"Wien hat keine Drogen-Hotspots"

25. Oktober 2011, 17:59
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Mit einer Petition wird eine Fixerstube in Wien gefordert, der zuständige Drogenkoordinator sieht jedoch keinen Bedarf

Ein Zimmer mit Glastür und Metalltischen - es brauche nur wenig, um viel zu verändern in Wiens Straßen-Drogenszene, ist die "Initiative Drogenkonsumraum" überzeugt. Die Plattform fordert für Wien einen eigenen Raum, in dem Suchtkranke illegale Suchtmittel spritzen, sniefen oder rauchen können. 

Adresse Gumpendorferstraße

Die Forderung ist alt. Doch während es in Deutschland mittlerweile 25 solcher Räume in 16 Städten gibt, hat Österreich keinen einzigen. Grund genug für die Initiative, erneut danach zu rufen - zumal die Bauarbeiten für das neue Suchtbetreuungszentrum bei der U6-Station Gumpendorferstraße im Gange sind. Einen Extra-Konsumraum nachträglich zu integrieren, wäre ein Leichtes, glaubt Michael P. von der Initiative. Mit grellgelben Aufklebern mit der Aufschrift "Soll das wirklich ein Drogenkonsumraum sein?", die zurzeit an diversen Wiener öffentlichen Klowänden oder Stiegenhäusern prangen, versucht die Plattform Aufmerksamkeit für ihr Anliegen und die dazugehörige Online-Petition zu erregen. 

Ansteckungsgefahr gemindert

Sogenannte Fixerstuben gibt es in der Schweiz bereits seit den Achtzigerjahren. Studien belegen, dass sie zu einer Senkung der Todesraten, zu weniger Neuinfektionen mit Hepatitis oder HIV und auch zu einer spürbaren Entlastung der AnrainerInnen geführt haben - gebrauchtes Spritzbesteck landet im Mistkübel des Konsumraums, und nicht mehr im Stiegenhaus oder im Park. "Hepatitis-Erreger halten sich in der gebrauchten Spritze bis zu drei Tage lang", erklärt Michael P. von der Initiative Drogenkonsumraum gegenüber derStandard.at. Ein Konsumraum sei also auch ein Beitrag zur Sicherheit der unbeteiligten Umgebung. Für die Betroffenen sind sie zudem ein Schutz vor sexuellen Übergriffen, die in öffentlichen WCs immer wieder passieren. Außerdem kämen in diesen Räumen selbst jene Süchtigen in Kontakt mit Sozialarbeit, die sonst nicht so leicht erfasst würden.

All diese Schlussfolgerungen finden sich auch in einer 2003 im Auftrag des Fonds Soziales Wien erstellten Expertise des Suchtforschers Alfred Springer. Und auch Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou sagte im derStandard.at-Chat, Konsumräume seien "der einzige Weg, um sicher zu stellen, dass drogenkranke Menschen sich nicht infizieren, nicht sterben und auch schneller den Weg in ein Entwöhnungs- und Wiedereingliederungsprogramm finden".

"Keine Hotspots"

Wiens Drogenkoordinator Michael Dressel stimmt zu, dass Konsumräume positive Wirkungen haben - allerdings "gilt das für andere Städte, aber nicht für Wien", so Dressel im derStandard.at-Gespräch. Der Grund: "Wien hat keine Drogen-Hotspots." Konsumräume seien aber nur an solchen Brennpunkten des Drogenkonsums sinnvoll, denn "niemand kauft sich seinen Stoff in Floridsdorf und fährt dann in den sechsten Bezirk, um ihn zu konsumieren."

Eine Begründung, die Michael P. von der "Initiative Drogenkonsumraum" zornig macht: "Dass es in Wien keine Hotspots mehr gibt, hat der Herr Dressel zu verantworten - schließlich hat der die Szene vom Karlsplatz vertrieben und über die ganze Stadt verteilt", meint P., der aus Angst um seinen Job als Sozialarbeiter lieber nicht mit seinem Namen genannt werden will.

