis zur zwölften Schulstufe gemeinsam unterrichtet. Die Pädagogen und Architekten, welche die Schule vor vierzig Jahren entworfen haben, entschieden sich dafür, dass in der Schule der Querschnitt der Bevölkerung in Göttingen abgebildet werden soll. Das heißt: 10 Prozent der Schüler, die aufgenommen werden, haben von ihrer Grundschule eine Empfehlung für die Hauptschule bekommen, 25 Prozent wurde die Realschule empfohlen und 65 Prozent wurde der Besuch eines Gymnasiums nahegelegt. Aber auch geistig und körperlich behinderte Kinder besuchen die Schule.

Kein Sortieren in Schubladen

"Das Gesamtkonzept war, dass wir nicht das machen wollten, was in Europa und vor allem in Deutschland und Österreich üblich ist, nämlich das Sortieren der Schüler in Schubladen", erklärt Walter Vogelsaenger, seit zehn Jahren Direktor der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule. Leistungsgruppen wären für das gemeinsame Lernen "systemfremd" sagt Vogelsaenger. Vielmehr gehe es darum, dass die Kinder in Teams lernen und sich so entwickeln.

Schwächere und Stärkere profitieren

In den Teams liegt das Kernkonzept der Gesamtschule. Jede Klasse wird in Tischgruppen aufgeteilt. Und auch hier zählt wieder die Mischung: An einer Tischgruppe mit sechs Schülern sitzen ein Hauptschüler, ein Realschüler und drei oder vier Gymnasiasten. So schafft die Schule auch den "Spagat" zwischen geistig behinderten Kindern und Hochbegabten. "Mit der Tischgruppe haben wir ein System gefunden, wo gerade diese Heterogenität sich positiv auswirkt. Die Schwächeren profitieren davon, dass die Leistungsstärkeren ihnen etwas erläutern und das wirkt besser, als wenn die Lehrer etwas zum fünften und sechsten Mal etwas erklären und sie es nicht verstehen. Die Stärkeren profitieren durch erklären", so der Direktor der Schule.

Vogelsaenger macht die Arbeit in Tischgruppen an einem Beispiel deutlich: Im Englischunterricht wird eine Szene zwischen mehreren Personen von der Gruppe gemeinsam erarbeitet. "Der schwächere Schüler schreibt sich zwei Sätze auf, die er dann vorliest, der Leistungsstärkere redet fünf Minuten ohne Punkt und Komma durch", so der Lehrer. "Alle sechs haben etwas für das gemeinsame Projekt beigetragen. Auch die zwei vorgelesenen Sätze waren wichtig, weil man die Szene sonst vielleicht nicht verstanden hätte. Der schwächere Schüler wird nicht diskriminiert, weil er nicht so gut ist, sondern er trägt mit seinem Niveau zum Gelingen der Geschichte bei. Das Credo ist, dass keiner unterfordert wird, aber auch keiner überfordert."

Beste Abiturientin

Das System hat auch die Jury des deutschen Schulpreises überzeugt. Auch andere Erfolge sprechen für die Tischgruppen. Die beste Abiturientin aus Niedersachsen kommt aus der Integrierten Gesamtschule in Göttingen. Laut dem Porträt der Schule, das im Zuge des deutschen Schulpreises geschrieben wurde, gehört die Oberstufe zu den besten fünf Prozent der Gymnasien im Bundesland. "Unsere Kritiker sagen oft, unser Erfolg liege nur darin, dass wir so viele Gymnasiasten haben", sagt Direktor Vogelsaenger. "Aber nur 65 Prozent der Schüler sind Gymnasiasten, die Gymnasien haben hundert Prozent und trotzdem lassen wir sie alle hinter uns."

Dass eine Gesamtschule das Niveau insgesamt sinken lasse, ist für den Direktor daher "völliger Quatsch". "An den anderen Schulen wird von einem gemeinsamen Niveau ausgegangen. Ich habe vier Klassen, in denen geistig behinderte Kinder zusammen mit Hochbegabten in einer Klasse sechs Jahre lang sitzen und miteinander arbeiten. Da kann ich kein gemeinsames Niveau nach unten festlegen. Der Sinn des Ganzen ist, zu sehen, wie ich jedem einzelnen Kind gerecht werde", sagt er. 

