ÖAW-Präsident Denk sieht Annäherung zwischen Unis und außeruniversitären Einrichtungen - Ehrenmitgliedschaft der Gesamtakademie an Walter Kohn
Wien - Eine Annäherung zwischen Universitäten und außeruniversitärer
Forschung ortet der Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
(ÖAW), Helmut Denk. Immer häufiger würden gemeinsam Ressourcen und Infrastruktur
genutzt, es gehe nicht um ein "oder", sondern um ein "und" von universitärer und
außeruniversitärer Forschung, sagte Denk im Gespräch. Die ÖAW
veranstaltete am Montag ein Symposium über die Rolle der außeruniversitären
Forschung im Wissenschaftssystem eines Landes, zu dessen Beginn
Chemie-Nobelpreisträger Walter Kohn die Ehrenmitgliedschaft der Gesamtakademie
überreicht wurde.
"Streben nach Exzellenz"
Gemeinsam sei sowohl Unis als auch außeruniversitären Forschungsinstitutionen
"das Streben nach Exzellenz". In den Aufgaben sieht Denk aber doch erhebliche
Unterschiede: Die Unis müssten - auch aufgrund ihrer Ausbildungsfunktion -
"breit angelegt sein". Zudem koste die Lehre "sehr viel Zeit, wenn sie gut
gemacht ist", und es gebe immer noch viel Bürokratie. Dagegen habe die
außeruniversitäre Forschung die Aufgabe, in die Tiefe zu gehen, "ich würde das
als Tiefbohrung bezeichnen". Sie könne sich weiters auf spezielle risikoreiche
Forschung konzentrieren, und auf sehr lange dauernde Vorhaben.
Solche Vorteile sind wohl auch wesentlich für die wissenschaftlichen Erfolge
von außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie der Max-Planck-Gesellschaft
in Deutschland oder dem Weizmann-Institut in Israel. In Österreich war die
Situation für diesen Bereich in den vergangenen Jahren unterschiedlich.
Einerseits wurden Spitzeneinrichtungen wie das Institut für Quantenoptik und
Quanteninformation (IQOQI) der ÖAW aufgebaut oder das Institute of Science and
Technology (IST) Austria gegründet. Auf der anderen Seite hat die ÖAW seit
Jahren immer wieder mit Budgetknappheit zu kämpfen und kleineren
außeruniversitären Forschungseinrichtungen wurde im Vorjahr vom
Wissenschaftsministerium die bisherige Förderung gestrichen.
Mangelnde Fairness
Denk wirkt angesichts dieser Situation pragmatisch: "Ich könnte nicht sagen,
dass diese Budgetrestriktionen uns helfen, aber auf der anderen Seite müssen wir
uns auch nach der Decke strecken und können diese Situation dazu nutzen, uns zu
analysieren und uns neu aufzustellen." Für die Forscher der Akademie sei es
allerdings "ein bisschen unfair", von ihnen zu verlangen, "international in der
ersten Liga auf Augenhöhe mitzuspielen, sie aber nicht in gleichem Maße zu
fördern".
Für die Akademie, die derzeit in den abschließenden Verhandlungen mit dem
Wissenschaftsministerium über die erste Leistungsvereinbarung für die Jahre 2012
bis 2014 steht, macht Denk klar, "dass wir schrumpfen müssen". Der ÖAW-Präsident
kann dem aber "einen gewissen positiven Effekt" abgewinnen: "Weil wir uns fragen
müssen, was wir halten müssen, um international mitspielen zu können, und was
wir uns nicht mehr leisten können." Bei jenen Bereichen, "wo wir keine Chance
haben, diese schwerpunktmäßig zu entwickeln", gebe es mehrere Möglichkeiten von
der Verkleinerung bis zur Schließung oder der Angliederung an Universitäten -
wie das übrigens auch schon bei mehreren von der Förderkürzung betroffenen
außeruniversitären Forschungseinrichtungen gemacht wurde.
Dass die außeruniversitäre Forschung in Österreich einen anderen Stellenwert
als im Ausland hat, glaubt Denk nicht. "In Österreich hat die Forschung einen
viel zu geringen Stellenwert, gleich welcher Art und Institution."
Ehrenmitgliedschaft an Kohn
Zum Auftakt des Symposiums wurde dem in Österreich geborenen und von den
Nazis aus seiner Heimat vertriebenen Chemie-Nobelpreisträger Walter Kohn die
bereits im Mai zuerkannte Ehrenmitgliedschaft der Gesamtakademie persönlich per
Dekret überreicht. Kohn wurde am 9. März 1923 in Wien geboren. 1939 - drei
Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges - gelang ihm gemeinsam mit seiner
Schwester Minna über einen sogenannten Kindertransport die Flucht aus
Österreich.
Nach seiner Vertreibung aus Österreich verschlug es ihn über Umwege
an die Harvard University (US-Bundesstaat Massachusetts), wo er sein Doktorat
machte. Die weitere wissenschaftliche Laufbahn führte ihn nach Pittsburgh,
Kopenhagen, Paris, San Diego und schließlich nach Santa Barbara, wo er von 1979
an Direktor des renommierten Institute of Theoretical Physics an der University
of California war. 1998 wurde er für seine "Dichte-Funktionaltheorie" mit dem
Nobelpreis bedacht. (APA)