Mazedonien ist durch den Namensstreit mit Griechenland politisch gelähmt - Premier Gruevski hat nun in Skopje einen antiken Heldenpark bauen lassen - Gleichzeitig wird die Pressefreiheit eingeschränkt
Skopje - Manche Löwen wenden sich den Soldaten zu, die mit Schildern und
Lanzen das Podest bewachen, auf dem Alexander der Große, bronzen
leuchtend auf einem gedrungenen Pferd sitzend, gegen unbekannte Feinde
kämpft. Andere Löwen spucken blaues oder violettes Wasser in den
Nachthimmel von Skopje. Die Musik von Schwanensee ertönt. Rund um
Alexander haben sich auf dem Hauptplatz zahlreiche andere "mazedonische
Helden" gruppiert: Der römische Kaiser Justinian steht nahe am Fluss
Vardar, die meisten marmornen oder bronzenen Figuren kennen aber nicht
einmal die Mazedonier. Das Projekt "Skopje 2014" schaut so aus, als
hätte ein Riesenkind von einem Fantasy-Planeten sein Playmobil-Spielzeug
hier verstreut.
Doch es geht um mehr: In einer Region, wo Identität stark über
historische Bezüge definiert wird, versucht ein kleines verunsichertes
Land sein Selbstbewusstsein mit Symbolen aus "großen Zeiten" zu stärken.
Die Stadt mit der dominierenden sozialistischen Architektur will sich
nationalmazedonischer und als Übermittlerin und Trägerin von Imperien
definieren. Dabei wird das Pathos sympathischerweise von einem
patscherten Kitsch ausgebootet.
Springbrunnen im Fluss
Aus dem Vardar sprudeln Springbrunnen, dahinter entsteht ein ovales
Gebäude mit Säulen, ein aus der Form geratenes Pantheon, auf der anderen
Seite des Platzes wird ein Triumphbogen errichtet. Der geistige Vater
dieses Geschichts-Disneylands des Balkans ist Premierminister Nikola
Gruevski. In Skopje sagen einige, Gruevski wolle davon ablenken, dass
sich der Staat, der gerade erst sein 20-jähriges Bestehen gefeiert hat,
politisch schon lange nicht mehr bewegt. Seit 2005 hat Mazedonien den
EU-Kandidatenstatus, könnte also eigentlich ein Vorreiter der
Integration sein, ein guter Schüler angesichts der Reformbemühungen.
Außenminister Nikola Poposki sagt, Mazedonien wäre heute Nettozahler,
wäre es in der EU. Wäre! Der merkwürdige Streit mit Griechenland um den
Namen des Landes, das sich international noch immer FYROM (Former
Yugoslav Republic of Macedonia) nennen lassen muss - Athen verweigert
den Namen Mazedonien und hat gegen den Nato-Beitritt ein Veto eingelegt
- verhindert alle weiteren Schritte in die EU. Eine Lösung ist nicht in
Aussicht.
Blickt man den Helden auf dem Makedonija-Platz in die Augen, so schauen
manche ziemlich trostlos drein. Das zwei Millionen Einwohner zählende
Land wird nicht nur von außen nicht anerkannt, auch die innere Identität
- ein Viertel der Bevölkerung sind Albaner - ist dauernd
herausgefordert. Die Regierung in Skopje hofft, dass die EU irgendwann
einmal als Vermittler im Namensstreit einspringen wird. Doch die EU ist
zu sehr mit sich selbst beschäftigt, die Erweiterung ist unbeliebt.
Manchen ist der Namensstreit wohl gar nicht so unrecht. EU-Ministerin
Teuta Arifi räumt ein, dass es auch in Mazedonien wirtschaftliche und
politische Kräfte gibt, die gar keinen Beitritt wollen. Denn damit wären
wohl mehr Transparenz und Reformen in der Verwaltung notwendig.
Keine Namensveränderung
Außenminister Poposki verteidigt die Linie der national-konservativen
Regierung: "Es gibt keine Möglichkeit, den konstitutionellen Namen
unseres Landes zu verändern." Punkt. Kompromissbereitschaft schaut
anders aus. Allerdings unterstützt auch die Mehrheit der Bevölkerung die
Haltung der Regierung. Poposki ist überzeugt, dass Mazedonien im
Gegensatz zu Griechenland die europäischen Werte verteidigt. Und
Alexander der Große auf dem Hauptplatz in Mazedonien? "Das ist die
Konsequenz daraus, dass wir uns bedroht fühlen", sagt er. Den Zorn der
Griechen versteht man nicht.
Mazedonien blockiert sich selbst auf einer symbolischen Ebene, obwohl
die realen Probleme durchaus gravierend sind. Die EU-Kommission und die
Zivilgesellschaft bekritteln die mangelnde Meinungsfreiheit. Der größte
TV-Oppositionssender A1 musste heuer wegen "Steuerstrafen" schließen.
Die zwei wichtigsten privaten TV-Sender werden von Familienmitgliedern
zentraler Figuren in der Regierungspartei VMRO-DPMNE geleitet. Die
Regierung ist der zweitgrößte Geldgeber für Werbung in Medien. Auch in
den Zeitungen sind die politischen Beziehungen leicht "nachzulesen".
Journalisten werden in die Selbstzensur gedrängt, um zu überleben. Der
zweite Machthebel der Parteien ist der Zugriff auf die Verwaltung. Darko
Aleksov von der NGO Most erzählt etwa, dass sich VMRO-DPMNE von
"Mitarbeitern" in der Administration Namenslisten von
Familienmitgliedern erstellen ließ, um diese per Telefon zum Urnengang
"aufzufordern". Die Beteiligung an der Parlamentswahl am 5. Juni war
dann mit 63 Prozent relativ hoch.
Vizepremierministerin Arifi räumt ein, dass auch ihre Partei, die
albanische Fraktion DUI, Teil des Klientel-Systems ist. "Es wird der Tag
kommen, da müssen wir uns entscheiden, ob wir den europäischen Werten
folgen", sagt sie. Die Heldeninvasion in Skopje gefällt ihr offenbar
nicht: "Wir sollten uns mehr an der Zukunft als an der Vergangenheit
orientieren." Allerdings haben nun auch die Albaner ihre Helden
eingefordert. Eine Kopie der Tiraner Skanderbeg-Skulptur grüßt bereits
aus dem osmanischen Basar hinüber zu Alexander dem Großen. (DER STANDARD Printausgabe, 25.10.2011)