Demografischer Wandel in Deutschland und China

Alternder Ameisenhaufen

Gastkommentar | 24. Oktober 2011, 20:00

In Europa geschieht das, was China durch die Ein-Kind-Politik durchzusetzen versuchte. Doch nun stellen beide Regionen fest, dass keine Kinder auch keine Lösung sind - Von Josef Schmid

In diesen Tagen erreicht die Bevölkerung auf der Erde 7 Milliarden Menschen und hat sich damit seit 1960 verdoppelt. Sie wächst aber nicht überall gleich. Zentralasien wächst stark, Zentralafrika stark und schnell. Europa dagegen stagniert. Schon vor langer Zeit hatte sich die Überzeugung durchgesetzt, dass starkes Bevölkerungswachstum das Wirtschaftswachstum behindern und bremsen müsse. Doch im 21. Jahrhundert könnte die alte Ansicht, dass wachsende Großbevölkerungen nur Elend, Armut und Kriegsgefahr bedeuten, ausgedient haben. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis aus demografischen Sorgenkindern der Nachkriegsperiode Mitspieler in der Weltpolitik und auf den Weltmärkten werden.

Wem gehört die Zukunft?

Europas Altersstruktur zeigt dagegen einen Koloss auf tönernen Füßen: ein durch Geburtenrückgänge eingebrochener, schwacher Jugendsockel muss stolze breite Altenjahrgänge tragen. Zurzeit erscheint Europa noch als wohlhabendes Altersheim, dem Massen armer aber motivierter Jugendlicher gegenüberstehen, wie sie uns die Aufstandsbewegungen vor wenigen Wochen in Nordafrika vor Augen geführt haben. Gehört ihnen nicht allein die Zukunft? Gerät Europa an den Rand der Weltgeschichte?

Bis es so weit ist, haben demografischer Wandel und Bevölkerungsmanagement noch ein Wort mit zureden. Der entscheidende demografische Wandel wird von neuen Umständen erzwungen: industrielle Arbeits- und Lebensformen beseitigen das Landleben, seine hohe Sterberate und verwandeln die bäuerliche kinderreiche Großfamilie in eine städtische Kleinfamilie mit kaum noch zwei Kindern. Gegen geschichtliche Vorgänge kann ein Bevölkerungsmanagement nichts ausrichten. Das ist erst dann gefragt, wenn segensreiche Vorgänge sich in ihr Gegenteil verkehren: wenn aus der Familienverkleinerung ein dramatischer Geburtenrückgang wird, - wenn für steigende Lebenserwartung und Pflege die Kostenrechnung nicht gemacht ist, - wenn mehr gestorben als geboren wird und die Babylücke auch mit Zuwanderern nicht zu füllen ist, - und wenn man einer negativen Bevölkerungsbilanz, einer "Demografie des Verschwindens" (J. Schmid) doch einmal gegensteuern will.

Chinas Ein-Kind-Politik ist ein gewaltiges Unternehmen. Noch nie wurden Hunderte Millionen Menschen einer einzigen, staatlich kontrollierten Maßnahme unterzogen.
Seit Jahrhunderten hat China Angst vor Hungersnöten und wollte sein Bevölkerungswachstum abbremsen und Ressourcen schonen, was ihm auch gelungen ist. Damit forciert China aber einen Alterungsprozess seiner Bevölkerung, weil auf einen Neugeborenen bis zu sechs Eltern- und Großelternteile kommen und Rentenkassen nicht existieren. Was China gesetzlich herbeiführt, geht in Deutschland ohne politisches Zutun vor sich. Nur noch geburtenschwache Jahrgänge verschieben das Gewicht von Jung zu Alt und senken die Zahl der Erwerbsfähigen und Aktiven.

