"Es wäre toll, sich genetisch neu zu designen"

Interview26. Oktober 2011, 21:50
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Dem britischen Künstler und Musiker Genesis P-Orridge ist eine spezielle Viennale-Hommage gewidmet - Wien-Besuch aus gesundheitlichen Gründen abgesagt

Thomas Edlinger sprach mit ihm über körperliche Utopien, heuchlerische Punks und Grenzerfahrungen.

Standard: Marie Losier hat die Arbeit an dem Film begonnen, als Ihre Lebenspartnerin Lady Jaye noch am Leben war. Hatten Sie nach ihrem Tod Bedenken, den Film fertigzustellen?

P-Orridge: Nein. Lady Jaye hat uns alle zusammengebracht. Sie war von dem Film überzeugt. Sie wollte ihn vollendet haben und als große Liebesaffäre von der Nachwelt erinnert werden. Der musikalische oder künstlerische Erfolg war ihr völlig egal.

Standard: Ist das auch Ihre Haltung?

P-Orridge: Absolut. Seit den 1960er-Jahren bezeichne ich mich als romantischen Existenzialisten. Einmal haben Lady Jaye und ich uns über eine Stunde lang geküsst - das war für uns beide ein psychedelischer Trip.

Standard: Wie hat sich Ihr Leben nach ihrem Tod 2007 verändert?

P-Orridge: Ich habe meine Brust verkleinert, damit ich so aussehe wie sie, als sie starb. Drei Tage nach ihrem Tod saß ich traumatisiert in unserem Apartment in New York herum. Meine Kinder waren da und rieten mir, mit ihnen eine Weile nach Kalifornien zu gehen. Ich wollte in jedem Fall mein Lieblingsbild, das uns beide in roten Roben in Kathmandu zeigt, als Andenken mitnehmen. Als ich es auf den Tisch legte und wir über den Umzug redeten, hob es plötzlich ab und segelte genau vor meine Füße. Also blieb ich in New York.

Standard: Sie haben sich schon früh für Grenzerfahrungen und magische Rituale interessiert.

P-Orridge: Meine Großmutter war ein Medium, das habe ich mit elf beim Gläserrücken erfahren. Später haben wir uns dann mit Aleister Crowley und vor allem Austin Osman Spare beschäftigt und selbst regelmäßig private Rituale abgehalten. Mit dem Kollektiv Thee Temple ov Psychic Youth haben wir bis zu 10.000 Menschen erreicht, von denen viele am 23. eines Monats einen gleichzeitigen, magischen Orgasmus hatten. Das war schon bemerkenswert!

Standard: Der Film zeigt Sie sehr privat, wie Sie mit dem Hund spielen oder in Dessous Pasta kochen. Wer ist Genesis - der rituelle Performer, der sich zu Industrial- Noise sexuell verstümmelt, oder die glückliche Hausfrau?

P-Orridge: Die 70er-Jahre liegen weit zurück. Damals hatten wir die richtigen Strategien gegen die Heucheleien eines autoritären Regimes. Wir waren jung und arrogant, heute sind unsere Methoden viel sanftmütiger. Heute wollen wir niemanden mehr schockieren, sondern kümmern uns um Netzwerke und autonome Kollektive, damit wir für den drohenden Kollaps gerüstet sind.

Standard: Sie waren schon mehrmals in Haft und hatten immer Schwierigkeiten mit der Justiz.

P-Orridge: Ich war das Symbol für alles, was man an der Alternativkultur hasste - ob es der Einsatz für die Homosexuellenrechte, die Tierrechte, gegen die Apartheid oder meine "Prostitution"-Show im ICA in London 1976 war. Sie haben zwei Tonnen meines Archivs beschlagnahmt, aber sie haben mich nie angezeigt. Trotzdem musste ich das Land verlassen. Damals haben sie meinem Anwalt gesagt: Wenn Ihr Klient zurückkommt, können wir nicht für sein Leben garantieren. Also blieb ich sieben Jahre lang im Exil.

Standard: 1975 begründeten Sie der Legende nach mit Throbbing Gristle das Industrial-Genre.

P-Orridge: Exakt am 3. September 1975.

Standard: Wem haben Sie damals mehr misstraut - den Hippies oder der aufkeimenden Punkbewegung?

P-Orridge: Den Punks. Viele der Punks bereiteten den Weg für den Siegeszug der Skinheads oder wurden selbst echte Nazis. Außerdem waren viele der Punks komplette Heuchler. Insgeheim wollten die meisten doch nur in die Hitparade und die nächsten Rolling Stones werden. In Punkmagazinen wie Sniffing Glue stand: Lern drei Akkorde und gründe eine Band. Wir dachten uns: Wozu drei Akkorde lernen, wenn man neue Musik machen will?

Standard: Sie haben auf der Bühne oft den eigenen Körper malträtiert. Hatten Sie damals schon Verbindungen zur Body-Art der Wiener Aktionisten?

