Der etwas andere Weg ins Trockene

25. Oktober 2011, 16:58
  • Henriette Walter kam 1981 an die Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie, 
habilitierte 1990 über Hypnose, ist eingetragene Psychotherapeutin, 
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin.  Neben der 
Alkoholismusforschung  leitet sie den sehr praxisorientierten 
Universitätslehrgang für "Medizinische Hypnose".
    foto: häusler

    Henriette Walter kam 1981 an die Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie, habilitierte 1990 über Hypnose, ist eingetragene Psychotherapeutin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Neben der Alkoholismusforschung leitet sie den sehr praxisorientierten Universitätslehrgang für "Medizinische Hypnose".

Bedingungslose Abstinenz ist nicht mehr oberstes Ziel der Alkoholtherapie - In der Alkoholambulanz am Wiener AKH setzt man auf "Cut down drinking"

"Ehemalige Alkoholiker dürfen nie wieder ein Punschkrapferl essen, sonst werden sie rückfällig", heißt es seit Generationen. "Das trifft bestenfalls dann zu, wenn jemand durch den Geschmacksreiz rückfällig wird, was aber äußerst selten vorkommt", beobachtet Henriette Walter, Sozialpsychiaterin an der MedUni Wien und Leiterin der Alkoholambulanz am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien (AKH). "In unseren Köpfen dominiert nach wie vor die sogenannte 'absolute Abstinenz‘ als einziges Therapieziel, zugleich wissen wir, dass nur wenige Abhängige überhaupt in eine Therapie kommen und viele davon rückfällig werden."

"Cut down drinking" gegen den Jo-jo-Effekt

Die Rezidivquote hängt von der untersuchten Zeitdauer ab und beträgt bis zu 80 Prozent. Je größer der Druck, abstinent werden zu müssen, umso größer das Risiko: Jeder Tropfen Alkohol wird als "Rückfall" im Sinne eines persönlichen "Scheiterns" beurteilt. Alkoholkranke, die nach einem Entzug rückfällig geworden sind, trinken oft mehr als zuvor. Eine Art "Jo-jo-Effekt" tritt ein.

"Cut down drinking" - Trinkmengenreduktion - lautet der neue Therapie-Ansatz, der nicht Suchtmittelfreiheit sondern -reduktion beinhaltet und auch zur Vermeidung des oben genannten Jo-jo-Effekts beiträgt. "Richtiger wäre vermutlich zu sagen, 'Cut back drinking‘", hält Walter fest. "Normalerweise führt der zweite oder dritte Trink-'Versuch‘ zum Rückfall", weiß die Suchtexpertin und hinterfragt: "Was heißt überhaupt Rückfall? Es gibt sog 'Slips‘ - kleine Ausrutscher - und 'Relapses‘: große Rückfälle mit Kontrollverlust."

Reduziertes Verlangen nach Alkohol

Der neue Ansatz, um das Trinken allmählich in den Griff bekommen zu können, liegt also in einer Veränderung der Perspektive - in Kombination mit modernen Medikamenten, die auf das Belohnungssystem des Gehirns wirken, die Muskeln entspannen und damit das Verlangen nach Alkohol reduzieren. Darunter die Arzneistoffe Naltrexon, Baclofen und Acamprosat.

Für die Zeit des akuten Entzuges kommen muskelentspannende sowie antiemetische (Anm. der Redaktion: gegen Übelkeit und Erbrechen wirkende) Arzneistoffe zum Einsatz, wie Caroverin oder Ondansetron.

Als ein Medikament der Zukunft nennt Walter Pregabalin, das gegen neuropathische Schmerzen und bei generalisierten Angststörungen wirken soll.

Die richtige Begleitung

Es macht einen Unterschied, ob jemand einen Liter oder 4 cl Wodka am Tag tinkt. "Viele Problemtrinker und auch einige Alkoholabhängige können lernen, ihren Konsum zu kontrollieren", weiß Walter. Voraussetzung dafür sei die richtige Begleitung. "Diese beinhaltet, die Patienten emotional zu erreichen", sagt die Leiterin der Alkoholambulanz. Im Zentrum steht die Förderung der Motivation. Realistische Ziele werden gemeinsam gesucht und vereinbart, die es wert sind, den Alkohol wegzulassen.

Mit dem neuen Ansatz ist oft gar kein harter, stationärer Entzug mehr notwendig. Als wesentlich für den Erfolg, betont Walter, "eine maßgeschneiderte Therapie mit dem Patienten und eine Beziehung zum Patienten zu entwickeln". Dafür orientiert man sich an der Typisierung des Psychiaters Otto Lesch, der gemeinsam mit Henriette Walter die Alkoholambulanz am Wiener AKH leitet.

