Die Kultur der Gemeinheit im Nationalrat

Kolumne | Gerfried Sperl, 23. Oktober 2011, 18:10

Sanktionen sind nicht das geeignete Mittel, um das Sprachniveau und die Qualität des Disputs im Parlament zu heben

Barbara Prammer ist zu Konsequenzen bereit. So wie die Führung des deutschen Bundestags will auch die österreichische Nationalratspräsidentin die "Würde des Hauses" mit Strafen beseitigen. 1000 Euro bei einer "Beleidigung", 2000 Euro für Wiederholungstäter.

Für notorische Zwischenrufer wie Gerald Grosz (FPÖ), Peter Pilz (Grüne) oder Peter Westenthaler (BZÖ) könnte das über eine Legislaturperiode hinweg den Privatkonkurs bedeuten. 100 Euro wiederum hätten keine abschreckende Wirkung, denn das ist nicht mehr als die Höhe einer simplen Verkehrsstrafe. Wirkungsvoller wäre, bei - sagen wir - fünf Ausfälligkeiten ein Redeverbot für eine Nationalratssitzung. Trotzdem sind Sanktionen generell nicht das geeignete Mittel, das Sprachniveau und die Qualität des Disputs im Parlament zu heben.

Dazu kommen Fragen der Bewertung. Welche Wörter sind Beleidigungen? Ganz einfach: Man erklärt die Ausdrücke der gängigen Schimpfwörterbücher zu "Unwörtern".

Das Problem liegt wie immer in den bunten Zonen der Interpretation. "Schoßkätzchen" ist als Wort für sich noch keine Beleidigung. Wenn es aber vom Abgeordneten Westenthaler gegen die Grünen-Sprecherin Eva Glawischnig eingesetzt wird, wird es eine sexistische Attacke.

Oder wenn der ÖVP-Abgeordnete Werner Amon, der "Bildungssprecher" seiner Partei, die Grüne Gabriela Moser als "belastet" ansieht, weil sie von Peter Hochegger, dem Abzocker der Werbe- und PR-Szene angepatzt wurde, dann kann und sollte man das Wort durchaus auch in einen historischen Kontext stellen (nämlich den der Nach-Nazizeit).

Ebenfalls ein "Unwort" also, ganz abgesehen von der Glaubwürdigkeit der Quelle.

Erhard Busek hat einmal geschrieben, in Österreich finde der Konsens bereits statt, bevor noch darüber gestritten wird. Und der Kulturwissenschafter Andre Gingrich sprach einmal von einer "Kultur der offiziellen Lieblichkeit". Man könnte auch von einer Höflichkeit vor den Fassaden sprechen.

Im Nationalratsplenum jedenfalls herrscht die Unkultur der Gemeinheit und die Absenz einer geschliffenen Sprache. Die meisten Sprachbilder stammen aus dem 19. Jahrhundert, manche sogar aus der Zeit des Faschismus.

Prammer würde mehr bewirken, wenn sie die über 80 Ausfälligkeiten der laufenden Legislaturperiode nach solchen Kriterien untersuchen - und das Ergebnis von den Autorinnen und Autoren vor dem Plenum erläutern ließe. Eine Debatte darüber an Ort und Stelle wäre spannend.

Den Zeitungen obläge es, darüber ausführlich zu berichten und aufzulisten, wer von den Abgeordneten eine solche "Sternstunde" des Parlaments schwänzen würde.

Interviews und Diskussionsforen könnten nacharbeiten. Dieser Prozess würde zweifellos die Qualität der unterentwickelten politischen Streitkultur verbessern.

