Gipfel in Brüssel

Euro-Alchemisten am Geldhebel

Kommentar der anderen | 24. Oktober 2011, 18:11
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    foto: standard/heribert corn

    Wo ein Hebel ist, ist auch ein Weg: Wer auf magische Geldvermehrung hofft, wird wohl auch diesmal in Brüssel nicht enttäuscht werden.

Anmerkungen zum EU-Krisengipfel - Von Burkhard Müller-Ulrich

Nie waren die alchemistischen Grundlagen und Bezüge der Finanzwirtschaft deutlicher als in der gegenwärtigen Krise, bei der es um das Scheitern einer menschheitsalten Phantasie geht: die Vermehrung von Reichtum durch reine Zauberkraft.

Eine traditionsreiche Methode ist die Verwandlung von Dreck in Gold, aber es gibt auch viele andere Ansätze, darunter jene, deren üble Folgen wir demnächst auszubaden haben, nämlich das schnelle Zirkulierenlassen von Beträgen, bis der Unterschied zwischen Geld und Versprechen, zwischen Guthaben und Kredit verschwimmt. Auf diese Weise nimmt die Geldmenge zu, ohne dass irgendwo mehr gearbeitet oder produziert worden wäre, ohne dass sich irgendein realer Wert erhöht hätte.

Die Verfahren der magischen Geldvermehrung sind tief in unser kollektives Unterbewusstsein eingedrungen, viele Märchen handeln davon, Sprachbilder sind davon geprägt, und das Handeln von Regenten und Regierungen beruht seit alters auf dieser Vorstellungswelt. Sehr verbreitet ist die Flüssigkeitsmetaphorik; Geld wird als Liquidität gedacht, man kann darin schwimmen, Gewinne kann man abschöpfen, und wenn sie ausbleiben, sitzt man auf dem Trockenen. Aus dieser Perspektive betrachtet, handelt es sich bei den gegenwärtigen Maßnahmen zur Vergrößerung des sogenannten Rettungsschirms darum, Geld in eine Art Rückhaltebecken zu pumpen oder gar ausgedörrte Felder damit zu fluten.

Als Symbol dient aber nicht die Pumpe, sondern der Hebel. Der Hebel stammt aus einem anderen Bildspeicher, er gehört nicht zur Strömungs- sondern zur Festkörperphysik. "Kraft mal Kraftarm ist gleich Last mal Lastarm", lautet das Hebelgesetz, dessen Wirkungsweise für die menschliche Seele außerordentlich beglückend ist. Mit Hilfe des Hebels kann man stärker sein als von der eigenen Muskelkraft gewohnt. Der Hebel ist eine Vorrichtung, mit der man Kraft auf Kosten des Weges einspart- oder umgekehrt. Jedes Kind kennt das Prinzip von der Schaukel, vom Nussknacker und vom Rudern.

Damit also soll jetzt die alchemistische Geldvermehrung stattfinden? Die Regierungen rudern, sie wollen goldene Nüsse knacken und uns verschaukeln. Der Hebel suggeriert solide Mechanik; würde man vom Aufblasen eines Geldballons sprechen, stellten sich ganz andere Assoziationen ein. Etymologisch hat der Hebel mit Heben zu tun, deutet also eine Aufwärtsbewegung an. Allerdings wissen auch Halunken mit dem Brecheisen den Hebel anzusetzen. Der Hebel ist das einfachste Werkzeug zur Verwirklichung eines Machttraums: Man transzendiert damit das eigene Vermögen.

Deswegen setzen die EU-Regierungen jetzt alle Hebel in Bewegung. Am Mittwoch wollen sie im zweiten Anlauf unvorstellbare Geldmengen aus unseren maroden Volkswirtschaften hebeln, so wie wir Banknoten aus Geldscheinautomaten mit Hilfe überzogener Kreditkarten. Noch ist offen, wer am längeren Hebel sitzt, Merkel oder Sarkozy, Bank oder Not, Geld oder Schein, aber weh und leid wird es noch vielen tun, denn wo gehebelt wird, da fallen Späne. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.10.2011)

Autor

Burkhard Müller-Ullrich, Jg. 1956, lebt als freier Publizist und Rundfunkmoderator in Köln.

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15 Postings
www.banken-volksbegehren.at
00
25.10.2011, 15:57
tuxomat
00
25.10.2011, 15:45
Zauber der Alchemie

Assoziativität ist bei solchen Dingen immer gefragt.

