Immer wieder Countdown für Galileo

24. Oktober 2011, 18:36
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Live dabei sein beim Entstehen des europäischen Navigationssystems konnte man am 20. Oktober auf dem Event eines heimischen Zulieferers - Kleinere Pannen wurden bereits geortet und behoben

Um die Ruhe im Meidlinger Hinterhof mit benachbartem Idyll des Kleingartenvereins Sagedergasse ist es an diesem Donnerstagvormittag schlecht bestellt. "2 Stunden, 4 Minuten und 8 Sekunden" steht zur Hälfte angeschnitten auf der Leinwand im Seminarraum der Ruag Space GmbH. Der tickende Countdown bis zum Start der ersten vollwertigen Galileo-Satelliten ist in den hinteren Sitzreihen kaum zu erkennen. Doch ein Erfolg der europäischen Raumfahrt hängt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr davon ab, ob eine Powerpoint-Präsentation gut lesbar ist.

Bernhard Hofmann-Wellenhof vom Institut für Navigation an der TU Graz tritt hinters Rednerpult: "Vergessen Sie die eingeblendete Zeit. Ich habe gerade vom Weltraumbahnhof in Kourou erfahren, dass der Start um eine halbe Stunde vorverlegt wurde. Das ist meines Wissens das erste Mal in der Geschichte von Galileo, dass etwas schneller geht als geplant."

Das Herz schlägt seit 2008

Bereits im September 2008 hat die österreichische Abteilung von Ruag Space die letzten Komponenten für die beiden Esa-Satelliten geliefert, die nun in den Orbit geschickt werden. "Wir sind also nicht daran schuld, wenn die Transportrakete erst jetzt startet ", versichert Walter Hörmanseder, Projektleiter bei Ruag. Sein Projekt - das war der Zusammenbau von 1400 präzise gefertigten Einzelteilen zu einem Signalgenerator. Das ist eine Art Herzstück in jedem Navigationssatelliten.

Bevor erstmals eine russische Sojus-Rakete von EU-Territorium am Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana abhebt, blickt Hörmanseder noch rasch zurück auf die Entstehung der Satelliten: "Die Subsysteme von Galileo wurden zu lange isoliert voneinander evaluiert. Fehlende Koordination und oft ungenaue Vorgaben, was überhaupt gebraucht wird, haben unsere Arbeit nicht unbedingt erleichtert." Diese Einschätzung hat sich schon bei der ersten Serie der Galileo-Testsatelliten bestätigt: Vor dem Start von Giove B im Jahr 2008 entstanden große Verzögerungen. So große, dass der Zulieferer ein System verbaute, das ursprünglich für die nächste Generation gedacht war.

Hofmann-Wellenhof ist bei der zweiten Folie seiner Präsentation angelangt. Sie zeigt eine Reihe von Zitaten, die dem Ruf eines eigenen europäischen Navigationssystems wohl ebenso geschadet haben wie offene technische und finanzielle Fragen. So deckte etwa Wikileaks zu Anfang des Jahres auf, dass Berry Smutny das System als "Verschwendung von Steuergeldern" und als "Unfug" bezeichnete. Das peinlich Berührende daran für die europäische Raumfahrt: Als Vorstandschef des Raumfahrtunternehmens OHB hatte Smutny gerade den ersten Auftrag für den Bau von Galileo-Satelliten erhalten.

Unpräzise Versprechen

Was aus technischer Sicht Unfug ist, und was nicht, kann dennoch nicht einfach beurteilt werden: Eine Ortungsgenauigkeit von nur einem halben Zentimeter an Hauswänden versprachen manche EU-Politiker und ernteten damit selbst von Galileo-Entwicklern nur Häme. Das globale Navigationssatellitensystem der Esa (GNSS) soll zwar eine deutlich höhere Genauigkeit bringen als der amerikanische Konkurrenzstandard GPS. Aber gerade in Häuserschluchten sei eine derart präzise Ortung nahezu ausgeschlossen, meint Hofmann-Wellenhof.

Unbestritten ist dagegen eine sinnvolle neue Fähigkeit der Galileo-Satelliten, von denen im Vollausbau bis zum Jahr 2020 insgesamt 30 Stück stationär in einer Höhe von rund 23.000 Kilometern über die Erde wachen: Auf einer Frequenz, die nicht mit dem "offenen Dienst" kollidiert, wird es Rückkanäle geben. Das soll sicherstellen, dass in See- oder Bergnot geratene Menschen ihre Position über Satelliten mitteilen können.

Zudem soll Galileo in Zukunft eine bedeutende Rolle beim Erreichen von Klimazielen spielen: So werden bereits 2012 auf dem Weltkongress für intelligente Verkehrssysteme in Wien erste Demonstrationsdienste für spritsparendes Lkw-Routing vorgestellt. Wirklich "intelligent" sind diese Systeme aber nur dann, wenn es bald zusätzliche Ortungsdienste wie jene von Galileo gibt.

Kaum anfechtbar ist demnach, dass letztlich nur die Kombination von Signalen des europäischen und des amerikanischen Dienstes höchste Präzision gewährleistet. Allerdings könnte die bessere Abdeckung auch bald im Zusammenspiel mit russischen, chinesischen oder indischen Satelliten erreicht werden. Vor allem China und Indien holen bei der Entwicklung globaler Navisysteme auf.

Der Countdown zeigt weniger als zwei Stunden. Hofmann-Wellenhof wirft nun die stärksten Argumente für Galileo an die Wand: Seine Powerpoint-Folie und die Europäische Kommission argumentieren, dass im Jahr 2009 rund 800 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung direkt oder indirekt mit Satelliten-Technik zusammenhingen. Da erscheinen selbst - im Jänner 2011 nach oben revidierte - Gesamtkosten von 5,3 Milliarden Euro bis 2020 wie ein Klacks. Vor allem, wenn Äpfel mit Birnen oder Satelliten mit Löchern im einem Berg verglichen werden: Die geplanten Kosten des Koralmtunnels liegen derzeit nur 0,1 Milliarden unter jenen für Galileo.

Nun tritt auch Hermann Ebner von der Europäischen Kommission vor den Countdown: "Ich habe Nachrichten aus Kourou: Der Start wurde abgebrochen. Wahrscheinlich geht es morgen weiter."

So war es dann auch. Damit fehlen bis zur rein europäischen Navigation nur mehr 28 Satelliten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. Oktober 2011)


Wissen - Kontaktaufnahme

Österreich ist seit 2000 am Aufbau des europäischen Navigationssystems Galileo beteiligt. Dafür wurde der sogenannte Galileo Contact Point Austria in der Agentur für Luft- und Raumfahrt eingerichtet. Dieser wird von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) koordiniert.

Zur Verdeutlichung der Anwendbarkeit, die aus der präziseren Positionsinformation generiert wird, erfolgte danach die Einrichtung des Projekts "Artist". Beispielhafte Applikationen sollen dabei neue Möglichkeiten der Satellitennavigation verdeutlichen. Nach Angaben des Geldgebers, dem Verkehrsministerium, liegt die heimische Beteiligung an Galileo bei bisher 50 Millionen Euro.

Link
Die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG

  • Ab 18 Stück kann das "rein europäische Navi" Galileo bereits erste Dienste mit reduzierter Leistung anbieten. 2014 soll es so 
weit sein.
    illustration: esa/j. huart

    Ab 18 Stück kann das "rein europäische Navi" Galileo bereits erste Dienste mit reduzierter Leistung anbieten. 2014 soll es so weit sein.

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