Der "Griff in die unterste Schublade" der Demagogie oder die "Attacke unter die Gürtellinie" könnte seltener werden - und der Disput gefinkelter. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.10.2011)

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Posting 1 bis 25 von 47
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Roter Baron
00
24.10.2011, 15:25
der grosz gehört zum bzö

was aber nicht so einen großen unterschied macht

exile in mainstream
00
24.10.2011, 14:58

der nationalrat bildet einfach die realität ab. natürlich wünschte man sich mehr niveau aber so nähert man sich doch mehr der umwelt an in der der größte teil der bevölkerung leben muss also was sollen dann diverse zensurversuche. was erfolgsversprechender wäre wäre eine obligatorische psychotheraupeutische betreuung und supervision der mandatarInnen, die zunft hat auch auch schon bei insassInnen von häfn, klapsen und sonstigen verwahrungsanstalten die lebensqualität der betroffenen verbessern können und davon profititierten auch wir, das souverän

Santino Corleone
02
24.10.2011, 17:46
Der einzige Buchstabe den Sie groß schreiben ist das Binnen-I

Schöne neue Welt !

wurm83
 
01
24.10.2011, 12:35
mann kann zwar sicher nicht nur verallgemeinern

aber wer für den spraqchverfall und die bodenlosen anfeindungen allen voran verantworltich ist muss jedem klar sein...

seit ich denken kann, hat der jörgi immer wieder mit zumindest "haarscharf an der grenze" meldungen "überzeugt" --> die arbeitsmarktpolitik im dritten reich....

heute "scheißen" sie auf grenzen und sagen einfach "mohammed war ein kidnerschänder"

auch, dass 2 von 3 der angeführten abgeordneten aus dem eck kommen wundert nicht, der pilz mag zwar einer sein der viel reinschreit, aber sicher nichts antisemitisches oder frauenfeindliches wie "schoßkätzchen"

"wie das herrl so das gscherrl" oder so?

superloser
00
24.10.2011, 12:53
Jetzt nur nicht Äpfel mit Birnen verwechseln.

Politische Ansichten, die provokant und gefährlich sind, stellen etwas anderes dar als persönliche Beleidigungen in einer Plenardebatte.
Was Sie ansprechen, sind Tabus. Jörg Haider brach mit seinem Sager der Arbeitsmarktpolitik ein Tabu, weil die österreichische NS Beteiligung verdrängt wurde und wird. Gäbe es eine ernsthafte Diskussion über den NS in Österreich, könnten so Kasperlköpfe keinen Blumentopf gewinnen.
Ähnlich verhält es sich mit Mohammed. Gäbe es eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Islam - vor allem aus Perspektive einer an Aufklärung interessierten Gesellschaft -, dieses Geblöke aus der rechten Ecke würde niemanden hervorlocken. Alles schon bekannt, alles schon durchgekaut, hieße es dann.
(Aisha war nicht wirklich alt)

wurm83
 
00
24.10.2011, 15:23
?

ja sie erklären hier wie es in einer aufgeklärten gesellschaft (die es leider nicht gibt, zumindest noch nicht) sein sollte....

und ich habe nichts verwechselt, es hat einfach was mit gespächskultur zu tun, und es kommt nicht von ungefähr, dass die selben leute die mit NS Sagern oder Islam Hetze auch mit persönlichen beleidigungen wie "schoßkätzchen" kommen!

dass sind einfach leute die ander menschen abwerten und ihnen deshalb nicht den respekt entgegenbringen den sie selber erwarten!

und eine ernsthafte diskussion wird deshalb nie stattfinden, weil es immer 30% schwachköpfe geben wird die einen grund brauchen warum ihr leben so scheiße ist....

superloser
00
24.10.2011, 22:18

Religion braucht keinen Respekt sondern Kritik und Zurückweisung aus dem öffentlichen Raum. Gäbe es eine humanistische und aufklärerische Kritik am Islam, wären Mohammedsager, wie der von Frau Winter, wenig geeignet, öffentlichen Trubel zu erzeugen.
Respekt gebührt dem Individuum, nicht einer Religion. Würde dem Individuum, egal welcher Herkunft, gebührend Respekt entgegengebracht werden, würde "Diffamierung" über antireligiöse Sager nicht funktionieren. Ich weiß, es ist kompliziert. Aber das ist der Unterschied: "Schoßkätzchen" ist direkt die Person herabwürdigend. Aber wen treffen Sie, wenn Sie über Jesus oder Mohammed Witze reißen?
Dass Haider, Winter, Westenthaler so plump agieren können, ist Resultat des Versagens der Vernunft.

jacques05
02
24.10.2011, 12:01
es ist ned nua die sprachkultur....

diese spieglt nicht annähernd die moralische verkommmenheit vieler abgeordnter wider...
und noch viel schlimmer, dieses haus ist zu einer erfüllungs maschinerie von schwerkriminellen wirtschaftsbossen geworden.

