Der Tod des saudischen Kronprinzen kommt nicht unerwartet - aber er wirft ein Licht auf die Probleme, mit denen die überaltete Führungsklasse des wahhabitischen Königreichs Saudi-Arabien konfrontiert ist.
Riad/Wien - Dass Kronprinz Sultan Bin Abdulaziz den saudischen Thron
nicht mehr besteigen würde, hatte sich seit Jahren abgezeichnet: Bereits
2009 wurde er in einer später durch Wikileaks veröffentlichten Depesche
der US-Botschaft in Riad als "in jeder Hinsicht amtsunfähig"
beschrieben. Der nur wenige Jahre jüngere Halbbruder von König Abdullah,
der Verteidigungsminister gewesen war, starb am Samstag in einem New
Yorker Krankenhaus, in dem er zuletzt wochenlang mit dem Tod gerungen
hatte. Er wird am Dienstag in Riad beigesetzt.
Aber auch wenn diese Todesnachricht durchaus erwartet wurde, so kommt
sie doch in einem Moment, in dem sich für die Zukunft Saudi-Arabiens
viele Frage stellen. König Abdullah wurde vergangene Woche wieder am
Rücken operiert, er ist 87 Jahre alt. Die Thronfolge wird schnell
geklärt werden - die allgemeine Erwartung ist, dass Prinz Nayef Bin
Abdulaziz, 77 oder 78, Innenminister und zweiter Vizepremier, nachrücken
wird. Zwar gibt es seit 2006 einen familiären Rat, der in Zukunft über
die Thronfolge bestimmen soll, aber durch die Ernennung zum Vizepremier
hat König Abdullah seinen Halbbruder Nayef bereits für die Nachfolge
platziert, und es ist unwahrscheinlich, dass seinem Wunsch nicht Folge
geleistet wird.
Seit dessen Tod 1953 saßen bisher nur Söhne von Staatsgründer Abdulaziz
Al Saud (Ibn Saud) auf dem Thron des Königreichs, bisher fünf (Saud,
Khaled, Faysal, Fahd, Abdullah). Von den noch lebenden Söhnen Ibn Sauds
kommen aber nur mehr wenige für eine Thronfolge in Frage. Genannt wird
dabei auch ein weiterer direkter Bruder von Sultan und Nayef, Prinz
Salman, mächtiger Gouverneur von Riad. Die Frage ist, wann der
Generationswechsel stattfinden wird, den viele für überfällig halten.
Die "Allegiance Commission" (etwa: Loyalitätskommission) besteht aus den
überlebenden Ibn-Saud-Söhnen (insgesamt waren es 34; 2006, bei
Ratsgründung, noch 19) und Söhnen der bereits verstorbenen
Ibn-Saud-Söhne sowie je einem vom König ausgewählten Sohn des Königs und
des Kronprinzen. Das neue Gesetz von 2006 enthält auch einen
Amtsenthebungsmodus: eine Folge des Vakuums zu Zeiten von König Fahd,
der bis zu seinem Tod 2005 nach einem Schlaganfall fast zehn Jahre de
facto amtsunfähig war. Es wäre wohl auch schlagend geworden, wenn König
Abdullah unerwarteterweise noch vor Kronprinz Sultan gestorben wäre.
Prinz Nayef, der, obgleich zehn Jahre jünger, als konservativer gilt als
der König, ist selbst in der Familie Saud nicht unumstritten: Prinz
Talal Bin Abdulaziz - also ebenfalls ein Ibn-Saud-Sohn - forderte, als
2009 Nayef zum zweiten Vizepremier ernannt wurde, den Hof auf,
klarzustellen, dass damit nicht beabsichtigt sei, ihn automatisch zum
Kronprinzen zu machen. Prinz Talal ist zwar das progressive Enfant
terrible der Königsfamilie. Aber obwohl durch den Tod Sultans keine
Verwerfungen zu erwarten sind, kann man sicher sein, dass es hinter den
Kulissen heftige Debatten gibt.
Die Weichenstellung in der Familie Saud fällt in eine kritische Zeit: In
den Revolten des Arabischen Frühlings werden alle alten Machtstrukturen
hinterfragt. König Abdullah reagierte auf keimende Unzufriedenheit mit
einer gewaltigen Geldspritze für soziale Angelegenheiten, und er stellt
in der letzten Zeit vermehrt die Weichen für Reformen, etwa auch die
Integration von Frauen in das öffentliche Leben. Ihnen versprach er das
Wahlrecht für die nächsten Lokalwahlen sowie - was wichtiger ist - auch
die Aufnahme in die Schura, den ernannten Rat.
Gleichzeitig wurde die Sicherheit im Königreich hochgefahren. Hinter
vereinzelten Demonstrationsversuchen der politisch und religiös
diskriminierten schiitischen Minderheit im Lande wird der Einfluss des
Erzrivalen Iran vermutet. (Gudrun Harrer, DER STANDARD-Printausgabe, 24.10.2011)