Gemischte Gefühle in der tunesischen Revolutionshochburg Gafsa - Sehr hohe Wahlbeteiligung
"Unser Held", stellt die Gruppe junger Erwachsener Mahmud Raddadi vor,
als dieser an den Tisch im Garten des Kulturzentrums in Gafsa tritt. Der
hagere Mann in einem abgewetzten Blazer lächelt schüchtern. "Held? Nein!
", das sei er nicht, sagt er. Er habe nur getan, was er tun musste. Der
40-jährige Berufsfotograf hielt mit seiner Videokamera fest, was ihnen
hier in der Region von Gafsa im Zentrum Tunesiens als "der eigentliche
Beginn der Revolution" gilt. Raddadi filmte die monatelangen Proteste
der Bevölkerung im Phosphatabbaugebiet in der Wüste und gab die
Aufnahmen an Satellitensender weiter. "Ich musste doch die Welt
informieren", sagt er bescheiden.
Es begann 2008. Die staatliche Phosphatgesellschaft CGP stellte 68
Arbeiter in Raddadis Heimatort Redeyef ein. Als die Listen
veröffentlicht wurden, war klar: Vetternwirtschaft und Korruption hatten
wieder zugeschlagen. Die Jobs gingen alle an Familienangehörige der
Chefs, des Gouverneurs der Region sowie an Mitglieder der
Regierungspartei des im vergangenen Jänner gestürzten Präsidenten Zine
El-Abidine Ben Ali, der RCD.
Es kam zu einem Auflauf vor dem Gewerkschaftshaus der UGTT. Diese
unterstützte die Proteste. Tag für Tag gingen immer mehr Menschen auf
die Straße, auch in den umliegenden Dörfern. Erstmals wurden Parolen
gegen das Regime gerufen. "Ben Alis Gegner wollten das Ende des
Regimes", erzählt Raddadi. "Bewegung der Würde" tauften sie ihre
Proteste.
38 Verurteilungen
Bis Juni 2008 ging das so. Dann schlug die Polizei erbarmungslos zu.
Vier Menschen kamen durch Schüsse ums Leben, mehrere Dutzend wurden
verletzt, hunderte verhaftet und 38 als Rädelsführer zu langen
Haftstrafen verurteilt. "Darunter auch ich", berichtet Raddadi, der für
die Verbreitung der Schreckensbilder vier Jahren Haft bekam. Nach 18
Monaten wurde er von Ben Ali aufgrund internationalen Drucks zusammen
mit den anderen begnadigt. Seine beschlagnahmte Studioausrüstung hat er
bis heute nicht wieder gesehen. "Ich bin seither arbeitslos", sagt
Raddadi und zeigt eine mitgebrachte Liste voller teurer Fotoapparate.
"Seit den Tagen von Redeyef ist in Tunesien nichts mehr, wie es war",
erklärt Raddadi, warum auch er 2008 als den Anfang vom Ende des Regimes
sieht. Skira, Sfax, Ben Gardane sind nur einige der Orte in denen es zu
Protesten und Unruhen kam, bevor schließlich die Selbstverbrennung eines
Arbeitslosen in Sidi Bouzid im Dezember 2010 die tatsächliche Revolution
auslöste. Am 14. Januar 2011 floh Ben Ali nach 23 Jahren an der Macht.
Es war der Beginn des Arabischen Frühlings.
Gestern, Sonntag, wurden erstmals freie Wahlen für eine
verfassungsgebende Versammlung abgehalten. Grund genug für die Gruppe,
um im Garten des Kulturzentrum Resümee zu ziehen. Alle waren 2008 dabei,
alle waren sie 2011 wieder auf der Straße, und alle nahmen auch an den
beiden Besetzungen der Kasbah, dem Platz vor dem Regierungsgebäude in
der Hauptstadt Tunis teil, die zum Rücktritt der belasteten Politiker
aus der Übergangsregierung und zum Zugeständnis, eine verfassungsgebende
Versammlung zu wählen, führten. "Dieser Sonntag ist ein historischer
Tag, erstmals kann das tunesische Volk seinen Willen frei zum Ausdruck
bringen", sagt der 30-jährige Rachid Abdaoui.
Das Gespräch geht darum, ob und was sich seit dem Sturz von Ben Ali
geändert hat. "Wir können frei reden, ohne über die Schulter schauen zu
müssen", beginnt die einzige Frau in der achtköpfigen Runde, Dalel
Khdiri (27). "Ansonsten ist so gut wie alles beim Alten geblieben",
beschwert sich die arbeitslose Französischlehrerin. Außer wenigen hohen
Beamten seien die alten RCD-Mitglieder weiterhin im Amt, und es gebe
noch immer keine Jobs für junge Menschen. In Gafsa sind 34 Prozent ohne
Arbeit. Zwei Drittel davon sind junge Akademiker.
"Und draußen in den Bergarbeiterdörfern ist auch alles beim Alten", fügt
Mahmud Raddadi hinzu. Tunesien ist der viertgrößte Phosphatlieferant
weltweit. Doch die Einnahmen kommen Gafsa nicht zugute, beschwert er
sich. Es werde fast nur in den Tourismus an der Küste investiert.
Laut Umfragen dürfte die islamistische Ennahda mit 20 bis 30 Prozent der
Stimmen stärkste Einzelpartei werden. Sie hat aber wenige
Koalitionsoptionen und so geringe Aussichten, die politische Führung zu
übernehmen. Die 217 Mitglieder der verfassungsgebenden Versammlung
sollen eine neue Übergangsregierung ernennen und ein Grundgesetz
erarbeiten. 2012 sind Parlaments- und Präsidentschaftswahlen geplant.
Die Wahlbeteiligung am Sonntag war sehr hoch, Ergebnisse werden für
heute, Montag, erwartet. (Reiner Wandler aus Gafsa, STANDARD-Printausgabe, 24.10.2011)