P-Orridge: Nein, von den Aktionisten haben wir erst 1976 gehört. Damals habe ich als Koherausgeber an einer über tausendseitigen Enzyklopädie moderner Künstler gearbeitet. Wir waren natürlich begeistert: Endlich jemand, der genauso denkt wie wir! Ich habe dann Otto Mühl geschrieben und auch Hermann Nitsch besucht.

Standard: Später begannen Sie, Ihren Körper mittels plastischer Chirurgie zu transformieren, um als Bild eins zu werden mit Lady Jaye. War das eine logische Entwicklung?

P-Orridge: Ja. Es war sehr intuitiv. Als wir uns das erste Mal trafen, steckte mich Lady Jaye in ihre Samtjacke, den Lederrock und ihre Highheels. Dazu bekam ich noch Juwelen, Knochen und Talismane in meine Dreadlocks. Als wir uns näherkamen, begannen wir, uns gleich anzuziehen und die gleiche Frisur zu tragen. Wir wollten ein neues, drittes Wesen aus zwei Hälften werden. Später hat sich unser Projekt zu einer evolutionären Utopie erweitert. Die Methode der Cut-ups, wie sie William Burroughs entwickelt hat, haben wir auf die DNA angewandt. Wenn wir unsere DNA-Programmierung aufmischen, können wir neue Versionen unserer selbst entfalten. Es wäre toll, sich genetisch neu zu designen. Könnten wir nicht eines Tages Flossen wie Delfine oder riesige Arme bekommen, mit denen wir viel mehr tragen können?

Standard: Lady Gaga agiert auf der Bühne sexuelle Cyborg -Rollenspiele aus. Ist sie eine entfernte Verwandte Ihrer Body-Art?

P-Orridge: Vielleicht. Ich weiß, dass sie meine Arbeit kennt. Als ihr erstes Album herauskam, wurde ich gefragt, ob ich ein Duett mit ihr singen würde. Ich habe mich aber nie bei ihr gemeldet.

Standard: Warum nicht?

P-Orridge: Es war zu verwirrend. Alles war bald so wie bei Madonna - auf ein bisschen verrückter. Und ihre Musik ist völlig uninteressant. Sie ist schon jetzt tot.

Standard: Mit Psychic TV / PVT 3 sind Sie nach wie vor aktiv. Throbbing Gristle hingegen waren lange Zeit bühnenabstinent. 2009 nahm die Band wieder ein Album auf. Was hat Sie dazu bewogen?

P-Orridge: Wir haben 15 Jahre lange nicht miteinander gesprochen. Wieder einmal war es Lady Jaye, die uns zusammenführte. Alles war okay, dann stieg unsere Plattenfirma Mute ein und organisierte ein Reunion-Konzert in London vor 3000 Leuten. Egal wie wir uns privat verstehen oder nicht verstehen: Wenn wir auf der Bühne stehen, passiert etwas Magisches.

Standard: Wie unterscheidet sich der Sound von früher?

P-Orridge: Der größte Unterschied ist, dass Chris Carter and Cosey Fanni Tutti Laptops einsetzen.

Standard: Wie stehen Sie persönlich zu Laptops?

P-Orridge: Musik sollte Freude und Energie spenden. Laptops können das nicht - zumindest nicht, was mich betrifft.
(DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2011)

Die Ausstellung "Blood - Sex - Magick" ist bis 5. 11. in der Galerie Christine König zu sehen. Das Konzert im Porgy & Bess am 29. Oktober wurde aus gesundheitlichen Gründen abgesagt.  Konzertkarten, die direkt beim Veranstaltungsort gekauft wurden, können ebendort zurückgegeben werden. Über die Viennale bezogene Karten können bis  2. November in einer der Viennale-Vorverkaufsstellen oder in einem der Viennale-Kinos zurückgegeben werden.

"The Ballad of Genesis and Lady Jaye" in Anwesenheit von Marie Losier am 27. Oktober um 23.30 Uhr im Gartenbaukino und am 28. Oktober um 18.30 Uhr in der Urania.

  • Auf dem Weg zu einem dritten Wesen: der Exzentriker  Genesis P-Orridge, 61. Geboren als Neil Andrew Megson in Manchester, machte er in den 60er-Jahren zunächst mit Happenings und als Performance-Künstler auf sich aufmerksam. 1975 gründete er die Band Throbbing Gristle, die als Mitbegründerin des Industrial-Genres gilt.
    foto: marie losier & bernard yenelouis

    Auf dem Weg zu einem dritten Wesen: der Exzentriker  Genesis P-Orridge, 61. Geboren als Neil Andrew Megson in Manchester, machte er in den 60er-Jahren zunächst mit Happenings und als Performance-Künstler auf sich aufmerksam. 1975 gründete er die Band Throbbing Gristle, die als Mitbegründerin des Industrial-Genres gilt.

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