"Ich habe mich sehr lange mit dem Material herumgeschlagen"

25. Oktober 2011, 16:56
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Ulrich Seidl gewährt auf der Viennale an einem Abend Einblick in sein neues Werk "Paradies" , das aus gleich drei Filmen besteht

Dominik Kamalzadeh befragte ihn über den Entstehungsprozess, die Hindernisse und das Ziel der Arbeit.

STANDARD: "Paradies" , der Titel Ihres neuen Filmprojekts, formuliert ein Glücksversprechen, das selten erfüllt wird. Worum geht es genau?

Seidl: Es handelt sich um drei Geschichten von drei Frauen: Sehnsuchtsgeschichten. Alle drei sind auf der Suche nach dem Paradies. Sie sind miteinander verwandt, das heißt es gibt zwei Schwestern, die um die fünfzig sind, eine davon hat eine Tochter, ein 13-jähriges Mädchen. Alle drei fahren in die Ferien - Teresa geht nach Kenia, um Liebe oder Sex mit jungen schwarzen Männern zu finden, ihre Tochter verbringt die Zeit in einem Diätcamp und verliebt sich dort in einen Doktor, den Camp-Leiter - natürlich in aller Aussichtslosigkeit. Ihre Tante ist mit ihrer Liebe schon bei Jesus, im Überirdischen angelangt. Sie ist eine Missionarin, unerwarteterweise kommt dann ihr querschnittsgelähmter Ehemann, ein Ägypter, zurück zu ihr und fordert die Erfüllung der Ehe ein.

STANDARD: Könnte man sagen, dass alle drei etwas suchen, was ihnen im westlichen Alltagsleben verwehrt geblieben ist?

Seidl: Ich würde es in drei Stufen sehen: Bei dem Mädchen handelt es sich um die erste große Liebe, da ist noch alles in Erwartung und Hoffnung; ihre Mutter hat schon ein halbes Leben an Enttäuschungen hinter sich, sie ist mit Männern in unseren Breiten nicht glücklich geworden und weiß, dass in ihrem Alter und mit ihrem Äußeren die Chancen gering sind, noch einen adäquaten Partner zu finden - in Kenia spielt ihr Aussehen dafür keine allzu große Rolle. Bei ihrer Schwester ist alles noch eine Stufe weiter getrieben: Sie glaubt nicht mehr an die irdische Sexualität, an das irdische Glück.

STANDARD: Sie haben den Körper, das Aussehen der Frauen erwähnt und ihren Kampf damit: Was hat Sie daran gereizt, genau diese Frauenbilder abzuhandeln?

Seidl: Das ist ein allgegenwärtiges Thema, und im Film betrifft es ja nicht nur Teresa, sondern auch das Mädchen - Übergewicht nimmt bei Kindern und Schülern prozentuell zu. Andererseits sind die gesellschaftlichen Regeln dazu sehr rigide: Die geschönten Oberflächen aus den Medien kennen wir ja alle zur genüge. Dem etwas entgegenzusetzen, das war für mich, glaube ich, schon immer ein Thema, denn man kann darin viel zeigen und spiegeln.

STANDARD: Die Filme sind nicht fertig - was bleibt zu tun?

Seidl: Das Größte liegt hinter mir, die wichtigste Entscheidung ist gefallen: dass es drei Filme geben wird. Ich habe mich sehr lange und ausführlich mit dem Material herumgeschlagen - ich wollte aus den drei Geschichten einen Episodenfilm wie Import Export machen, mit drei statt zwei Episoden. Die Geschichten passen zwar sehr gut zueinander und ineinander, aber ich bin an der Frage des Gesamten gescheitert. Erstens wäre es ein Koloss von einem Fünfstunden-Film geworden, zweitens würde die Intensität für den Zuschauer nicht höher, sondern geringer. Man kann emotional nicht mehr von der einen Geschichte in die andere umsteigen. Das konnte ich im Vorhinein nicht wissen.

STANDARD: Lange Arbeitsprozesse sind bei Ihnen nicht ungewöhnlich.

Seidl: Das passiert immer wieder. Ich hatte auch bei Import Export eine Fassung, die sieben Stunden lang war. Das pendelt sich dann bei viereinhalb Stunden ein und hat natürlich einen anderen Duktus und Rhythmus - man braucht Geduld. Es gibt nicht viele Zuschauer, die sich dem aussetzen.

STANDARD: Sollen die drei Filme gleichzeitig herauskommen?

Seidl: Ja, jeder Film steht für sich alleine, doch wenn man sie in der von mir vorgegebenen Reihenfolge anschaut, dann hat man als Zuschauer noch einen ganz anderen Wert. Man wird sie anders aufnehmen, als wenn man den nächsten Film erst nach sechs Monaten sieht. Wie das mit Verleih und Vertrieb ausschaut, ist eine andere Frage.

STANDARD: Wie wird der Viennale-Abend ablaufen - wird man Ausschnitte sehen?

Seidl: Ich werde Ausschnitte aus allen drei Filmen mitbringen. Und ich werde erklären, wie aus diesem Film drei Filme geworden sind. Und warum das so war. Eigentlich werde ich also über meine Methode sprechen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 25./26. Oktober 2011)

  • 26. 10., Stadtkino, 20.30
  • Sex in Afrika als Glücksversprechen für eine reifere Frau: eine 
Szene aus "Sugar Mama" , einem Teil aus Ulrich Seidls "Paradies".
    foto: ulrich seidl filmproduktion


    Sex in Afrika als Glücksversprechen für eine reifere Frau: eine Szene aus "Sugar Mama" , einem Teil aus Ulrich Seidls "Paradies".

  • Ulrich Seidl (58), geboren in Wien, hat mit seinen zwischen 
dokumentarischen und fiktionalen Elementen changierenden Filmen einen 
eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt.
    foto: epa/carmen jaspersen

    Ulrich Seidl (58), geboren in Wien, hat mit seinen zwischen dokumentarischen und fiktionalen Elementen changierenden Filmen einen eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt.

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