1116er
00
24.10.2011, 11:30
"Den Zeitungen obläge es, darüber ausführlich zu berichten und aufzulisten, wer von den Abgeordneten eine solche "Sternstunde" des Parlaments schwänzen würde."

wozu?
der mehrheit der bürger ist das doch völlig egal. im gegenteil: je mehr proleten im nr die stimme erheben, desto lieber haben sie es.

der wähler wäre das einzig denkbare korrektiv: wenn er dieses verhalten nicht schätzen würde, dann wäre es in null komma nix vorbei damit!

suboptimal
 
14
24.10.2011, 11:21
*Chapeau !*

Herr Sperl

belastet - Entnazifizierung
Parteimitglieder wurden wurden nunmehr in Kriegsverbrecher, Belastete und Minderbelastete eingeteilt

An ihrer SPRACHE sollt ihr sie erkennen ….

superloser
01
24.10.2011, 10:02
Was Sie vorschlagen, Herr Sperl, ist sicherlich eine gute Idee. Allerdings muss man sagen, dass eine gewisse Verantwortung in diesem Bereich auch den Medien untersteht.

Würde beispielsweise der Standard regelmäßig über die Titelseite - nicht nur in Kolumnen in den hinteren Reihen - die erbärmliche sprachliche Kultur des Parlaments anprangern, würde vielleicht schon eine Sensibilisierung entstehen. Wenn Sie dann noch andere Presseorgane, beispielsweise die Presse oder den ORF (ZiB), auf Ihre Seite brächten, wäre Ihr Part erfüllt.
Bis dahin, und bis Fr. Prammer eine Studie in Auftrag gibt, ist die Zurückweisung des erbämlichen Niveaus mittels Sanktionen zu begrüßen. Es hebt allein schon die Debattenkultur, wenn die übelsten Krakeler ein wenig leiser treten müssen.

J. Reichhart
01
24.10.2011, 09:55
das sind doch alles nur ablenkungsmanöver von den eigentlichen sauereien:

das terrorpaket, die milliarden-schutzschirme und die ganze gesetzesflut zur entmündigung und ausspionierung und bespitzelung von bürgern.

von mir aus sollen die sich im hohlen haus beschimpfen, dass die fetzen fliegen, wenn's wenigstens die verfassung und die grundrechte schützen und beachten würden!!!

so ist das doch alles nur verhöhnung des bürgers!

wehrt euch!

I would prefer not to
20
24.10.2011, 09:49

Strafen sind ein Blödsinn.

Wer im Parlament sitzt, muss schon ein bisschen was aushalten.

superloser
01
24.10.2011, 10:14

Es ist nicht zu vermuten, dass die Beleidigten im Parlament das nicht aushalten. Es ist diese repräsentative Unkultur, die es einzudämmen gilt. Es sind die obersten Volksvertreter, ein Abbild ... - aber vielleicht passt es auch einfach: deppertes Volk hat deppertes Parlament.

I would prefer not to
00
24.10.2011, 09:46

Frau Prammer will die Würde des Hauses beseitigen??

der tueftler
01
24.10.2011, 09:33
leider nein

die beleidigungen und bosheiten aufzuzeigen, würde nur dann etwas bringen, wenn wir wähler entsprechend reagierten, also etwa einen abgeordneten nicht mehr wählen. das geht aber nicht, weil man nur parteien wählen kann.
die rakrtion, bestimmte parteien nicht zu wählen, ist ebenfalls nicht möglich, weil dann keine übrig bleibt.

nein, es muss eine schmerzhafte strafe für den einzelnen ebgeordneten sein! natürlich ist die grenze schwer zu definieren, aber das würde sich einpendeln. es kommt imer auf den derzeitigen zustand an, und der ist so, dass viel zu viele unflätige worte herumschwirren. wenn man irgendwann drauf kommt, dass die diskussionen zu farblos sind, dann kann man ja nachjustieren.

