Wahlen

"Können frei reden, sonst blieb alles beim Alten"

Reiner Wandler aus Gafsa, 23. Oktober 2011, 18:11
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    foto: reuters/jamal saidi

    Rached Ghannouchi, der Chef der islamistischen Ennahda- Bewegung, dürfte mit seiner Partei die Wahlen zum Verfassungskonvent in Tunesien gewinnen.

Gemischte Gefühle in der tunesischen Revolutionshochburg Gafsa - Sehr hohe Wahlbeteiligung

"Unser Held", stellt die Gruppe junger Erwachsener Mahmud Raddadi vor, als dieser an den Tisch im Garten des Kulturzentrums in Gafsa tritt. Der hagere Mann in einem abgewetzten Blazer lächelt schüchtern. "Held? Nein! ", das sei er nicht, sagt er. Er habe nur getan, was er tun musste. Der 40-jährige Berufsfotograf hielt mit seiner Videokamera fest, was ihnen hier in der Region von Gafsa im Zentrum Tunesiens als "der eigentliche Beginn der Revolution" gilt. Raddadi filmte die monatelangen Proteste der Bevölkerung im Phosphatabbaugebiet in der Wüste und gab die Aufnahmen an Satellitensender weiter. "Ich musste doch die Welt informieren", sagt er bescheiden.

Es begann 2008. Die staatliche Phosphatgesellschaft CGP stellte 68 Arbeiter in Raddadis Heimatort Redeyef ein. Als die Listen veröffentlicht wurden, war klar: Vetternwirtschaft und Korruption hatten wieder zugeschlagen. Die Jobs gingen alle an Familienangehörige der Chefs, des Gouverneurs der Region sowie an Mitglieder der Regierungspartei des im vergangenen Jänner gestürzten Präsidenten Zine El-Abidine Ben Ali, der RCD.

Es kam zu einem Auflauf vor dem Gewerkschaftshaus der UGTT. Diese unterstützte die Proteste. Tag für Tag gingen immer mehr Menschen auf die Straße, auch in den umliegenden Dörfern. Erstmals wurden Parolen gegen das Regime gerufen. "Ben Alis Gegner wollten das Ende des Regimes", erzählt Raddadi. "Bewegung der Würde" tauften sie ihre Proteste.

38 Verurteilungen

Bis Juni 2008 ging das so. Dann schlug die Polizei erbarmungslos zu. Vier Menschen kamen durch Schüsse ums Leben, mehrere Dutzend wurden verletzt, hunderte verhaftet und 38 als Rädelsführer zu langen Haftstrafen verurteilt. "Darunter auch ich", berichtet Raddadi, der für die Verbreitung der Schreckensbilder vier Jahren Haft bekam. Nach 18 Monaten wurde er von Ben Ali aufgrund internationalen Drucks zusammen mit den anderen begnadigt. Seine beschlagnahmte Studioausrüstung hat er bis heute nicht wieder gesehen. "Ich bin seither arbeitslos", sagt Raddadi und zeigt eine mitgebrachte Liste voller teurer Fotoapparate.

"Seit den Tagen von Redeyef ist in Tunesien nichts mehr, wie es war", erklärt Raddadi, warum auch er 2008 als den Anfang vom Ende des Regimes sieht. Skira, Sfax, Ben Gardane sind nur einige der Orte in denen es zu Protesten und Unruhen kam, bevor schließlich die Selbstverbrennung eines Arbeitslosen in Sidi Bouzid im Dezember 2010 die tatsächliche Revolution auslöste. Am 14. Januar 2011 floh Ben Ali nach 23 Jahren an der Macht. Es war der Beginn des Arabischen Frühlings.