Altern kann man nicht aufhalten

Weder in Deutschland noch in China ist das Verhältnis der Generationen nachhaltig eingerichtet. Erstmals soll eine gigantisch belastete junge Generation nicht mehr den Lebensstandard ihrer Eltern erreichen. Die Alterungskosten könnten sie um die Früchte ihres wirtschaftlichen Erfolgs bringen. China wird seine Ein-Kind-Politik lockern und Staatsfonds zur Alterssicherung anlegen müssen. Deutschland muss seine konsumfördernde Familienpolitik auf Geburtenförderung umpolen. Moderne Bevölkerungen können ihren Alterungsprozess nicht aufhalten. Technisch-finanzielle Maßnahmen sind nur begrenzt wirksam. "Mehr und besser verdienende Jugend!" lautet die Antwort auf eine demografische Schieflage aus Alterung. (Josef Schmid, derStandard.at, 24.10.2011)

Autor

Josef Schmid, The European, übernahm nach seiner Habilitation 1980 den Lehrstuhl für Bevölkerungsmanagement. 2003 wurde er entpflichtet, ist jedoch immer noch lehrend tätig. Schmid ist Mitglied Deutsche Gesellschaft für Demographie, International Union for the Scientific Study of Population, Ehrenmitglied und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Humanökologie.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 85
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Johannes Benn
01
25.10.2011, 20:07
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es war natuerlich klar dass es sich hier einmal wieder um ein zensurintensives thema handelt

Dimple
03
25.10.2011, 18:42
Was mir in den Postings auffällt

Es wird über Statitiken, Überbevölkerung, Zuwanderungschancen und -risiken,... geschrieben, aber eines fehlt:
Die nicht messbaren Auswirkungen einer Gesellschaft mit Kindern: Freude und Lachen umd Optimismus und sozialer Zusammenhalt und Freunde und Engagement - also das, was das Leben noch schöner macht

lg
Dimple

Nee-Chee
10
25.10.2011, 23:54
Derartige persönliche

Befindlichkeiten sind jedem gegönnt und unbestritten, haben aber keinerlei Auswirkungen auf die Volkswirtschaft.

hiesiger Greis
12
25.10.2011, 16:26

das ist aber nur vorübergehend ein Problem, weil die Alten sterben weg (wahrscheinlich alle gleichzeitig) und die Jungen erben dann alles. Danach sind sie viel weniger zahlreich und noch viel reicher.

Johannes Benn
00
26.10.2011, 13:20
.

das problem ist dass es sich um einen dynamischen prozess handelt, es gibt immer wneiger junge, mit jeder generation

hiesiger Greis
00
26.10.2011, 13:45
wenn die Alterspyramide angeblich auf dem Kopf steht, müssen ja jedes Jahr viel mehr wegsterben als geboren werden,

dadurch kann sich ja die Gesellschaft verjüngen. Wenn aber die Frauen zunehmend alle Karriere machen wollen und sich dann scheiden lassen, dann können sie die Geburtenrate auf Null drücken und es wird ihnen ihre Karriere noch immer nicht genug sein. Warum das so ist, weiß ich nicht. Naja, sie wollen alle Platz machen dem Islam und da ist ja dann eh alles anders. Ich hab einen anderen Verdacht auch noch: Der sog. Sex ist im Übermaß öffentlich zur Schau gestellt kontraproduktiv und das ist die Reaktion darauf. Ich kauf mir deswegen auch kein Auto, weil im Prospekt eine Nackerte drauf sitzt. Und zum Kinderkriegen braucht man bei Weitem nicht soviel Sex, wie vorgegaukelt wird.

