Wahlen in der Schweiz

Neue bürgerliche Parteien legen zu, SVP verliert

Klaus Bonanomi aus Bern, 23. Oktober 2011, 19:21
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    foto: reuters/michael buholzer

    Die Parteichefs der FDP, SVP, CVP und der SP bei einer Livedebatte.

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    grafik: apa

Hochrechnung: FDP und SVP verlieren ein wenig - Grünliberale und Sozialdemokraten legen ein wenig zu

Bern - Am Sonntag haben die Schweizer einen neuen Nationalrat und Ständerat gewählt. Laut ersten Hochrechnungen konnten zwei bürgerliche Parteien, die erstmals auf nationaler Ebene antraten, deutlich hinzugewinnen: die Grünliberalen, eine Abspaltung der Grünen, und die Bürgerlich-Demokratische Partei (BDP) unter der populären Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die um die sechs Prozent der Stimmen erringen könnte. Die Zugewinne gingen vor allem auf Kosten der Freisinnigen (FDP), denen sogar der Verlust einer ihrer zwei Sitze in der Schweizer Regierung droht. Die nationalkonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) unter der Führung des Rechtspopulisten Christoph Blocher dürfte größte Partei bleiben, aber in der Gesamtbilanz leicht verlieren. Sie hatte 2007 bei der vergangenen Wahl 29 Prozent der Stimmen bekommen und gehofft, diesmal über 30 Prozent zu kommen.

***

Die Schweiz wählt die Konstanz: Die Parlamentswahlen in der Schweiz haben eine klare Stärkung der politischen Mitte gebracht. Deutlicher als erwartet legten die Grünliberalen und die neue Bürgerlich-Demokratische Partei zu, auf Kosten der rechtskonservativen Volkspartei SVP, aber auch zulasten von Liberalen, Chritdemokraten und Grünen.

Das Schweizer Fernsehen publizierte am frühen Abend eine erste Übersicht, basierend auf definitiven Resultaten aus 17 Kantonen und Hochrechnungen aus den übrigen neun Kantonen. Demnach bleibt die SVP zwar mit gut 26 Prozent stärkste Partei, büßt aber mehr als zwei Prozent der Stimmen ein und verliert sieben ihrer 62 Sitze im 200-köpfigen Nationalrat. Während die Sozialdemokraten ihren Besitzstand von 44 Sitzen halten, verlieren die Mitte-Rechts-Parteien, aber auch die Grünen: Trotz Fukushima muss die Grüne Partei sieben Sitze abgeben, gleichviel wie die liberale FDP und die Christdemokraten zusammen verlieren.

Die grossen Gewinner sind nicht unerwartet die Grünliberalen und die Bürgerlich-Demokratische Partei BDP mit je neun Sitzgewinnen. Die BDP hatte sich vor vier Jahren der SVP abgespaltet, nachdem das Parlament den SVP-Justizminister Christoph Blocher abgewählt und durch Eveline Widmer-Schlumpf ersetzt hatte: Diese wurde daraufhin von der SVP ausgeschlossen und gründete mit anderen unzufriedenen SVP-Vertretern die BDP. Spitzenfiguren der Grünliberalen sind zwei ehemalige Grüne aus dem Kanton Zürich, Ständerätin Verena Diener und Nationalrat Martin Bäumle. Für bürgerlich gesinnte, aber ökologisch und sozial aufgeschlossene Menschen sind GLP und BDP zur wählbaren Alternative geworden. Und stärker als erwartet sind auch von links und rechts Stimmen an die neuen Parteien geflossen: Es hat sich also nicht nur eine Kräfteverschiebung innerhalb des Mitte-Rechts-Lagers ereignet. Dennoch bleiben die beiden Neuparteien gemessen an ihrer Stärke hinter den Etablierten zurück: Die FDP hält noch 31 Sitze, die CVP deren 28; das ist deutlich mehr als die GLP (12 Sitze) und die BDP (9).

Das Resultat zeigt, dass für die SVP die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Ihr Vormarsch ist gestoppt, und mit ihrem angekündigten Sturm auf den Ständerat ist sie gescheitert. Dort, in der Kleinen Kammer des Parlaments, hat jeder Kanton Anrecht auf zwei Sitze, die im Mehrheits-Wahlrecht vergeben werden; das heißt: Gier haben nur Politiker eine Chance, die über die Parteigrenzen hinweg Wähler ansprechen können. Das erklärt, weshalb die SVP-Schwergewichte Blocher, Brunner und Baader außen vor bleiben dürften: Die Wähler wollen keine kompromisslosen Hardliner als Kantonsvertreter nach Bern schicken.