Gestern, Sonntag, wurden erstmals freie Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung abgehalten. Grund genug für die Gruppe, um im Garten des Kulturzentrum Resümee zu ziehen. Alle waren 2008 dabei, alle waren sie 2011 wieder auf der Straße, und alle nahmen auch an den beiden Besetzungen der Kasbah, dem Platz vor dem Regierungsgebäude in der Hauptstadt Tunis teil, die zum Rücktritt der belasteten Politiker aus der Übergangsregierung und zum Zugeständnis, eine verfassungsgebende Versammlung zu wählen, führten. "Dieser Sonntag ist ein historischer Tag, erstmals kann das tunesische Volk seinen Willen frei zum Ausdruck bringen", sagt der 30-jährige Rachid Abdaoui.

Das Gespräch geht darum, ob und was sich seit dem Sturz von Ben Ali geändert hat. "Wir können frei reden, ohne über die Schulter schauen zu müssen", beginnt die einzige Frau in der achtköpfigen Runde, Dalel Khdiri (27). "Ansonsten ist so gut wie alles beim Alten geblieben", beschwert sich die arbeitslose Französischlehrerin. Außer wenigen hohen Beamten seien die alten RCD-Mitglieder weiterhin im Amt, und es gebe noch immer keine Jobs für junge Menschen. In Gafsa sind 34 Prozent ohne Arbeit. Zwei Drittel davon sind junge Akademiker.

"Und draußen in den Bergarbeiterdörfern ist auch alles beim Alten", fügt Mahmud Raddadi hinzu. Tunesien ist der viertgrößte Phosphatlieferant weltweit. Doch die Einnahmen kommen Gafsa nicht zugute, beschwert er sich. Es werde fast nur in den Tourismus an der Küste investiert.

Laut Umfragen dürfte die islamistische Ennahda mit 20 bis 30 Prozent der Stimmen stärkste Einzelpartei werden. Sie hat aber wenige Koalitionsoptionen und so geringe Aussichten, die politische Führung zu übernehmen. Die 217 Mitglieder der verfassungsgebenden Versammlung sollen eine neue Übergangsregierung ernennen und ein Grundgesetz erarbeiten. 2012 sind Parlaments- und Präsidentschaftswahlen geplant. Die Wahlbeteiligung am Sonntag war sehr hoch, Ergebnisse werden für heute, Montag, erwartet. (Reiner Wandler aus Gafsa, STANDARD-Printausgabe, 24.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2
Settembrini
00
24.10.2011, 12:36
Es ist keine Themaverfehlung,...

...wenn ich schreibe, daß "das Volk" in jedewedem Staat der Erde sich zu erheben beginnt: In den USA und anderswo die Okkupanten der Wallstreet, der Arabische Frühling. Uns geht es noch zu gut. Noch.

zeitfuchs
02
24.10.2011, 13:49
mein gesunder Hausverstand sagt mir,

daß Ihr Optimismus unangebracht ist. "Occupy Wallstreet" wurde "sanft" niedergeknüppelt oder gewaltsam aufgelöst, und die Islamistenpartei Ennahda wird sich nicht lange von den Fundamentalisten distanzieren können. Falls, wie vorhersehbar, die Fundis an Macht gewinnen, wird es auch im neuen Tunesien bald mit der freien Rede vorbei sein. Wie übrigens, wie aufgrund neuester Pläne gegen den Terrorismus bekanntgeworden ist, auch sehr bald bei uns. Was wirklich Not tut, ist die Auflösung der destruktiven Gesellschaft, und der auf der ganzen Welt zu beobachtenden mafiösen Strukturen.

wahnwelt
 
00
24.10.2011, 04:52
Eh so wie bei uns. Nur bei uns gab es deswegen nie einen Auflaufnmj

.........Die Jobs gingen alle an Familienangehörige der Chefs, des Gouverneurs der Region sowie an Mitglieder der Regierungspartei des im vergangenen Jänner gestürzten Präsidenten Zine El-Abidine Ben Ali, der RCD. ............
Weil bei uns die Wirtschaft (noch) besser funktioniert. Was aber kein Verdienst unserer Politiker ist.

