Wiederaneignung versunkener Tage am Fluss

24. Oktober 2011, 18:22
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Der Berliner Filmemacher Ulrich Köhler hat sich für seinen dritten Spielfilm "Schlafkrankheit" nach Kamerun begeben

"Schlafkrankheit" erzählt von Europäern, die dort stranden, und basiert auch auf Köhlers eigener Verbindung mit Afrika.

Vanga ist ein 1000-Seelen-Ort am Ufer des Kwilu, 400 Kilometer östlich von Kinshasa gelegen. Um von der Hauptstadt des Kongo mit dem Auto dorthin zu gelangen, braucht man drei Tage. Vor 35 Jahren, als das Land noch Zaire hieß und ein Junge namens Ulrich Köhler mit seinem Bruder Neeno und seinen Eltern in Vanga lebte, waren die Straßen in besserem Zustand, so dass man nur einen Tag benötigte. Köhlers Vater arbeitete damals als Arzt und Entwicklungshelfer in der Klinik von Vanga, die Mutter half aus, ohne ein Gehalt zu beziehen, und unterrichtete die Söhne.

Heute ist Ulrich Köhler 41 Jahre alt. Im französischen Quimper hat er Kunst, in Hamburg Visuelle Kommunikation und Philosophie studiert, er hat mehrere Kurz- und drei Spielfilme gedreht und bei der letzten Berlinale ei-nen Silbernen Bären gewonnen. Seine ersten beiden langen Arbeiten, Bungalow (2002) und Montag kommen die Fenster (2006), spielen mal in Hessen, mal in Südniedersachsen und kreisen um Figuren, die nicht recht wissen, wohin mit sich und ihrem Leben.

Ins Hinterland

Auch Schlafkrankheit, der neue Film, erzählt von solchen Figuren, doch er tauscht das deutsche Mittelgebirge gegen zentralafrikanische Landschaften und macht damit einen gewaltigen Sprung. Im ersten Drittel spielt er in Jaunde, der Hauptstadt Kameruns, im weiteren Verlauf verschlägt es die Figuren in ein Dorf namens Vanga, wenn auch nicht in das Vanga, in dem Köhler als Kind lebte, sondern in ein erfundenes Vanga irgendwo im Hinterland Jaundes. Der Ort besteht aus einem größeren Wohnhaus, Quartieren für Angestellte und heruntergekommenen Klinikgebäuden. In Wirklichkeit heißt der Ort Sakbayeme, und auch er hat einen Bezug zu Köhlers Biografie: Nachdem sein Bruder und er das Abitur gemacht hatten, kehrten seine Eltern zurück nach Afrika, diesmal nach Kamerun, und arbeiteten in Sakbayeme.

Ulrich Köhler sitzt in einem Hinterhof in Berlin-Mitte. Komplizen Film, die Produktionsfirma von Schlafkrankheit, hat ihr Büro im Gartenhaus, sie wird unter anderem von Köhlers Lebensgefährtin Maren Ade geleitet; auch sie hat, glückliche Symmetrie, einen Silbernen Bären gewonnen, für die famose Tragikomödie Alle Anderen (2009).

Köhler erzählt von den Jahren in Vanga: "Es war ein Leben in der Natur. Wir waren jagen, wir haben Schlangen gefangen und gebraten und Raupen gegessen." Am stärksten prägte sich ihm ein, was er auf dem Kwilu erlebte: "Mit unseren Einbäumen haben wir versucht, den Fluss immer weiter hochzufahren. Wir waren halbe oder ganze Tage außerhalb der Reichweite unserer Eltern irgendwo auf dem Fluss." Sie haben Nilpferde beobachtet und Geschichten gelauscht, über eine Frau, die mit einer Schlange schläft und daraufhin ein behindertes Kind zur Welt bringt, oder über einen Krankenhausleiter, der sich in ein Nilpferd verwandelt und seine Konkurrentin tötet, während sie badet. Irgendwann wollten die Jungen so sein wie alle anderen. "Heimlich gingen wir in den Generatorenraum vom Krankenhaus und schmierten uns komplett mit Öl ein."

Weil die Eltern vermeiden möchten, dass die Söhne zwischen Sprachen und Kulturen aufwachsen, kehren sie Ende der 70er-Jahre nach Deutschland zurück, im rheinland-pfälzischen Diez lassen sie sich nieder. In der Schule ist Köhler eine Weile lang "der Afrikaner", doch nach und nach verblasst die Erinnerung an Nilpferde, Schlangen und Generatorenöl. Er vergisst Kikongo, die Sprache; es überfordert ihn, wenn seine Freunde aus Vanga in ihren Briefen um Fußballschuhe oder um Geld bitten. "Das war ein richtiger moralischer Konflikt." Der Kontakt verliert sich. Als Jugendlicher engagiert er sich dann gegen die Apartheid in Südafrika. Die Erinnerung an die Jahre in Zaire ist "auf eine abstrakte Ebene gehoben".