Johannes Benn
00
26.10.2011, 19:09
.

die rechnung geht leider nicht auf, es sterben ja mehr menschen als geboren werden weil die aelteren kohorten groeßer sind als die juengeren, wenn von generation zu generation die kohorten kleiner werden (und das werden sie bei unter 2,1 stagnierender geburtenate) dann werden jedes jahr mehr sterben als geboren und gleichzeitig steigt das durchschnittsalter immer weiter an.
im uebrigen gebe ich ihenn recht, der zusammenhang zwischen einbruch der geurten und "sexueller revolution" ab den siebziger jahren ist offensichtlich

Alkolix
01
25.10.2011, 17:21
brilliant

das der nicht im geringsten daran denkt, dass geschaffener wohlstand ja nicht mitbeerdigt wird ist schon ein harter tobak

von produktivität hat er wohl auch noch nichts gehört

akademiker sind auch nichtmehr das, was sie mal waren...

hiesiger Greis
00
27.10.2011, 00:04

naja, viele Leute hinterlassen Sachen und Geld. Von den Sachen wird ein Teil weggeschmissen, weil es sich die Hinterbliebenen leisten können. Und hier im Forum jammern sie alle, aber das ist die Aufgabe der Politik. Aber die Politik arbeitet mit Schlagwörtern und die treffen nur sehr grob auf die tatsächlichen Verhältnisse zu. Bei den Schlagwörtern werden ganze Gesellschaftsvorgänge einfach außer Acht gelassen. Sowie bei den Frauen, die haben ein kleineres Einkommen als Männer, aber ihre Männer drücken ihnen packelweise die Banknoten in die Hand und von dem redet der Staat nicht. Aber um das hat er weniger und sie mehr. Und wir plagen uns monatelang unnötig mit Argumenten in der Öffentlichkeit.

Heartbreak Hotel
14
25.10.2011, 16:12

Die Kinderlosigkeit hat in Österreich mit der Regierung Kreisky begonnen. Den Frauen wurde eingeredet, daß Karriere wichtiger als Kinder ist. Dieser Extremfeminismus hat z.B. in England nicht in diesem Ausmaß stattgefunden, da hat die durchnittliche, 1950-1970 geborene Frau üblicherweise mehrere Kinder, eine kleine Stadtelite vielleicht ausgenommen.

Ich habe selbst zwei Töchter und will das Beste für sie, aber ich denke nicht, daß es das Beste für sie ist, später einmal kinderlose alte Frauen zu sein. Natürlich sollen sie einen Beruf erlernen, aber niemals auf den eigentlichen Lebenszweck, Kinder zu haben, vergessen.

In meinem Arbeitsumfeld gibt es mehrere kinderlose Frauen um die 40, und die sind nicht glücklich...

hiesiger Greis
01
26.10.2011, 13:18

mit Kreisky hat ja das Leben in Saus und Braus begonnen, alles auf Pump, aber es ist nicht wegen dem Kreisky, es ist ein allgemeiner Trend, dass die Leute immer mehr materielle Güter brauchen und deren Kosten zahlen müssen für ein Kind und die Ehen alle auseinander gehen. Die Menschen sind ja nicht vom Kopf gesteuert, sondern triebgesteuert und sie packen die Verhältnisse nicht. Die weckt Erwartungen und hat ihre Tücken. Die christl. Religion behauptet ja, dass der Geist den Körper vollständig beherrschen könne, aber das wird ja als Option abgelehnt, weil man will ja nicht, dass der Geist noch irgend etwas machen soll, es hat ja jeder genug davon bis zum Kotzen.

Heartbreak Hotel
01
26.10.2011, 13:55

Kreisky hat aber auch den Frauen eingeredet, zugunsten der Karriere auf Kinder zu verzichten, ohne zu bedenken, daß ein Volk ohne Kinder ausstirbt...

hiesiger Greis
00
26.10.2011, 23:58

nicht nur Kreisky, aber heute braucht jeder soviele Sachen (man rechne sich nur aus, was in der Wohnung drinnen sein muß, damit sie funktional komplett eingerichtet ist), daß 2 verdienen müssen, damit sie standesgemäß ihre Kramuri beisammen haben. Und zum Notleiden mit Familie fehlt bei uns die Infrastruktur. Man geht also sofort auseinander und hat keine Kinder mehr. Ich lebe ja sehr gut, aber wenn ich Frau und ein Kind gehabt hätte, hätte ich mindestens das Doppelte verdienen müssen und das hat mir niemand gezahlt. Für eine Familie gilt ein Quanteneffekt.

strangerinastrangeland
 
04
25.10.2011, 19:49

Der Verzicht auf Kinder ist aus meiner Sicht einer der schwersten Fehler, den ein Mensch machen kann.

