"Österreich ist kälter"

    24. Oktober 2011, 16:35
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    Vom Asylwerber zum Flüchtlingsbetreuer - Die bewegende Lebensgeschichte des gebürtigen Iraners Schahram Gudarzi

    Es ist neunzehn Uhr und das heißt Dienstbeginn für Schahram Gudarzi in einem Flüchtlingsheim für Männer der Diakonie, weit draußen in einer Sackgasse im elften Bezirk. Bis in den Morgengrauen wird er die Betreuung der 110 Bewohner übernehmen.

    Es war ein weiter Weg für den gebürtigen Iraner, bis er Flüchtlingsberater geworden ist. Schließlich kam er vor 20 Jahren selbst als Asylsuchender nach Österreich. Seine Geschichte hört sich an wie ein Abenteuerroman, obwohl der heute Anfang 40-Jährige stets ruhig und besonnen erzählt. Manchmal kriegt man sogar den Eindruck, er empfindet seinen eigenen Lebensweg gar nicht als besonders spannend.

    Gudarzi, der heute österreichischer Staatsbürger ist, wuchs in Zeiten des Krieges auf. Als Kind in den 70er Jahren beobachtete er in Teheran vom Fenster aus, wie Menschen getötet wurden, wie der Geheimdienst Menschen verschleppte und Straßenschlachten eskalierten. Auch den Beginn der islamischen Revolution, durch die Absetzung von Schah Mohammad Reza Pahlavi, erlebte er mit. Seine Teenager-Jahre waren schließlich geprägt vom Iran-Irak Krieg zwischen 1980 und 1988.

    Eintritt in die Iranische Armee

    Der Krieg weckte die Neugier des jungen Iraners. "Ich wollte mir ein Bild vom Krieg machen, selber die Erfahrung machen und sehen, was dort passiert", so Gudarzi. Gegen den Willen seiner Eltern trat er 1986 der iranischen Armee bei. Dafür war es notwendig, seine Geburtsurkunde zu fälschen, denn Gudarzi war damals erst 16 Jahre alt. Zum Militär durfte man erst ab 19.

    Historische Tatsache ist, dass während des Iran-Irak Krieges viele Jugendliche und auch Kinder als Soldaten dienten. Entscheidender als das Alter war in der Regel eine gewisse Sympathie mit der religiösen- oder politischen Orientierung des Regimes. Jedenfalls war Gudarzi für die folgenden Monate in zweiter Linie stationiert. Heute erinnert er sich an "viele junge Menschen mit Hoffnungen und Träumen, die ihre Heimat schützen wollten."

    Flucht nach Österreich

    Gegen Ende des Krieges entschied sein Vater im Alleingang- und gegen den Willen seines Sohnes- den Iran Richtung Europa zu verlassen. Die tägliche Gefahr sei zu hoch gewesen, die Aussicht auf ein gesichertes Leben zu gering. Erst verließen seine Mutter und seine drei jüngeren Schwestern das Land. Neun Monate später er selbst und etwa ein Jahr danach sein Vater. In Linz traf sich die Familie schließlich wieder. Bis dahin war es aber ein langer Weg.

    Ohne gültigen Reisepass brach der damals 19- jährige alleine auf. Sein Weg führte ihn über die Gebirge in die Türkei und von dort nach Österreich. Wie die meisten anderen auch, war er auf Schlepper angewiesen. Zwei Monate dauerte seine Reise, die er selbst als "leicht im Vergleich zu den anderen" bezeichnet. Er erzählt von Müttern, die ihre Babys zurücklassen mussten, oder von einem Vater, der zusehen musste, wie seine Tochter vergewaltigt wurde, weil er kein Geld für den Schlepper hatte. Es ist eine der wenigen Passagen seiner Geschichte, in der man seine Betroffenheit deutlich heraushören kann.

    "Schöne Zeit in Traiskirchen"

    Während seine Familie in Linz untergekommen war, blieb Schahram Gudarzi zwei Monate alleine in Traiskirchen. "Eine schöne Zeit", erinnert sich Gudarzi. "Alle waren fremd." Sie konnten sich sprachlich nicht verständigen, hätten sich aber trotzdem verstanden, sagt er.

    "Als ich nach Österreich kam wusste ich gar nichts über das Leben hier. Deswegen habe ich alles gemacht, was mir gesagt wurde", so Gudarzi. Er musste um Asyl ansuchen, also tat er es. Er musste seine Geschichte erzählen, also tat er auch das. Sein Asylantrag wurde schließlich abgelehnt. Weil er allerdings damals trotzdem arbeiten durfte - was nach dem heutigen Asylgesetzt nicht möglich wäre - und einen Job gefunden hatte, bekam er einen iranischen Reisepass und eine Aufenthaltsbewilligung für Österreich ausgestellt.

    Der Rest seiner Familie bekam auch kein Asyl. Sie sahen in Österreich keine Zukunft und zogen deshalb in die Niederlande weiter, wo sie bis heute leben. Schahram Gudarzi blieb als damals 20- Jähriger alleine in Österreich zurück. "Ich hatte keine Erfahrung und keine Erwartungen an Österreich", sagt Gudarzi. In den darauf folgenden zwei Jahrzehnten hat er Österreich mit all seinen Facetten kennengelernt.

