"Optimismus ist der Treibstoff der Hoffnung"

Interview23. Oktober 2011, 17:03
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Harry Belafonte ist Popstar, Schauspieler, Bürgerrechtler und Stargast der heurigen Viennale - Die Jahrhundertfigur über Angst, Hoffnung und lästige Mücken

Gefragt hat Karl Fluch.

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Wien - Harry Belafonte geht den Gang in Richtung Interviewzimmer entlang. Er scherzt mit einem zufällig vorbeikommenden Hotelangestellten von den Philippinen, erkundigt sich, ob er hin und wieder seine Tracht trägt. Das Wiener Filmfestival Viennale bedenkt den US-Amerikaner mit einer Hommage, zeigt Filme mit ihm sowie die autobiografische Doku Sing Your Song. Trotz Gehstock ist Belafonte Eleganz pur: honigheisere Stimme, blitzende Augen, ein Charisma wie zum Anfassen.

STANDARD: Sie zu treffen ist wie das 20. Jahrhundert für 20 Minuten zu treffen. Wundern Sie sich manchmal, was Ihnen in Ihrem Leben alles passiert ist?

Belafonte: Ich wundere mich nicht, denn ich habe das ja alles persönlich erlebt. Darüber wundert man sich nicht so schnell. Worüber ich mich manchmal wundere ist, warum? Wie ist das alles passiert? Denn es war nicht das Resultat eines Plans oder eines intellektuellen Prozesses. Ich bin nicht in einem Zimmer gesessen und habe mir einen Masterplan überlegt, niemand kann das. Es waren also alles Zufälle, kleine Hüpfbälle des Schicksals, die meinen Weg kreuzten und sich zu meiner Biografie reihten. Wenn man sich für diese Momente interessiert, dann findet man sich als Involvierter wieder.

STANDARD: Sie wurden ein sehr leidenschaftlich Involvierter.

Belafonte: Das hoffe ich, aber das ist Teil eines Prozesses. Wie mir das passiert ist? Ich habe keine Ahnung. Wäre ich sehr religiös, würde ich sagen, das ist Gottes Werk. Aber nachdem wir Gott für so vieles verantwortlich machen, möchte ich ihm hier eine kleine Verschnaufpause gönnen. Es waren Zufälle, aber diese stellten sich als bedeutsame Ereignisse heraus, und daraus entstand dann etwas Neues.

STANDARD: Das bedeutete nicht immer nur Gutes: Sie haben viele Wegbegleiter und Freunde verloren: Martin Luther King, J. F. und Robert Kennedy und viele andere wurden ermordet. Was war der größte Rückschlag?

Belafonte: Ich habe keine Rückschläge erfahren, nie. Was ich erfahren habe, waren Schmerz, Verlust, das Gefühl großer Einsamkeit. Es stimmt, viele sind ermordet worden, aber: Alles, was sie getan haben, war abgeschlossen. Worauf wir alle nie gefasst sind, ist die nächste Runde der Geschichte. Niemand hat eine Kristallkugel, die er zu Hilfe nehmen könnte. Wir hätten nie geglaubt, dass die Vereinigten Staaten je einen Bush als Präsidenten bekommen würden.

STANDARD: Oder gleich zwei davon.

Belafonte: Unvorstellbar. Das sind die Geheimnisse des Lebens, die muss man annehmen, deshalb habe ich nie Rückschläge empfunden. Hätten diese Personen weitergelebt, die Welt wäre eine andere geworden: Wäre Bobby Kennedy Präsident geworden, alles wäre anders gekommen. Nicht nur für Amerika, für die ganze Welt. Dasselbe gilt für King und alle die anderen.

STANDARD: Hatten Sie jemals Angst um Ihr Leben?

Belafonte: Ja.

STANDARD: Wann?

Belafonte: Oft, aber das ist gar nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass man sich von der Angst nicht von seiner Überzeugung abbringen lässt.

STANDARD: Die meisten Menschen tun das aber, wenn es existenziell bedrohlich wird.

Belafonte: Ich war im Zweiten Weltkrieg in der Armee und im Krieg. Wenn man einen Kameraden sterben sieht, löst das immer Angst aus: Du bist der Nächste! Aber Angst stoppt die Maschine nicht. Wenn das, wofür du dich engagierst, einen Wert für dich hat, kommt man über das Sterben hinweg. Wir durften die Angst den Veränderungsprozess nicht aufhalten lassen, er war wichtiger als das Leben. Das sagt auch Dr. King in der Dokumentation, die bei der Viennale gezeigt wird.

STANDARD: Dazu muss man sehr optimistisch sein, sind Sie das immer noch?

