Michael Freissmuth erklärte, warum es bei Psychopharmaka kaum Innovationen gibt
Sigmund Freud begann eigentlich als Naturwissenschafter. Und im Gegensatz zu so manchem Psychoanalytiker setzte er große Hoffnung in die Chemie: "Die Zukunft mag uns lehren, mit besonderen chemischen Stoffen die Energiemengen und deren Verteilungen im seelischen Apparat direkt zu beeinflussen", schrieb er wenige Jahre vor seinem Tod - und spekulierte über "ungeahnte andere Möglichkeiten der Therapie".
Mehr als 70 Jahre später ist eine "frustrierende Stagnation" in Sachen Psychopharmaka eingekehrt, wie Michael Freissmuth zugibt. Der Vorstand des Instituts für Pharmakologie war vergangene Woche von der Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) eingeladen worden, um im Rahmen der halbjährlich stattfindenden Mittwoch-Abendgesellschaft in festlichem Rahmen und vor mehr als 50 geladenen Gästen über die Fortschritte der Pharmakotherapie zu berichten. Unter dem Titel "Lost in Translation" zeichnete Freissmuth ein höchst ambivalentes Bild: Auf der einen Seite hätten die Erkenntnisse in den Neurowissenschaften vor allem dank der bildgebenden Verfahren rapid zugenommen. Auf der anderen Seite stagniere die Entwicklung neuer Psychopharmaka: Im Grunde seien die meisten Wirkstoffe bereits mehr als 50 Jahre alt.
Mit "Lost in Translation" spielte Freissmuth nicht auf den Film von Sofia Coppola an, sondern auf die selten glückende Übersetzung von Grundlagenforschung in klinische Anwendungen. Tatsächlich seien so gut wie alle Psychopharmaka nicht planmäßig entwickelt, sondern zufällig entdeckt worden. Woran das liegt?
Ernüchternde Erkenntnis
Freissmuth nannte in seinem geistreichen, inhaltlich aber ernüchternden Vortrag eine ganze Reihe von Gründen, die eine chemische Beeinflussung psychischer Leiden so schwer machen - auch wenn mittlerweile rund 1.000 Rezeptoren bekannt sind, die sich als mögliche Angriffspunkte für Psychopharmaka eignen würden. "Therapeutisch werden aber gerade einmal rund 60 davon genützt."
Dank der Fortschritte bei den bildgebenden Verfahren weiß man auch schon wesentlich besser, wo die jeweiligen seelischen Leiden im Gehirn angesiedelt sind. Das löse aber nicht das Problem, wie man die Wirkstoffe gezielt in die betroffenen Region bringt. Und schließlich helfe der Tierversuch bei der Entwicklung von Therapien gegen psychische Leiden wie Depression oder Schizophrenie kaum weiter: "Weil wie will man wissen, ob die Maus gerade traurig ist?"
Weiß man wenigstens, was etwa gegen Depression wirklich hilft? Zu dieser Frage wartete Freissmuth mit einigen Metaanalysen auf, also zusammenfassenden Auswertungen bisheriger Studien. Dabei zeigte sich zum einen, dass Psychopharmaka erst bei schweren Depressionen deutlich besser wirken als Placebo. Zum anderen bestätigen Metaanalysen, dass auch Psychotherapien helfen - wohl indem sie betroffene Gehirnareale "mit dem gesprochenen Wort" gezielt beeinflussen. Warum die Kassen Psychopharmaka bezahlen, sich bei nachweislich wirksamen Psychotherapien wie der Psychoanalyse hingegen sträuben, darauf wusste freilich auch Freissmuth keine eindeutige Antwort. (Klaus Tascher, DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2011)