    Allein in Wien

    Er schlug sich lange alleine durchs Leben, arbeitete in einer Bäckerei, Molkerei, Baumarktkette und wusch Geschirr ab. Er schrieb sich auf der Universität für Informatik ein, musste sein Studium aber abbrechen. Zur Verlängerung seines Visums musste er stets eine Arbeit und einen bestimmten Kontostand nachweisen. "Leben braucht eben Geld", fasst Gudarzi zusammen. Gemeinsam mit dem Studium sei sich das nicht ausgegangen.

    Während des Gesprächs kommen immer wieder Heimbewohner in das Büro und wollen etwas vom Betreuer. Sei es das Handy, weil beim eigenen das Guthaben nicht reicht, die tägliche Medizin, oder Hilfe in der Küche. Manche wollen auch nur mit ihm reden. Für jedes Anliegen nimmt er sich ausreichend Zeit und spricht stets mit einem beruhigenden Tonfall, ehe er sich wieder seinen Erzählungen widmet.

    "Die haben immer nein gesagt."

    Nachdem er das Studium aufgeben musste, wollte Gudarzi mit Hilfe des AMS eine Berufsausbildung machen. Es ist die Zeit, in der er die Tücken der Bürokratie kennenlernte. Er erzählt von Abmachungen mit dem AMS, an die sich später niemand mehr erinnern konnte, Kurse, die ihm nicht bezahlt wurden, gestrichenem Arbeitslosengeld und von Schulden, die damals entstanden sind und auf denen er heute noch sitzt. "Die haben immer nein gesagt. Nein, nein, nein", so Gudarzi, immer noch mit ruhiger Stimme.

    Eher zufällig erfuhr er schließlich von einem Job als Dolmetscher in Traiskirchen. Er übersetzte fortan im Erstaufnahmezentrum zwischen PsychologInnen und Neuankömmlingen. Das positive Gefühl, das er selber während seiner Zeit im Erstaufnahmezentrum erlebt hatte, war weg. "Das war sehr traurig. Wir haben versucht den Menschen so gut wie wir konnten zu helfen. Aber so einfach ist das nicht. Die Geschichten der Leute waren oft sehr heftig." Ihm selbst habe die Arbeit mit Flüchtlingen aber "auch psychologisch sehr gut getan", wie er sagt.

    Vor zweieinhalb Jahren wechselte er zur Diakonie. Aufgeteilt in 64 zwölf Quadratmeter großen Zimmern, vier Gemeinschaftsduschen und Küchen leben hier insgesamt etwa 110 Männer. Manchmal sind es mehr, manchmal weniger. Auskommen müssen sie mit 190 Euro im Monat. Die meisten sind seit Jahren in Österreich und warten auf ihren Asylbescheid. Ein langer Prozess, der viele zur Resignation bringt, wie Gudarzi beobachtet.

    Starke Bindung an die alten Heimat

    Neben seiner Arbeit im Flüchtlingsheim, engagiert er sich auch politisch für den Iran, denn "das Heimatgefühl und die Bindung sind immer noch groß." Das Gefühl seine Heimat schützen zu müssen, sei immer noch vorhanden, so wie damals, als er sich mit 16 Jahren freiwillig für den Krieg gemeldet hat. Österreich bezeichnet er "natürlich" auch als Heimat, aber die emotionalere Bindung scheint eine andere zu sein.

    Ende September verbrachte Gudarzi im Rahmen einer Amnesty International Aktion 100 Stunden in einem umzäunten Bereich, der einen Käfig darstellen sollte. Er erzählte interessierten PassantInnen von Gewissensgefangenen, inhaftierten JournalistInnen und MenschenrechtlerInnen im Iran. Laut einem kürzlich erschienen UN-Bericht wurden seit Jänner 2011 im Iran 346 Menschen hingerichtet. Die Zahl der Hinrichtungen ist in den vergangen Jahren konstant gestiegen. Laut internationaler Liga für Menschenrechte werden - aufgerechnet auf die Einwohnerzahl - in keinem Land mehr Menschen exekutiert.

    Seit nunmehr einem Jahrzehnt war Gudarzi nicht mehr in der alten Heimat. Heute traut er sich aufgrund seiner Aktionen auch nicht mehr einzureisen. Ein grünes Armband drückt einstweilen seine Sympathie mit der grünen Bewegung im Iran aus. Sollte sich die politische Lage dort ändern, kann er sich auch vorstellen, wieder zurück zu gehen. "In Österreich fehlt einiges", sagt Gudarzi und spielt damit auf ein anderes Lebensgefühl im Iran an. Menschen dort seien spontaner, das Leben aufregender, es laufe nicht alles in starren Regeln ab. "Österreich ist kälter", sagt Gudarzi. Und damit meint er wohl nicht nur das Wetter. (Yilmaz Gülüm, daStandardat, 25.10.2011)

    • Ende September verbrachte Gudarzi im Rahmen einer Amnesty International 100 Stunden in einem umzäunten Bereich, der einen Käfig darstellen sollte.
      foto: yilmaz gülüm

      Ende September verbrachte Gudarzi im Rahmen einer Amnesty International 100 Stunden in einem umzäunten Bereich, der einen Käfig darstellen sollte.

    • Gudarzi erzählte interessierten PassantInnen von Gewissensgefangenen, inhaftierten JournalistInnen und MenschenrechtlerInnen im Iran.
      foto: yilmaz gülüm

      Gudarzi erzählte interessierten PassantInnen von Gewissensgefangenen, inhaftierten JournalistInnen und MenschenrechtlerInnen im Iran.

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