Kraftkammer in der Immunzelle

24. Oktober 2011, 17:30
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Michael Sixt misst die Kräfte, die dendritische Zellen in Bewegung bringen

Michael Sixt war immer an Naturwissenschaft interessiert. Vor allem die "grüne Biologie" samt Pflanzenkartierungen und Vogelkunde hatte es ihm angetan. Als Zivildiener werkte er auf einer Vogelstation und wurde dort mit einer traurigen Realität konfrontiert: Es gibt nur wenige Jobs für Freilandbiologen. Also belegte er Humanmedizin an der Uni Erlangen - "angewandte Biologie mit Ausbildung auf breiter Basis", wie es Sixt rückblickend beschreibt.

Der Inhaber eines Start-Preises des Wissenschaftsfonds FWF für exzellente Nachwuchsforscher sowie eines Starting Grants des European Research Council ERC versuchte lange seine Leidenschaften für Forschung und Klinik parallel auszuüben. Als Postdoc entschied er sich jedoch: "Ich will Grundlagenforschung machen, und das Vollzeit. Mein Thema ist die Zellbewegung." Mit dem Zellskelett, das sich zusammenzieht und ausdehnt, ist fast jede Zelle bewegungsfähig, auch wenn das nicht immer erwünscht ist: Krebszellen etwa wandern unerlaubt, und auch Nervenzellen sollen möglichst auf dem Fleck bleiben und Reize weiterleiten.

Sehr wohl gefragt ist rasches Fortkommen im Immunsystem. Als Modell dienen der Gruppe von Sixt, der am Institute of Science and Technology (IST Austria) forscht, dendritische Zellen von Mäusen. Diese Zellen sitzen überall im Körper: Wenn wir uns in den Finger schneiden und die Wunde verschmutzt ist, sind sie die Ersten vor Ort, fressen Eindringlinge und "rennen so schnell wie möglich zum nächsten Lymphknoten, wo sie die Fremdkörper präsentieren und so die spezifische Immunantwort auslösen", erklärt der Zellbiologe.

Wie das genau funktioniert, ist noch unbekannt und im 3-D-Umfeld des Körpers kaum erforscht. Woher kommt die Kraft für die Verformung? Wie überträgt die Zelle die Kraft auf die Umgebung? Und wie wirken Lockstoffe auf Zellen? "Ich glaube an einen Mechanismus, der universell einsetzbar ist. Die Gewebe in Haut, Leber und Gehirn sind unterschiedlich beschaffen, aber die dendritischen Zellen kommen überall hinein. Vergleichbar einem Amphibienfahrzeug, das einen Motor hat, aber verschiedene Strategien", sagt der 38-jährige Oberpfälzer. Die Bewegung der Zellen wird mit dem Mikroskop gefilmt, mittels Fluoreszenz sichtbar gemacht und in hoher Zeitauflösung ausgewertet. Die geballte Kraft dendritischer Zellen zeigt sich in einem Kanal, dessen Verformung anschließend vermessen wird.

Michael Sixt war zuletzt Junior- Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Experimentelle Biochemie in Martinsried bei München. Ein hervorragendes und kompetitives Umfeld, aber ohne Langzeitperspektive. Am IST im niederösterreichischen Maria Gugging, wo er seit etwa einem Jahr arbeitet, hat er "Spaß am Steuern, Diskutieren und am gemeinsamen Ideenentwickeln".

Forschung ist für ihn die Suche nach Kausalitäten und mit dem Sport- oder Kulturbetrieb insofern vergleichbar, als man sich sein Einkommen im Wettbewerb verdienen müsse. Spannend wird es für ihn, "wenn es ganz anders ist, als ich in meiner Hypothese gedacht habe". In Wien eröffnete sich für ihn und seine Frau erstmals die Möglichkeit, am selben Ort zu leben und zu forschen. Der Vater zweier kleiner Töchter hat nicht viel Zeit für Hobbys - aber der Neusiedler See wartet auf den Hobbyornithologen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. Oktober 2011)

  • Michael Sixt: Zellbiologe und Hobbyornithologe
    foto: ist austria

    Michael Sixt: Zellbiologe und Hobbyornithologe

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