Über die Typisierung zur Therapie

Die Typisierung ermöglicht die Grundstörung zu erkennen, die hinter dem Alkoholismus liegt. Bei Typ I stehen keine psychiatrischen sondern somatische Krankheiten im Zentrum. Die Patienten leiden bereits früh unter Entzugsbeschwerden und trinken vor allem auch gegen den Entzug an, um Zittern, Unruhe etc. zu reduzieren. Typ II trinkt gegen die Angst beziehungsweise gegen das "Nicht Nein sagen können" an. Typ III trinkt gegen Depressionen und gegen seine rigide Persönlichkeitsstruktur, die sich in unflexiblem Verhalten manifestiert. Typ IV gibt dem Trinkdruck der Gesellschaft nach. "Diese Einstufung dient vor allem der Erkenntnis, welche Therapie notwendig ist. Es handelt sich also um eine therapierelevante Diagnose", betont Henriette Walter.

Absolute Abstinenz als "sine qua non"

Was hat der neuen Alkoholtherapie den Weg geebnet? "Am Beginn stand das 'Reinstatement Model‘", erzählt Hentriette Walter: "Alkoholabhängige Ratten bekamen keinen Alkohol mehr angeboten und mussten so einen Entzug durchmachen. Danach tranken sie noch viel mehr als zuvor. Daraufhin überlegte man, ob das wirklich nur für Ratten zutrifft."

1981 verfassten die beiden Schottischen Psychologen Nick Heather und Ian Robertson ihr Buch "Controlled Drinking". Die Schwedische Psychologin Fanny Duckert hielt ebenfalls bereits in den 1980er-Jahren fest, dass das kontrollierte Trinken ein wichtiger Teil eines flexiblen Therapieplans sein sollte. Der US-amerikanische Psychologe und Psychiater William R. Miller analysierte 1983 Untersuchungen über kontrolliertes Trinken in den vier Ländern Britannien, Norwegen, Dänemark und Kanada. Nur in Deutschland und in den USA, herrschte und herrscht die absolute Abstinenz als "sine qua non". "Bis heute hat es gebraucht, um diese Diskussion in Gang zu setzen", berichtet Henriette Walter, die sich seit rund 30 Jahren der Alkoholtherapie verschrieben hat.

Ob radikale Abstinenz oder Reduktion der Alkoholmenge - es heißt, ein Alkoholkranker bleibt sein Leben lang alkoholkrank. Ist das die Wahrheit oder kann man sich vielleicht doch irgendwann als "geheilt" sehen? "Das weiß niemand", schließt die Suchtforscherin. (Eva Tinsobin, derStandard.at, 25.10.2011)

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19 Postings

ich glaube nicht, daß ein wirklich schwerer alkoholiker - 1 flasche schnaps am tag - einfach so downcutten kann. in diesem falle funktioniert nur komplette nüchternheit - es kommt doch auch in den synapsen zu einer gewöhnung durch den alkohol - deshalb auch die schlimmen entzugsnebenwirkungen - und wenn die synapsen sich wieder erholt haben, gibt es wieder stoff? bei manchen mag es so wirken, aber bei schweren tranklern sicher nicht - dort ist der einzige weg totale abstinenz.

Ihr Posting beginnt mit den Worten "Ich glaube nicht" ..... Dieser Artikel steht allerdings im Wissenschaftsresort, nicht in der Religionsabteilung.

'Glauben' Sie denn nicht, dass die Profis von der Wiener Universitätsklinik etwas mehr Erfahrung haben, und diese auch konkret untermauern können? Es beginnt schon damit, dass man (siehe Text) verschiedene Grundtypen von Alkoholikern unterscheidet, dementsprechend sind Therapie und Erfolge verschieden.

Da Sie...

...ein Vokabular wie "Trankler" bei der Diskussion verwenden, tu ich mir ausgesprochen schwer, Ihnen in dieser Diskussion sowas wie Kompetenz zuzugestehen.

Ansonsten scheinen Sie mit der Thematik auch eher

@Chief Cohiba,
was scheine ich mit der Thematik eher nicht.... sie haben leider nicht weitergeschrieben, da sie mich anscheinden für inkompetent halten. jeder medizinstudent im ersten semester lernt aber, das sich das gehirn an substanzen die rauschzustände bewirken -- bei manchen mehr bei anderen weniger --- schnell gewöhnen kann - und der stoffwechsel im gehirn sich dem zustrom an solchen substanzen anpaßt.
wenn diese plötzlich fehlen kommt es zu entzugserscheinungen - was ist ihrer werten meinung daran falsch? oder gehören sie zu der fraktion die meint - man kann ja jederzeit damit aufhören wenn man will?