2010sdafrika
01
23.10.2011, 23:38
Tunesien kann stolz auf sich sein!

Der 23. Oktober 2011 wird als ein historischer Tag in die Geschichtsbücher der arabischen Welt eingehen. Das tunesische Volk hat es geschafft, dass der erste Schritt hinsichtlich einer Demokratisierung des Landes umgesetzt werden konnte. Nun bleibt es abzuwarten und das Beste zu hoffen: http://wp.me/pNjq9-3jj.

der schwitzbär der schwitzt sehr
00
23.10.2011, 23:12
Revolution in Tunesien und Ägypten

hatte den gleichen Effekt wie bei uns der Rücktritt von Molterer und Gusenbauer

3ch0
01
23.10.2011, 21:51

Es darf spekuliert werden, wie hoch der Grad an Korruption sich erheben wird, wenn das Volk ersteinmal die Startnummern verteilt hat...
Diese "Demokratie" verdient unser Mitleid.

derandi903
00
24.10.2011, 06:22
als wären unsere politiker und firmenchefs nicht korrupt

Denksportler
22
23.10.2011, 21:26
Eine demokratische Gesellschaft fällt nicht vom Himmel, sondern ist das Ergebnis ...

... jahrhunderte langer Entwicklungs- und Bildungsprozesse in verschiedenen gesellschaftsrelevanten Kategorien. Zumeist geht dieses Konzept auch mit jener nationalstaatlicher Idee einher, die in Europa seit geraumer Zeit zurückgefahren wird.

Adam Markus
12
24.10.2011, 02:02

Nein, Nationalstaat und demokratie hängen nicht miteinander zusammen. Das lässt sich auch einfach beweisen.

Jedesmal wenn der Nationalstaat irgendwo besonders "national" war, hat die Demokratie darunter gelitten.

anders and
 
21
24.10.2011, 07:47

der Beweis ist zu simpel, denn

1. wird nur behauptet, dass Nationalstaaten eher demokratisch sind - Ausnahmen sind da nicht ausgeschlossen

2. gelten Zusammenhänge im Allgemeinen nur innerhalb einer gewissen Bandbreite. Sinnvoll ist daher vom typischen, verbreiteten Fall her zu schließen, nicht vom Extremfall.

mistvieh666
 
33
23.10.2011, 20:00

ach, wegen vetternwirtschaft und korruption war der ganze schmarrn. soll ich jetzt dazu lachen? genauso gut haette man gegen das atmen von sauerstoff oder das trinken von wasser sein koennen.
das ist die dritte welt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Korr... mungsindex
da ist tunesíen gleichauf mit der tuerkei, eins der besten laender im islamischen raum und eins der besten in der dritten welt. so ist das leben, die leut machen halt eine revolution, macht spass.
aber das haett ich halt erwartet, mit analysen hier in der zeitung zu lesen und nicht mich einfach nur drueber wundern, in was fuer einen paralelluniversum ich da jetzt gelandet bin.

Adam Markus
12
24.10.2011, 02:03

Nur weil die Korruption wo anders schlechter ist, bedeutet es nicht, dass es die betroffenen Menschen nicht dennoch stört.

Bei Ihrer Denkweise dürften wir uns hier in Österreich auch nicht beschweren, weil der Iran ist viel schlimmer....

Bluediver
00
23.10.2011, 23:21

Hatten die Tunesier denn eine Möglichkeit Ben Ali einfach abzuwählen? Genau so, wie in Österreich regelmäßig ein regierender Bundeskanzler/Landeshauptmann/Bürgermeister abgewählt wird.