Freuen dürfen sich die Sozialdemokraten, die etwa im bürgerlichen Kanton Aargau einen Ständeratssitz eroberten, in Freiburg um einen Nationalratssitz zulegten und ansonsten zumindest ihren Stand halten konnten: Mit ihrem Motto "Für alle statt für wenige" spielte sie die Karte der sozialen Gerechtigkeit, was angesichts der Wirtschaftskrise und der Sorge um Löhne und Arbeitsplätze offenbar ankam. (Klaus Bonanomi aus Bern, DER STANDARD-Printausgabe, 24.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 78
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badblackguy.blogspot.com
 
00
24.10.2011, 17:30
Lieber Standard in Basel-Stadt ist der Solgan der SP so gut angekommen, dass sie 7,5% verloren haben!

Also bitte schreibt nicht so einen Unsinn - laut SF Hochrechnung hat die SP 1,9% an Stimmen verloren, also von Erfolg sprechen ist ein bisschen komisch!

Sorry, die SP hat verloren also schreibt es!!!

Jim Knatterpeng
01
24.10.2011, 12:53
Die Mitte ist ein Punkt, also ein Abstraktum

Was soll das Geschwätz! Mir ist nicht klar, weshalb die zumeist bürgerlichen Medienkommentatoren von der "neuen Mitte" schwafeln. Der erwähnte Martin Bäumle z.B., der grünliberale Oberguru, hat seinerzeit mitgeholfen, SVP-Führer Blocher in die Regierung zu wählen (der dort scheiterte und mit Schimpf und Schande wieder abgewählt wurde). Und die BDP ist mit Sicherheit keine Mittepartei, sondern steht ziemlich weit rechts wie die SVP, von der sie sich abgespalten hat. Quasi ein rechter Zwilling, allerdings ohne Führerprinzip, mit weniger Rassismus und Demagogie, dafür mit mehr An- und Verstand, vor allem aber mit viel Weichspüler und optischem Aufheller.

Avicenna
 
10
24.10.2011, 12:31
Wahlen in der Schweiz

Machts einen Unterschied?
Aber schön, dass die SVP stagniert.

Nathaniel Winerib
13
24.10.2011, 11:21

In der Schweiz gibt es drei relativ stabile Blöcke, wobei der Rechtsblock als einziger moderat hinzugewinnen konnte:

1) Den Linksblock bestehend aus SP und GPS verfügt über 27,3 Prozent (minus 0,7 Prozent)

2) Den Mitteblock bestehend aus CVP, FDP und GLP steht bei 32,6 Prozent (plus 0,4 Prozent)

3) Den Rechtsblock bestehend aus SVP und BDP mit 32,2 Prozent (plus 3,3 Prozent)

Die Aussage "Grünliberale und Sozialdemokraten legen ein wenig zu" ist nicht nachvollziehbar: Die Grünliberalen haben sich vervierfacht, die Sozialdemokraten haben 0,6 Prozent der Stimmen verloren. Der Jubel über die Verluste der SVP ist unangebracht, insofern sich die BDP inhaltlich kaum unterscheidet und gemeinsam der Rechtsblock gestärkt wurde.

Pirx2
01
24.10.2011, 12:19
Die BDP ...

.. ist (oder war) der pragmatische, linke Flügel der SVP. Zum Teil deutlich mehr in der Mitte als die FDP.
Die "Koalitions"gespräche der bürgerlichen Mitte von CVP, BDP und GPL zeigen das deutlich.

Die SVP hat klar verloren, und der "Sturm" auf die Ständeratssitze ist als laues Lüftchen im Sand verlaufen.

clearlake
00
24.10.2011, 16:29
würd ich auch sagen..

die SVP war ja ursprünglich am weitesten "links" von allen "bürgerlichen" parteien der schweiz, im grunde bäuerlich liberal ähnlich den skandinavischen bauernparteien. - und die BDP ist quasi das reaktivierte Überbleibsel davon, sicher eher links von der FDP....

EquinoxOmega
43
24.10.2011, 10:38

Gut dass die FDP und insbesodere die SVP etwas verloren haben. Leider haben sie aber immer noch viel zu viele Stimmen.

DerAndere34
00
24.10.2011, 13:24

jo

besonders gut daran dass die svp stimmen zur bdp gegangen sind.
die im prinzip die gleichen ziele vertreten - nur ein wenig feiner auftreten ...

cannery row
00
24.10.2011, 10:21
das wird wohl auch..

eine weitere abwertung des franken nach sich ziehen.
nebenbei: was soll die seltsame werbung links oben?

Section Control
01
24.10.2011, 10:00
Es ist Montag 10:00

wir sehen noch immer den Hochrechnungsstand von 19:00. Warum kann man bei Wahlen nicht die letzten Informationen verwenden, Beim Sport gehts ja auch.