Und welche Kompetenz in welchem Gebiet haben Sie erworben, um so eine Aussage tätigen zu können?

ich habe es an anderer stelle schon einmal gepostet:
ich hatte vor 27 jahren einen tranquilizer und alkoholentzug und habe seither weder das eine noch das andere konsumiert, aber vermutlich gelingt das leider nicht allzuvielen, daher versucht man offensichtlich die verordnete totalkarenz zu unterwandern, damit erreicht man aber nur, dass man nie wegkommt, denn es gibt keine reduktion, auch nicht beim rauchen (seit 15 jahren nr) denn das verlangen ist bei suchtmitteln solange da, solange man es nicht bewältigt hat ohne zu leben.
alles andere ist ein ständiges problem mit der droge haben. man muß so weit kommen, dass man selbst bei größten problemen nie wieder zum alk - zigarette etc. greift

Wooow

Gratulation zu dem Zweifachentzug! Das war sicher der HAmmer! Gratuliere auch zum Nichtraucher - habe auch schon fast zwei Jahre! Der Schlüsselsatz Ihres Postings ist, "Solange man es nicht bewältigt
hat, ohne zu leben"! Solange man es sich nicht vorstellen kann, ohne Suchtmittel zu leben, gibt es keinen Entzug!

Danke
;->
dkn

gerne hätte ich den artikel fertiggelesen, aber die werbung links und rechts macht mich wahnsinnig, überall bewegt sich was, unglaublich wäh

empfehle adblock

Welche werbung? Schnaps o. wein o. bier...?

Einfache Lösung für AlkoholikerInnen

Solange keinen Alk trinken bis man einen ganzen Tag nicht daran gedacht hat dass man keinen Alkohol getrunken hat . Wenn man in seinem Leben danach abundzu einen Rausch hat - Was solls ? Der Körper verlangt abundzu sowieso nach Alk sonst passiert böses : Herzversagen - epileptische Anfälle - Organversagen . Und zwar dann wenn man es gar nicht mehr erwartet (Alles Psychologie : Man bleibt nur ein Leben lang Alkoholiker wenn man glaubt dass man ein Leben lang Alkoholiker bleiben muss)

Ich habe mit trockenen Alkoholikern und auch mit Psychiatern gesprochen,

Die alle sehr skeptisch dem cut down drinking gegenüber stehen. Ich denk mir aber, egal was hilft, wenns hilft.

Die AA ist eine Psychosekte und gehört eigentlich verboten

Deren grösstes Problem ist mit Sicherheit nicht der Alkohol

Naja, AA kommt halt aus dem puritanischen Sektierer-Bereich. Das ist die Sorte Protestanten, für die Gott seine Schaferln schon auf Erden behütet - also sind Reiche gottgefällig, die Armen müssten halt Bibelsprüche lernen, damit's ihnen besser geht.

.... und dann halt eine Mischung aus religiöser Gehirnwäsche und betreutem Entzug als Therapie.

(1. Zugeben dass man machtlos ist - 2 behaupten dass ein Gott einen heilen könne - 3 sein Leben in die Hand Gottes legen - 4 Selbstanalyse - 5 im Gebet und zu einem Sektenmitglied die eigenen Fehler auflisten - 6&7 beten - 8-10 bei Mitmenschen entschuldigen - 11 beten - 12 predigen)

... aber was ist besser, Säufer die in der Gosse sitzen oder Bibel schwingende Ex-Alkis?

ich muss sie leider korrigieren zum thema 12 punkte programm!
der 2te punkt heisst nicht, dass man behaupten muss dass ein gott einen heilen könnte.
die aa habe im 2ten punkt stehen:Zum Glauben kommen, dass nur eine Macht, die größer als man selbst ist, die eigene geistige Gesundheit wiederherstellen kann.
wobei die AA immer zu bedenken geben, dass sie damit nicht unbedingt einen gott meinen sondern an das, was ein jeder für sich glaubt od nicht glaubt!
dass die AA aus der zusammenkunft eines geistlichen u eines alkoholikers stammen, dass ist richtig, aber sie haben auch immer betont, dass sie sich nicht irgendeiner gotteslehre unterwerfen wollen!

???

Gehts Ihnen gut?

AA = der Krebs der Alkohilismus fördert!
Alkoholiker sollte man nicht zwanghaft "trockenlegen", sondern ihr Konsumvergalten dermaßen reduzieren, dass sie sich weder psychisch noch physisch schädigen.

Menschen, die keinerlei Rauschmittel zu sich nehmen, sind nicht glücklicher oder besser als jene, die dies in moderatem, nicht pathologischem Ausmaß tun.

Das sehe ich nicht so.

Finde ich ziemlich abwertend, was Sie hier machen. Gehts um die Konkurrenz?

begründung, warum sie da nicht so sehen?

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