Keine Noten

An der Gesamtschule in Göttingen gibt es nicht nur keine Leistungsgruppen, sondern bis zur Mitte der achten Schulstufe auch keine Noten. Die Lehrer schreiben zwei Mal im Jahr einen vier- bis fünfseitigen Lernentwicklungsbericht. Auch die Schüler schreiben über sich selbst einen solchen Bericht. Gemeinsam ergibt das ein gültiges Zeugnis. "Noten gehen von einer Skala aus und vergleichen in den Lerngruppen. Das bezieht sich aber nur auf diese Klasse als Vergleichsgröße. Da wir so eine große Spanne von Schülern haben, ist das mit den Noten natürlich noch schwieriger", erklärt Vogelsaenger die Gründe für das System. Manchmal würden Schüler, die in der Oberstufe mit Noten bewertet werden, nachfragen, wie ihre Leistung denn nun war. Mit der Ziffer drei können sie wenigen anfangen.

Das System würde allerdings nicht ohne das richtige Lehrpersonal funktionieren. "Ich muss mich selbst nicht so sehr als Fachlehrer begreifen, der nur Inhalte und Stoff kennt, sondern der sich um die Kinder kümmern muss und nicht nur eine Latte anlegt und sagt: Da müssen jetzt alle drüber springen", erklärt der Direktor. 

Erarbeiten statt unterrichten

Jede Klasse hat zwei Tutoren. Das sind Lehrer, die zwischen zwölf und fünfzehn Stunden in ihrer Klasse verbringen. Das geht allerdings nur durch den Fächerkanon, der an der Schule unterrichtet bzw. "erarbeitet" werde, wie es der Direktor lieber nennt. Neben den üblichen Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch gibt es noch die Fächer Naturwissenschaften (Biologie, Physik und Chemie), Gesellschaft und Religion (Geschichte, Geographie, Politik und Religion) und das Fach Arbeit, Wirtschaft und Technik. Durch die Zusammenfassung der Fächer können die Lehrer länger in ihrer Klasse bleiben.

"Erziehungsauftrag auch bei Eltern"

Doch nicht nur die Beziehung zwischen Lehrer und Schülern ist für die Schule wichtig, sondern auch die Eltern werden miteingebunden. "Der Erziehungsauftrag ist nicht nur von der Schule zu leisten, sondern auch von den Eltern", sagt Vogelsaenger. Deshalb werden zwei bis vier Mal pro Jahr Tischgruppenabende abgehalten, wo sich die Eltern, Lehrer und Schüler einer Tischgruppe treffen und die Lernfortschritte besprechen.

Ein Konzept für alle?

Lässt sich das Konzept dieser Schule auf das gesamte Schulsystem umlegen? Immerhin gibt es nicht überall so viele Schüler, die für das Gymnasium geeignet sind. Vogelsaenger ist überzeugt davon. "Gut, in wirklichen Brennpunktschulen da wird es wirklich schwierig. Weil es dort zu wenig leistungsstarke Kinder gibt, die Vorbild sein können", gibt er zu. Als er selbst noch Lehrer an einer solchen "Brennpunktschule" in Hannover war, hätte er aber auf jeden Fall das Tischgruppen-Modell angewendet, wenn er davon gewusst hätte. "Das geht auch. Da steht aber dann der Lehrer wieder mehr im Fokus, weil er bestimmte Normen und Werte setzen muss", glaubt der Direktor.

100.000 Euro Preisgeld

Der Deutsche Schulpreis ist mit 100.000 Euro dotiert. Derzeit wird noch diskutiert, wie das Geld verwendet werden soll.  "Meine Lieblingsvariante ist, von der Summe 80.000 Euro in Solarzellen zu investieren, die uns zwanzig Jahre lang monatlich Gewinne ausschütten, so dass wir dann mehr als 80.000 Euro zur Verfügung haben", sagt Vogelsaenger. Er will, dass auch in zwanzig Jahren die Schüler und Lehrer sagen können, dass sie sich Anschaffungen jetzt leisten können, weil damals die Schule den Schulpreis gewonnen hat. "Außerdem tun wir was für die Energiewende." (Lisa Aigner, derStandard.at, 25.10.2011)

  • Die Schüler an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule arbeiten immer in Tischgruppen.
    foto: robert-bosch-stiftung/theo barth

    Die Schüler an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule arbeiten immer in Tischgruppen.

  • Walter Vogelsaenger ist seit zehn Jahren Direktor an der Integrierten Gesamtschule in Göttingen.
    foto: robert-bosch-stiftung/theo barth

    Walter Vogelsaenger ist seit zehn Jahren Direktor an der Integrierten Gesamtschule in Göttingen.

  • Schwache Schüler sitzen neben guten Schülern, so sollen alle voneinander profitieren.
    foto: robert-bosch-stiftung/theo barth

    Schwache Schüler sitzen neben guten Schülern, so sollen alle voneinander profitieren.

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