Belafonte: Man kann ohne Optimismus nicht weitermachen, er ist der Treibstoff der Hoffnung. Ich habe die Welt zu einem besseren Platz gemacht, und wir haben nie eine Schlacht verloren, und wir haben nicht vor, den Krieg zu verlieren.

STANDARD: Die USA haben den ersten schwarzen Präsidenten, gleichzeitig wird die Tea Party mit Anschauungen aus dem Mittelalter stärker, finden Sie das nicht wenigstens frustrierend?

Belafonte: Nicht ein bisschen. Ich fühle mich belästigt von ihnen. Wie von einer Mücke. Natürlich wäre es naiv, ihre Macht und ihre Gier zu unterschätzen, aber wir ändern das System Stück für Stück.

STANDARD: Wenn man sich die Banken- und die Währungskrise anschaut, muss man sagen, diese Strategie funktioniert nicht besonders gut.

Belafonte: Nein, aber diese Krisen arbeiten längerfristig auch nicht für das System, denn die Gier der Banken und die Politik haben eine neue Klasse geschaffen: Der Mittelstand hat noch nie so gelitten wie jetzt. Auf den Straßen der USA sind nicht nur Schwarze oder Hispanics, die meisten sind gut ausgebildete Weiße mit Diplomen, die am System partizipieren wollten und nun herausfinden, dass dieses korrupter ist, als man sie gelehrt hat. Diese Leute überlegen jetzt, denken um und attackieren nun dieses System.

STANDARD: Das gibt Ihnen Hoffnung, man sieht's.

Belafonte: Große Hoffnung.

STANDARD: Sie sind als Stargast der Viennale in Wien, die eine Hommage für Sie zusammengestellt hat. Komödien besitzen immer Relevanz, tun das auch Ihre ernsten Filme?

Belafonte: Ich weiß es nicht, ich habe diese Filme mit Publikum zuletzt gesehen, als sie entstanden sind - manche vor 20, 30, 40, andere vor fast 50 Jahren. Ich erinnere mich an die Reaktionen von damals, aber ich kann die heutigen in Wien nicht einschätzen. Aber ich traue mich eines zu sagen, die Filme hatten Klasse.

STANDARD: Sie galten ja als einer der schönsten Männer der Welt.

Belafonte: (grinst zum Fotografen) Nananana - machen Sie davon ein Bild!

STANDARD: Themenwechsel: Warum machen Sie keine Musik mehr? Sie besäßen die Autorität, wie Johnny Cash ein eindruckvolles Alterswerk zu schaffen.

Belafonte: Ich bin zuletzt vor einigen Jahren in Hamburg aufgetreten, das fand ich ganz gut, aber man muss gehen, solange man es mit Würde tun kann. Musik ist nicht mehr mein Medium, deshalb gibt es jetzt diesen Film über mich, Sing Your Song. Da ist genug Musik drinnen. Es ist Musik, die ihre Zeit als zentrale Kraft begleitet hat. Jetzt mache ich eben einen neuen Film anstelle eines Albums, der nächste heißt Another Night In The Free World. Darin gibt es wieder viel Musik: HipHop, zeitgenössische Popmusik, Folkrock.

STANDARD: Eine Kollegin von mir beendet Interviews oft mit der Frage: Worum geht's im Leben?

Belafonte: Das Leben in seinen besten Momenten ist die Entdeckung dessen, was das Leben ausmacht. Man hat ein Leben lang Zeit, das herauszufinden. Ich liebe Archäologie, die Entdeckung des Lebens von früher, aber ich beneide auch jene, die die Grenzen außerhalb der Erde erforschen: O God, what the fuck they're gonna find! Ich wünschte, ich würde lange genug leben, um das zu erleben. Das Leben ist eine nie endende Entdeckungsreise. Ich wurde in Armut geboren, ging nicht zur Schule, aber was mir Glück brachte, war ein konstantes Verlangen nach Entdeckungen. Ein Entdecker zu sein, darum geht's im Leben. (Karl Fluch, DER STANDARD - Printausgabe, 24. Oktober 2011)

Harry Belafonte (84) wurde 1927 in New York geboren. Um seine Schauspielausbildung zu finanzieren, wurde er Sänger und war mit 19 Jahren der erste Popstar, der von einem Album mehr als eine Million Stück verkaufte. Er engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung, beriet John F. Kennedy, bekämpfte die Apartheit in Südafrika und ist Unicef-Botschafter.

  • Harry Belafonte: "Wichtig ist, dass man sich von der Angst nicht von seiner Überzeugung abbringen lässt."
    foto: standard/robert newald

    Harry Belafonte: "Wichtig ist, dass man sich von der Angst nicht von seiner Überzeugung abbringen lässt."

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