Elisabeth Ulrich
00
24.10.2011, 09:29
natürlich nicht

Natürlich konnte das Volk Ben Ali nicht abwählen, weil die Wahlen nichts micht wirklichen Wahlen zu tun hatten. Ich wohne seit 1993 in Tunesien und kannte bis gestern kaum jemand, der gewählt hatte, weil nur bestimmte Leute zur Wahl aufgerufen wurden und wehe die wählten nicht für Ben Ali, dann mussten sie mit allen möglichen Schwierigkeiten rechnen.

mistvieh666
 
01
24.10.2011, 00:26

das ist der naechste punkt.
http://en.wikipedia.org/wiki/Tuni... tion,_2009
89.62% haben ben ali 2009 gewaehlt. wahlen kann man faelschen.
und die tunesische freiheit: ja, jetzt sie die freiheit, jedes jahr ein bisschen aermer zu werden. jetzt haben sie die freiheit sich ueber die korruption aufzuregen. und ueber die arbeitslosigkeit.
von allen arabischen laendern ist tunesien noch am ehesten reif fuer eine demokratie, aber sinnvoll ist es trotzdem nicht.

Annata
12
23.10.2011, 19:35
Wieso können sich Parteien die klar kein Interesse an Demokratie haben

zu Wahl stellen? Demokratie ist ein Prozess und Wahlen sind da nur ein kleiner Bestandteil.

anders and
 
10
24.10.2011, 07:49

solange sie auf dem Boden der Verfassung standen konnten sich im Westen auch kommunistische Parteien bei der Wahl bewerben - und die hatten sicherlich auch kein ausgeprägtes Interesse an Demokratie.

Adam Markus
10
24.10.2011, 02:07

Immerhin stellen sie sich einer demokratischen Wahl und machen nicht auf Außerparlamentarische Opposition. Damit akzeptieren sie ja schon gewisse regeln. Davon abgesehen geht von ihnen anscheinend auch keine Gewalt aus. Das ist der erste Schritt zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft.

Annata
02
24.10.2011, 12:13
anscheinend auch keine Gewalt aus

Ja sobald sie dann an der Macht sind können sie ja die Staatsgewalt benutzen um Gewalt auf Ungläubige, Homosexuelle und sonstige theologisch inkompatible auszuüben

mistvieh666
 
00
24.10.2011, 00:35

weil es bei der ganzen tunesischen demokratie nur hier bei uns in europa um die demokratie gegangen ist.

woifee 0.0
12
23.10.2011, 21:59

Weil wenn man Parteien verbietet um die Demokratie zu schützen der Demokratie genau so viel schadet wie man glaubt sie zu schützen.

byron sully
10
23.10.2011, 21:20

woher glauben sie so klar zu wissen, daß die ennahda kein interesse an demokratie hat?

mistvieh666
 
01
24.10.2011, 00:33

das ist ein vorurteil.
gibts auch in oesterreich.
bei uns in oesterreich glaubt man zum beispiel, dass faschisten eher boese sind. und da geht man dann gar nicht her und analysiert wochenlang den einzelfall, sondern man lasst einfach dieses vorurteil zuschnappen.
in unserem rechtssytem ist das ein fall der beweislast: etwas verhaelt sich so und so, bis das gegenteil bewiesen ist.
ich halte uebrigens vorurteile fuer sehr sinnvoll.

Valjevac
43
23.10.2011, 19:32
Jetzt dürft Ihr reden ABER erst jetzt werdet Ihr unter der " Demokratie " leiden !

Jetzt haben sie Tür und Tor geöffnet für die Raubzüge der Demokratische Investoren.

All das haben wir auf dem Balkan erlebt , Tolle Demokratie ( Importprodukt von EUSA )

anders and
 
10
24.10.2011, 07:52
Baltikum und Balkan

sind mit ähnlichen Voraussetzungen gestartet.

Sind Sie ganz sicher, dass die Probleme von außen in einen gesunden, stabilen Balkan mit seiner motivierten, nochmoralischen Bevölkerung hineingetragen wurden?

Ich denke nämlich, dass das tatsächlich so war, finde aber zu wenig Argumente dafür. Könnten Sie mir weiterhelfen?

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