"Ein romantischer Schock und ein Kulturschock"

24. Oktober 2011, 11:30
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Pierre Lacotte über "La Sylphide" an der Staatsoper

Wien - Pierre Lacotte, der Name des französischen Tänzers und Choreografen, ist untrennbar mit der erfolgreichen Wiederbelebung eines romantischen Klassikers verbunden: mit La Sylphide, mit dem der italienische Ballettmeister Filippo Taglioni 1832 einen Triumph an der Pariser Oper landete. "Historisch gesehen, hat La Sylphide viele große Künstler beschäftigt: Victor Hugo, Alphonse de Lamartine, Alfred de Musset", sagt Lacotte. "Sie alle haben über La Sylphide geschrieben. Alle wollten dieses Ballett sehen, denn es war ein großer Schock, ein romantischer Schock, ein Kulturschock. Davor war das Ballett ein Divertissement, ein Fest. Mit La Sylphide wurde der Tanz zum Traum."

Taglionis Tochter Marie Taglioni, wurde durch La Sylphide zum Star. Bis heute ist sie das Modell für die typisch romantische Ballerina mit ihrem weißen, wadenlangen Tutu, der engen Korsage, den zarten Flügelchen auf dem Rücken, dem Blumenkränzchen im Haar. Ihr Image als überirdisches Wesen hat sie durch ihren Spitzentanz, der den Eindruck von Leichtigkeit und Schwerelosigkeit unterstützt, perfektioniert.

140 Jahre nach seiner Entstehung hat Lacotte das Taglioni-Ballett in mühsamer Recherchearbeit rekonstruiert, ursprünglich als Auftragswerk für den Fernsehsender France 3, der am Neujahrstag 1972 mit La Sylphide erstmals auf Sendung ging. Seither hat es einen Stammplatz im Repertoire zahlreicher Compagnien.

Das Ballett ist die Geschichte einer "amour fou". Um der Sylphide zu folgen, gibt der schottische Farmer James an seinem Hochzeitstag alles auf - sein Haus, seine Familie und Freunde und seine Verlobte Effie. Doch es reicht ihm nicht, mit der Sylphe und ihren fliegenden Schwestern zu tanzen. Er will sie fassen, sie besitzen. Er schließt einen Pakt mit den Kräften der Dunkelheit und verursacht dadurch den Tod des Luftgeistes. In seinem Unvermögen die Sehnsüchte des Geistes mit denen des Fleisches in harmonischer Balance zu halten, hat der Held alles verloren.

Für die heutige Ballerina ist die Rolle der Sylphide schwer zu tanzen. "Der romantische Stil ist eines, aber das Immaterielle zu tanzen, ist sehr schwer. Man muss verstehen, dass sie nicht da ist, dass sie ja nur ein Schatten ist. Das Wichtigste ist der Stil, die Seele, die Emotion. Wenn große Werke erfolgreich sind, dann nur, weil es einen inneren Reichtum gibt, weil sie psychologisch und spirituell sind."In Wien ist Irina Tsymbal die ideale Besetzung, und Lacotte zeigt sich vom Wiener Staatsballett insgesamt begeistert: "Manuel Legris hat eine unglaubliche Arbeit geleistet. Er hat eine Metamorphose gemacht, man erkennt die Truppe nicht wieder. Ich bin sehr glücklich und bin stolz auf ihn." (Edith Wolf Perez, DER STANDARD - Printausgabe, 24. Oktober 2011)

Ab 26.10.

  • Choreograf Pierre Lacotte bringt Klassiker nach Wien.
    foto: wiener staatsoper/michael pöhn

    Choreograf Pierre Lacotte bringt Klassiker nach Wien.

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