In diesem Sinne ist Schlafkrankheit eine Wiederaneignung, Versatzstücke aus Köhlers Vita treiben durch den Film, ohne dass dieser deshalb autobiografisch würde. Mehrere Recherchereisen gingen dem Dreh voraus, gemeinsam mit dem Szenenbildner Jochen Dehn und dem Kameruner Kollegen Saint Père Abiassi schaute er sich in 80 Kameruner Krankenhäusern um. "Uli ist ein perfektionistischer Filmemacher", sagt Patrick Orth, der Kameramann. "Er macht sich manchmal auch ein bisschen verrückt damit."

Köhler beschreibt es nicht anders: "Ich bin dann doch ein überraschend zwanghafter Mensch in vielem. Beim Drehen zum Beispiel bin ich ein totaler Kontrollfreak." Das ist einer von mehreren Gründen, weshalb am Set von Schlafkrankheit nicht alles reibungslos funktioniert. Das Team wächst rasch auf 60 Leute, in einem kleinen Ort wie Sakbayeme ist das wie eine Invasion. "So wollte ich eigentlich nie arbeiten in Afrika", sagt Köhler.

Kulturelle Entwicklungshilfe

Im Film gibt es an strategisch wichtiger Stelle eine Szene, in der ein afrikanischer Wirtschaftswissenschafter einen Vortrag über die Gefahren der Entwicklungshilfe hält. Ursprünglich wollte Köhler die Figur mit Dambisa Moyo besetzen, einer profilierten Entwicklungshilfekritikerin; ihre flammende Polemik Dead Aid ist gerade auf Deutsch erschienen. Weil Schlafkrankheit einen französischen Koproduzenten hat, fiel die Wahl dann doch auf einen frankofonen Redner.

Die zentrale These von Autoren wie Moyo ist, dass es um die Entwicklung heute trotz milliardenstarker Transferzahlungen schlechter bestellt sei als vor 40, 50 Jahren, gleich ob es um das Straßennetz oder die Alphabetisierungsrate geht. Köhler teilt diese Haltung nicht, trotzdem legt er eine gewisse Skepsis an den Tag: "Man muss einfach wissen, dass die Hilfsindustrie eben das ist: eine Industrie – und dass die Helfer genauso abhängig sind von der Hilfe wie die, denen geholfen werden soll."

In Schlafkrankheit verhandelt er das Verhältnis von Europäern und Afrikanern als sanfte Komödie des Missverstehens. Helke Sander, selbst Filmemacherin und einst Professorin von Köhler und Orth, freut sich über den "versteckten Witz, der immer wieder durchleuchtet". Und sie freut sich darüber, wie "intelligent erzählt" Köhlers Film ist. Vielleicht verdankt sich diese Intelligenz einem besonderen Transfer. Köhler ist Fan von Lisandro Alonso und Apichatpong Weerasethakul, einem argentinischen und einem thailändischen Regisseur, und unverkennbar fließen Motive aus Los muertos oder Syndromes and a Century in Schlafkrankheit ein: Ein glücklicher Fall umgekehrter kultureller Entwicklungshilfe. (Cristina Nord, DER STANDARD – Printausgabe, 25./26. Oktober 2011)

  • 25. 10., Gartenbau, 20.30
  • 28. 10., Stadtkino, 15.30
  • Versatzstücke aus Köhlers Vita treiben durch den Film, ohne dass dieser 
deshalb autobiografisch würde: Ein Neuankömmling aus Frankreich 
(Jean-Christophe Folly, re.) kommt mit seinem Auftrag nicht weiter und 
wird stattdessen in ganz andere Erfahrungen verwickelt.
    foto: stadtkino

    Versatzstücke aus Köhlers Vita treiben durch den Film, ohne dass dieser deshalb autobiografisch würde: Ein Neuankömmling aus Frankreich (Jean-Christophe Folly, re.) kommt mit seinem Auftrag nicht weiter und wird stattdessen in ganz andere Erfahrungen verwickelt.

  • Bei der Berlinale im Februar als bester Regisseur prämiert: Ulrich Köhler.
    foto: stadtkino

    Bei der Berlinale im Februar als bester Regisseur prämiert: Ulrich Köhler.

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