bula sagt
00
24.10.2011, 09:25
was das parlament betrifft

ist - natürlich nur der bauzustand - eher von einer "bürde des hauses" zu sprechen.
ein redeverbot würde uns zwar vor manchen schwachsinnigkeiten verschonen, aber in einer demokratie dürfen auch die weniger von geist beglückten ihre wortspenden stammeln.
da ja die renovierung des hauses ansteht, wäre ein arbeitseinsatz zu empfehlen.
1 ordnungsruf ist ein tag ziegelschupfen oder 8 stunden mörtel tragen.

superloser
00
24.10.2011, 10:07
Es geht doch nicht um Redeverbote, sondern um die erbärmliche Debattenkultur.

Und die Erbärmlichkeit via Beleidigungen und Herabwürdigungen anderer, werden ja weiterhin nicht verboten sein. Sie kosten dann nur was.
Das Fahren auf einer Autobahn ist ja auch nicht verboten, nur weil man dafür was zahlen muss.

nvidia
 
00
24.10.2011, 14:43

wenn´s das weglassen wird es aber still im Parlament werden, die schaffen es nicht produktiv tätig zu sein und deshalb schimpft der Aff den Deppen! Wenn die Politiker wieder ernsthaft ihre Arbeit erledigen würden dann hätten sie keine Zeit zu solchen Verbalattacken.

Nik M
01
24.10.2011, 09:00
Im Parlament sitzen erwachsene Menschen,

alle Profis in der Kommunikation, die genau wissen, was sie sagen, und was mitschwingt. Das vom Autor vorgeschlagene Konzept "Erziehung durch Aufklaerung" wird wohl eher belustigen als sonst was. Das kann man vielleicht mit Mittelschuelern machen, die sind noch lernfaehig.

Man muss sich eher fragen wie es sein kann, dass in Oes Parlament so viele Verbalrowdies sitzen. Wieso belohnen die Waehler haemische Beschimpfungen und polemische inhaltslose Sticheleien, statt fundierten Analysen?

papounet
01
24.10.2011, 10:10

erwachsene Menschen?
alle Profis in der Kommunikation?
Von welchem Parlament reden Sie? Haben Sie schon einmal eine Live-Übertragung gehört?

desteufelsbeitrag
01
24.10.2011, 12:13
Danke

dass Sie auch genau meinen ersten Gedanken niedergeschrieben haben.

Erwachsene Menschen? Ja, laut Geburtsurkunde zumindest. Vielleicht sollte man, analog zur Herumscheißerei um die Herkunft Obamas, in Österreich ein Maturazeugnis oder ähnliches zum Nachweis der Reife eines jeden Abgeordneten verlangen.

Wie auch immer: Das was sich im "Hohen Haus" abspielt sollte wohl eher als "hohes Ross" bezeichnet werden.
Bezahltes Zeitunglesen und Computerspielen schön und gut. Aber demonstratives Nicht-zuhören und nebenher witzeln, damit der Redner auch mitbekommt, wie sehr man nicht an seiner Meinung interessiert ist, sind dort gang und gäbe. Da erscheinen die verbalen Flatulenzen immerhin schon fast als geheucheltes Interesse.

hotta
00
24.10.2011, 07:42
Ein langgedienter Polizist

hat mir erklärt, dass es sinnvoll ist Strafen zu verhängen, zumal sich die Sünder das merken und sich weiterhin gesitteter geben. Ich denke, diese ungehobelten Jungspunde ohne Kinderstube im Parlament würden die Sprache der Geldstrafen sofort verstehen, denn dumm sind die alle nicht.

der tueftler
00
24.10.2011, 09:34
doch, das sind sie!

sber eine geldstrafe verstehen sie noch.

papounet
00
24.10.2011, 00:25

Ich glaube das Niveau lässt sich so oder so nicht wirklich heben. Weder Strafen noch Bewusstseinsbildung können helfen, wenn's bei den meisten einfach an der Fähigkeit zu echter Argumentation fehlt.

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