Mein Beitrag

Rettungsschirm >Gegenseitige Gaunerunterstützung

Geldballon >Gemeinschaftliche Kreditkeule

Hebel > Anstrengung zur Inflationsingangsetzung

www.banken-volksbegehren.at
00
25.10.2011, 14:52
Magische Geldvermehrung -

Bank(kredit)geschäft eben. Aber nur die wenigsten Menschen wissen das. Bitte aufwachen! Banken verleihen kein Geld. Die Deutsche Bundesbank erklärt es:
http://www.bundesbank.de/download/... gesamt.pdf
(Man beachte insbesondere Kapitel 3.5)

CurtisGranderson
01
25.10.2011, 14:19

Guter Artikel.
Bei der Gelegenheit könnte man den Leuten auch gleich erklären, dass just die Banken genauso Geld schöpfen, als alchemistischen Vorgang, der aus einem Euro Einlage 50 Euro Kredit macht.
Oder moment mal, warum hört man davon nie öffentlich? Warum verstehen dies nicht mal wenige Prozent der Bevölkerung?
hmmm....

Dunkin' Donuts
04
25.10.2011, 10:45
Ein schöner und eleganter Artikel

Wie wohltuend wieder mal sowas im Standard zu lesen und nicht nur mit Rechtschreibfehlern gespickte Agenturmeldungen...

John Cremasta
00
25.10.2011, 10:42
Euro Alchimisten

Dieser Journalist bemüht ja eine unterhaltsame Metaphorik die fast schon als literarisch zu bezeichnen ist.
Meine Empfehlung ist in der Geschichte einige tausend Jahre weiter zurückzugehen.
Im alten Griechenland hatte man eine Institution um die Ideen- und Ratlosigkeit der Politiker zu überwinden.
Man befragte das Orakel von Delphi.
Die EU Politiker und EU Bürokraten haben im Zuge der Konstruktion der EU auf eine derartige Institution verzichtet, weil sie glaubten, ihr "Latein" werde nie enden.
Heute wissen wir, wenn wir die ratlosen Gesichter im Fernsehen der EU Politiker und Bürokraten sehen, daß dies ein ein katastrophaler Geburtsfehler ist.

Griechenland ist und bleibt nun einmal die Wiege Europas.

scrollradl
 
01
25.10.2011, 06:53
die schuldenkrise mit schulden zu bekämpfen ist . . .

. . . feuer mit benzin löschen

site:°~+*-||!#.\>
70
25.10.2011, 01:55

Von Mechanik und VWL keine Ahnung.

Journalisten=Dummschwätzer.

BoeMaehr
00
25.10.2011, 15:55
hmmm ...

lassen Sie mich raten .. und Sie sind ein sogenannter Experte der das Ganze hat nicht kommen sehen, aber mangels gesundem Menschenverstand & aufgrund bornierter Intoktrination an der ganzen Enwicklung maßgeblich beteiligt ist - keine Lösungen parat aber überall seinen Senf dazu geben. Määähh ... Määähhh

George Burma
00
25.10.2011, 06:59

War aber schon niedlich wie er die "Festkoerperphysik" aus dem Hut gezaubert hat ohne zu wissen womit sich die beschaeftigt :-)

Aber Journalisten sind ja dazu da Zusammenhaenge aufzudecken, die man selbst nicht so vermuten wuerde...

Thomas Geißler
00
24.10.2011, 22:04
Alle Hebel stehen still, wenn dein starker Arm es will.

Wir wollen nicht die Krümel vom Kuchen - wenn dann die? ganze Bäckerei!

Gewinne verstaatlichen, Verluste privatisieren.

flotter denker
30
25.10.2011, 06:51
Sind ihre Vorbilder eher

Lenin, Trotzky oder Stalin?

Thomas Geißler
02
25.10.2011, 12:32
Nein.

Vorbilder von mir sind etwa Ferdinand Lassalle, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.

Hermine Berg
 
06
24.10.2011, 21:21
den artkel wuerde ich gern gruenschtricheln.

mir sind noch ein paar assoziationen gekommen: mit hebeln werden dinge ausgehebelt - in diesem fall wohl die demokratie.

Zuben Elgenubi
01
24.10.2011, 20:46

Wo gehebelt wird, blühen Wähne, fehlen Zähne, scheitern Pläne . . .

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