Es gibt Ausnahmen in Form von besonderen Berufungen, aber die sind selten und was Menschen als "Karriere" vorgegaukelt wird, ist den Verzicht nicht wert.

Heartbreak Hotel
01
26.10.2011, 13:49

Stimmt, die beste Karriere ist irgendwann aus, und dann ist man alleine ohne Kinder, und das ist nur die persönliche Sicht, von der demografischen Sicht ganz zu schweigen. Kinder zu haben wird heutzutage als Pflicht empfunden, und das ist der Fehler. Ich habe mich selbst erst spät, mit 40, entschlossen, Kinder zu wollen, und ich habe alles getan, um Kinder zu haben, und es hat zum Glück geklappt. Ich wäre der unglücklichste Mensch heute, hätte ich nicht meine zwei kleinen Mädchen.

Johannes Benn
02
26.10.2011, 12:21
.

ja es ist schade dass leute diesem trugschluss erliegen, irgendwann merken es die meisten aber dann ist es oft schon zu spaet

Nee-Chee
00
25.10.2011, 23:56
Es soll angeblich

jeder Mensch ein Individuum sein, dem andere Dinge wichtig sind als seinem Nachbarn. Manche mögen ihre Entscheidung bedauern, aber sicher nicht alle.

Heartbreak Hotel
01
26.10.2011, 13:51

Doch, alle - und wenn auch nur im Unterbewusstsein - bedauern irgendwann, keine Kinder zu haben.

Johannes Benn
00
26.10.2011, 12:20
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das halte ich fuer ein geruecht

hurchzua
12
25.10.2011, 13:19
Die Kinder aus den Slums Indiens, Mexikos und Äthiopiens werden unser Sozial- und Pensionssystem nicht retten.

Auch wenn es manche hier aus persönlichen Motiven nicht glauben wollen: Das Problem der Kinderlosigkeit ist DAS Zukunftsproblem der westlichen Welt. Durch Zuwanderung ist es nach Studien nicht lösbar

Die Bevölkerungsentwicklung in der Welt läuft seit langem Gegengleich. Um 1900 lebten in Europa etwa 25% der Weltbevölkerung- heute sind es etwa 8%. Was hier zu viel ist, ist dort zu wenig.

Dabei ist die Frage, „Kinder ja oder nein“, in erster Linie eine Frage der gesellschaftlichen Einstellung. Die oft zitierten Kinderbetreungsplätze sind eine Randthema. Sonst konnte es wohl nicht sein, dass in der westlichen Welt gerade die Länder mit am besten abschneiden, die solche Einrichtungen kaum kennen: GB, USA, Irland.

Urfahraner Auge
00
25.10.2011, 16:16
"Durch Zuwanderung ist es nach Studien nicht lösbar"

Was genau sagen die Studien? Warum ist Zuwanderung keine Lösung?

hurchzua
00
25.10.2011, 16:52
weil aus den Slums

keine qualifizierten Arbeitskräfte kommen- abgesehen vom sozialen Frieden.

Urfahraner Auge
00
25.10.2011, 17:18
Wo hat denn diese Studie gemacht?

Andreas Mölzer?

Dramaqueen
00
25.10.2011, 10:38
Bei allen Prognosen wird vom Status Quo ausgegangen,

aber was meint der Autor zu Unbekannten, wie Viren, Bakterien und andere Dezimierungen, die vor allem alte Menschen bedrohen können.
Allein der Bioschlamm aus Duschen ist durch seine Legionellen für alte Menschen gefährlicher als für Junge.
Die Erde hat immer etwas Überraschendes parat.

Johannes Benn
01
25.10.2011, 18:57
.

das problem sind zuwenige junge nicht zuviele alte

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