Der etwas andere Weg ins Trockene

25. Oktober 2011, 16:58
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Bedingungslose Abstinenz ist nicht mehr oberstes Ziel der Alkoholtherapie - In der Alkoholambulanz am Wiener AKH setzt man auf "Cut down drinking"

"Ehemalige Alkoholiker dürfen nie wieder ein Punschkrapferl essen, sonst werden sie rückfällig", heißt es seit Generationen. "Das trifft bestenfalls dann zu, wenn jemand durch den Geschmacksreiz rückfällig wird, was aber äußerst selten vorkommt", beobachtet Henriette Walter, Sozialpsychiaterin an der MedUni Wien und Leiterin der Alkoholambulanz am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien (AKH). "In unseren Köpfen dominiert nach wie vor die sogenannte 'absolute Abstinenz‘ als einziges Therapieziel, zugleich wissen wir, dass nur wenige Abhängige überhaupt in eine Therapie kommen und viele davon rückfällig werden."

"Cut down drinking" gegen den Jo-jo-Effekt

Die Rezidivquote hängt von der untersuchten Zeitdauer ab und beträgt bis zu 80 Prozent. Je größer der Druck, abstinent werden zu müssen, umso größer das Risiko: Jeder Tropfen Alkohol wird als "Rückfall" im Sinne eines persönlichen "Scheiterns" beurteilt. Alkoholkranke, die nach einem Entzug rückfällig geworden sind, trinken oft mehr als zuvor. Eine Art "Jo-jo-Effekt" tritt ein.

"Cut down drinking" - Trinkmengenreduktion - lautet der neue Therapie-Ansatz, der nicht Suchtmittelfreiheit sondern -reduktion beinhaltet und auch zur Vermeidung des oben genannten Jo-jo-Effekts beiträgt. "Richtiger wäre vermutlich zu sagen, 'Cut back drinking‘", hält Walter fest. "Normalerweise führt der zweite oder dritte Trink-'Versuch‘ zum Rückfall", weiß die Suchtexpertin und hinterfragt: "Was heißt überhaupt Rückfall? Es gibt sog 'Slips‘ - kleine Ausrutscher - und 'Relapses‘: große Rückfälle mit Kontrollverlust."

Reduziertes Verlangen nach Alkohol

Der neue Ansatz, um das Trinken allmählich in den Griff bekommen zu können, liegt also in einer Veränderung der Perspektive - in Kombination mit modernen Medikamenten, die auf das Belohnungssystem des Gehirns wirken, die Muskeln entspannen und damit das Verlangen nach Alkohol reduzieren. Darunter die Arzneistoffe Naltrexon, Baclofen und Acamprosat.

Für die Zeit des akuten Entzuges kommen muskelentspannende sowie antiemetische (Anm. der Redaktion: gegen Übelkeit und Erbrechen wirkende) Arzneistoffe zum Einsatz, wie Caroverin oder Ondansetron.

Als ein Medikament der Zukunft nennt Walter Pregabalin, das gegen neuropathische Schmerzen und bei generalisierten Angststörungen wirken soll.

Die richtige Begleitung

Es macht einen Unterschied, ob jemand einen Liter oder 4 cl Wodka am Tag tinkt. "Viele Problemtrinker und auch einige Alkoholabhängige können lernen, ihren Konsum zu kontrollieren", weiß Walter. Voraussetzung dafür sei die richtige Begleitung. "Diese beinhaltet, die Patienten emotional zu erreichen", sagt die Leiterin der Alkoholambulanz. Im Zentrum steht die Förderung der Motivation. Realistische Ziele werden gemeinsam gesucht und vereinbart, die es wert sind, den Alkohol wegzulassen.

Mit dem neuen Ansatz ist oft gar kein harter, stationärer Entzug mehr notwendig. Als wesentlich für den Erfolg, betont Walter, "eine maßgeschneiderte Therapie mit dem Patienten und eine Beziehung zum Patienten zu entwickeln". Dafür orientiert man sich an der Typisierung des Psychiaters Otto Lesch, der gemeinsam mit Henriette Walter die Alkoholambulanz am Wiener AKH leitet.

Über die Typisierung zur Therapie

Die Typisierung ermöglicht die Grundstörung zu erkennen, die hinter dem Alkoholismus liegt. Bei Typ I stehen keine psychiatrischen sondern somatische Krankheiten im Zentrum. Die Patienten leiden bereits früh unter Entzugsbeschwerden und trinken vor allem auch gegen den Entzug an, um Zittern, Unruhe etc. zu reduzieren. Typ II trinkt gegen die Angst beziehungsweise gegen das "Nicht Nein sagen können" an. Typ III trinkt gegen Depressionen und gegen seine rigide Persönlichkeitsstruktur, die sich in unflexiblem Verhalten manifestiert. Typ IV gibt dem Trinkdruck der Gesellschaft nach. "Diese Einstufung dient vor allem der Erkenntnis, welche Therapie notwendig ist. Es handelt sich also um eine therapierelevante Diagnose", betont Henriette Walter.

Absolute Abstinenz als "sine qua non"

Was hat der neuen Alkoholtherapie den Weg geebnet? "Am Beginn stand das 'Reinstatement Model‘", erzählt Hentriette Walter: "Alkoholabhängige Ratten bekamen keinen Alkohol mehr angeboten und mussten so einen Entzug durchmachen. Danach tranken sie noch viel mehr als zuvor. Daraufhin überlegte man, ob das wirklich nur für Ratten zutrifft."

1981 verfassten die beiden Schottischen Psychologen Nick Heather und Ian Robertson ihr Buch "Controlled Drinking". Die Schwedische Psychologin Fanny Duckert hielt ebenfalls bereits in den 1980er-Jahren fest, dass das kontrollierte Trinken ein wichtiger Teil eines flexiblen Therapieplans sein sollte. Der US-amerikanische Psychologe und Psychiater William R. Miller analysierte 1983 Untersuchungen über kontrolliertes Trinken in den vier Ländern Britannien, Norwegen, Dänemark und Kanada. Nur in Deutschland und in den USA, herrschte und herrscht die absolute Abstinenz als "sine qua non". "Bis heute hat es gebraucht, um diese Diskussion in Gang zu setzen", berichtet Henriette Walter, die sich seit rund 30 Jahren der Alkoholtherapie verschrieben hat.

Ob radikale Abstinenz oder Reduktion der Alkoholmenge - es heißt, ein Alkoholkranker bleibt sein Leben lang alkoholkrank. Ist das die Wahrheit oder kann man sich vielleicht doch irgendwann als "geheilt" sehen? "Das weiß niemand", schließt die Suchtforscherin. (Eva Tinsobin, derStandard.at, 25.10.2011)

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    Kontrolliertes Trinken erlaubt: Eine Kombination aus "Cut down drinking", modernen Medikamenten und einer maßgeschneiderten Therapie hebelt die bedingungslose Abstinenz aus.

  • Henriette Walter kam 1981 an die Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie, 
habilitierte 1990 über Hypnose, ist eingetragene Psychotherapeutin, 
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin.  Neben der 
Alkoholismusforschung  leitet sie den sehr praxisorientierten 
Universitätslehrgang für "Medizinische Hypnose".
    foto: häusler

    Henriette Walter kam 1981 an die Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie, habilitierte 1990 über Hypnose, ist eingetragene Psychotherapeutin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Neben der Alkoholismusforschung leitet sie den sehr praxisorientierten Universitätslehrgang für "Medizinische Hypnose".

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