Pirx2
00
24.10.2011, 10:29
Ein Konkordanzsystem ...

.. mit Volksentscheiden (und nicht: "Volksbefragungen") ist halt nicht so spannend wie ein gut gemimtes Oppositionssystem.
Das mediale Interesse gilt eher dem orchestrierten politischen Wrestling, heutzutage.

Liberaler Atheist
12
24.10.2011, 09:44

So eine Partei wie die Grünliberalen bräuchten wir auch in Österreich dringend!

Erklârungsnotstand
04
23.10.2011, 23:05

Gier haben nur Politiker eine Chance..> Kleiner Schreibfehler..

Intelligente Wahl, Gratulation.

walter helfmann
01
24.10.2011, 00:15
g und h sind abc-nachbarn.

interessant, aus dem artikel nicht ersichtlich, wäre die stimmbeteiligung.

im mutterland der urabstimmungen, dem paradebeispiel einer echten bürgerbeteiligung, hofft man, dass mehr als 50 proz. vom stimmrecht gebrauch machen.

1116er
00
24.10.2011, 10:47
die wahlbeteiligung lag bei 48,4%

das positive: damit war sie deutlich höher als bei den allermeisten direktabstimmungen.

das negative: den titel "paradebeispiel einer echten bürgerbeteiligung" gewinnt man damit nicht.

Für deppert gehaltener Wähler
03
24.10.2011, 09:40

Dem Mutterland der Demokratie geht's momenatn nicht so gut, wie der Schweiz.
Hängt wohl damit zusammen, dass es nicht so direkt demokratisch geführt wird letztere.

Publius C. Pulcher
13
24.10.2011, 09:36

was dazu noch zu ergänzen ist: die wahl der vertreterInnen ist in der schweiz nicht gaaanz sooo wichtig, weil die gesetze dann ja sowieso noch einmal abgestimmt werden.

nicht so wie bei uns, wo man wort-wörtlich die stimme abgibt (und dann 5 jahre lang keine hat)

black jack
00
24.10.2011, 09:52

Jedes Gesetz wird auch in der Schweiz nicht einer Volksabstimmung unterzogen ...

Waxolunist
03
24.10.2011, 07:23

Wahlbeteiligung war unter 50% jedoch etwas mehr als 2007
Die Schweiz ist aber nicht das Mutterland der Demokratie.

stefan1981
03
24.10.2011, 08:34

das nicht, aber sicher das mit abstand demokratischste land in ganz europa.

black jack
00
24.10.2011, 09:53

Wo auf der Welt gibt es ein demokratischeres Land als das demokratischte europäische Land?!

Fandango
00
24.10.2011, 09:35

Das schon aber durch die zahlreichen Abstimmungen (4) pro Jahr wird dem Nr nicht die Bedeutung Wie in AT . Die Zusammensetzung der regierung (2 rechts 3 Mitte 2 Links) ändert sich auch nicht groß , spannend wird's dann Mitte Dezember bei der Wahl des Bundesrates (=Regierung) durch beide Kammern. M

Pirx2
43
23.10.2011, 22:19
Die Rechtsnationalen ...

... haben zum erstenmal seit Jahrzehnten verloren (3% zeichnen sich ab) und haben noch etwas über 25%.

Und die Karriere des Grossen SVP-Vorsitzenden Christoph Blocher geht mit einer Rrunde im Nationalrat zu Ende. Seine Kandidatur für den Zürcher Ständerat (Mehrheitswahlrecht) ist völlig chancenlos.

Die Schweiz wendet sich 2011 der pragmatischen Mitte zu. Nicht das Dümmste in schwierigen Zeiten.

shockhead
01
24.10.2011, 00:18
das stimmt doch nicht...

... die pragmatische mitte hat verloren. die cvp und die fdp, die man als pragmatische mitte bezeichnen könnte, hat verloren - die bdp, die trotzdem gemässigter als die svp als rechtskonservativ bezeichnet werden muss ist eine der großen gewinnerinnen dieser wahl - ob die grünliberalen wirklich so pragmatisch sind wie sie sich selbst immer darstellen, weiß man noch nicht. die partei bestand bisher vor allem aus zwei exponenten (diener und bäumle) - also eigentlich ist eh so ziemlich alles beim alten geblieben - die bdp (rechtskonservativ) hat auf kosten der svp (rechtsnational) gewonnen die fdp (liberal) und cvp (christlich-liberal) hat zu gunstern der grünliberalen verloren. und links-grün hat leicht verloren zu gunsten der grünliberalen

aha15
00
24.10.2011, 11:48

ein bischen arithmetik:
fdp minus 5
cvp minus 3
glp plus 9
bdp plus 9
= + 10 für die pragmatische mitte.

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