Stimmt nicht, sagt Dressel: "Der Karlsplatz war zu keinem Zeitpunkt eine Heroinszene." Die Gegend rund um den U-Bahn-Knotenpunkt habe großteils Substitutionsmittel-HändlerInnen angezogen. Ob Substitut oder Heroin, sei zweitrangig, meint P., denn: "Auch Substitute werden oft intravenös konsumiert." Und damit dieser Konsum im geschützten Rahmen passiere, brauche es eben Konsumräume.

Telefonzellen und Klos

Laut Schätzungen umfasst die Wiener Straßen-Drogenszene 300 bis 500 Menschen. Genau diesen Menschen, die sich nicht in ihre eigene Wohnung zurückziehen können, werde mit einem Konsumraum geholfen, meint P. , denn "die konsumieren heute in Telefonzellen und öffentlichen Klos." Dressel widerspricht: "Die Wohnversorgung unter Wiens Drogensüchtigen ist gut."

Suchtforscher Alfred Springer sieht es differenzierter. Nicht alle, die eine Fixerstube aufsuchen, seien obdachlos. "Und im Konsumraum haben die, die zu Risikokonsum neigen, die Möglichkeit, dass jemand im Ernstfall eingreift." Für manche ergebe sich im Konsumraum "der erste Schritt in Richtung Therapie". 

Mehrere Räume notwendig

Ein einziges Lokal sei aber jedenfalls zu wenig - "eine große Stadt wie Wien braucht auf jeden Fall mehrere Konsumräume", meint Springer, der Dressels Aussage, es gebe keine Hotspots, relativiert: "Es bilden sich immer wieder Ballungszentren" - etwa bei der U6-Station Josefstädterstraße oder auch in Wien-Mitte. "Aber man verjagt die Szene dann wieder." Aus der Sicht des Suchtforschers wäre es wünschenswert, solche Ballungszonen zuzulassen - "und ich glaube, das ist auch im Sinne der Polizei", meint Springer.

In Graz knapp gescheitert

Um ein Haar hätte in Graz 2010 Österreichs erste Fixerstube aufgesperrt, ein diesbezüglicher Gemeinderatsbeschluss lag bereits vor. Mangels einer klaren bundesgesetzlichen Regelung ließ die ÖVP dann von dem Vorhaben wieder ab - man könne nicht riskieren, dass Bedienstete der Gemeinde im Fall eines Todesfalls im Konsumraum womöglich zur Verantwortung gezogen würden, so die Begründung. Zudem ist Suchtmittelbesitz ein Offizialdelikt, PolizistInnen seien also gezwungen, einen solchen Verstoß zu melden, wird argumentiert. Es gibt aber auch eine juristische Gegenmeinung, dass zwar der Besitz, nicht aber der Konsum von Suchtmitteln strafbar sei, polizeiliches Nichthandeln also gesetzlich gedeckt wäre.

Junge Opfer

61 Prozent jener, die sich in Österreich erstmals einer Behandlung wegen Suchtmittelabhängigkeit unterziehen, sind jünger als 25 Jahre. Laut Schätzungen sind bis zu 60 Prozent der Spritzenabhängigen mit Heptatitis C infiziert, bis zu 19 Prozent mit Heptatitis B. Österreich sticht im Europavergleich mit auffällig jungen Suchtkranken hervor. 2009 waren Menschen, die am illegalen Drogenkonsum starben, hierzulande im Schnitt nur 31,8 Jahre alt.  (Maria Sterkl, derStandard.at, 25.10.2011)

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    Der erste Drogenkonsumraum der Welt wurde 1986 als "Fixerstübli" in Bern eröffnet.

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    Ein Konsumraum in Saarbrücken - in Deutschland gibt es insgesamt 25 solche Einrichtungen.

  • Mit diesem Sticker will die "Initiative Drogenkonsumraum" für Aufmerksamkeit sorgen.
    grafik: initiative drogenkonsumraum

    Mit diesem Sticker will die "Initiative Drogenkonsumraum" für Aufmerksamkeit sorgen.

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