Einer schreit: Tagwache!

22. Oktober 2011, 13:03
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Der Fotograf Severin Koller hat seine Zeit als Wehrdiener festgehalten

So sieht es aus, wenn man am Boden liegt. Man robbt in der Wiese, mit einer Waffe, die nicht geladen ist. Bei einer Gefechtsübung lernt man jede Seite zu decken und verschiedene Arten, sich mit einem Gewehr im Gelände fortzubewegen. Darf man aufrecht gehen oder geduckt? Muss man robben? Oder gleiten? Die Befehle werden vom Truppenführer mit Handzeichen weitergegeben. Auf jeden Fall musst du unten bleiben. Egal, was kommt. Wer raufgeht, verrät die anderen - und wird, theoretisch, abgeknallt. "Rekrut Koller, wollen S' nicht ein Foto von der Formation machen?", hat mich der Ausbildner damals gefragt, als er gesehen hat, dass ich meine Kamera dabeihabe. Das war das einzige Mal, dass ich aufgefordert wurde, ein Foto zu machen. In einer anderen Kaserne hätte ich vielleicht gar nicht fotografieren dürfen.

Ich habe meine Zeit beim Bundesheer von Beginn an dokumentiert. Mein erstes Bild war ein Selbstporträt, das in der Nacht vor meinem Einrücktermin am 6. Mai 2007 entstand. Jeder Wehrdienstpflichtige bekommt einen Brief, in dem steht, ab welchem Tag er ab null Uhr aufhört, eine Zivilperson zu sein, und für sechs Monate zum Soldaten wird. Für Rekruten gilt dann eine andere Gesetzgebung. Ich bin damals in meinem Badezimmer gestanden und habe mir die Haare rasiert. Freunde haben mir erzählt, dass es besser sei, wenn die Haare weg sind, weil sie dich ohnehin zum Schneiden schicken, wenn sie zu lang sind. Es ist besser, zu Beginn nicht ungut aufzufallen. Sonst wird man gleich abgestempelt. Das wollte ich vermeiden.

Nach der Angelobung haben sich alle aus der Kompanie fotografieren lassen. Stolz - mit Papa, Mama oder Opa. Jeder macht ein Bild. Ich wollte mich nicht fotografieren lassen und habe mich gefragt, worauf hier alle stolz sind. Wir haben nichts geleistet und werden es auch nicht. Wir werden keine Soldaten werden.

Der Alltag beim Bundesheer beginnt um sechs Uhr früh. Da reißt einer die Tür auf und schreit: Tagwache! Im einem Schlafsaal liegen rund zwanzig Menschen. Wenn der neben dir schnarcht, hast du Pech. Die Betten bestehen aus Holzbrettern, Matratze, Leintuch und Felddecke, auf der "Fußende" und "Heereseigentum" geschrieben steht. Das Bett muss immer gemacht sein. Wenn es nicht passt, wird es vollkommen auseinandergenommen, und man muss es wieder in Ordnung bringen.

Nach dem Aufstehen haben die Rekruten zehn Minuten Zeit zum Duschen und Zähneputzen. In den Waschräumen gibt es auch Stecker für den Rasierer. Jeder muss sich rasieren. Wenn einem ein paar Stoppeln rausstehen, wird man sofort zum Rasieren geschickt anstatt zum Essen. Eine Rasurbefreiung gibt es nur bei Hautunverträglichkeiten. Manche Wehrdiener rasieren sich absichtlich gegen den Wuchs, um eine zu bekommen. Im Soldheim einer Kaserne gibt es Wurstsemmeln, Müsliriegel, Red Bull und Bier. Abends wird getrunken und geraucht. Nachtruhe ist dann um zehn. Für Ruhe sorgt der sogenannte Chargendienst, damit die Betrunkenen nicht randalieren, was manchmal vorkommen kann.

Am Beginn der Grundausbildung bekommt jeder Rekrut seine Ausrüstung. Auch das Sturmgewehr 77 (Baujahr 1977). Jedes hat eine Seriennummer, bestehend aus zwei Buchstaben und drei Ziffern, die man auswendig lernen muss, um die Waffen nicht zu vertauschen. Nach jedem Gebrauch muss man seine Waffe in alle Einzelteile zerlegen und putzen, später dem Ausbildner zur Kontrolle zeigen. Bis auf Unterwäsche und Strumpfhosen ist alles im Besitz des Heeres und muss beim Abrüsten abgegeben werden. Hosen, Hemden, Rucksäcke sind immer noch im Design der 70er-Jahre. Das ganze Bundesheer hat sich in den letzten drei Jahrzehnten kaum verändert. Beim Bundesheer geht es ums Saubermachen, Ordnunghalten und Vorschriften-Befolgen. Im Rahmen der Einschulung wurde ein Schrank im Zimmer unter Mithilfe eines Ausbildners eingerichtet. Nach diesem Vorbild muss jeder in fünfzehn Minuten seinen Schrank einräumen. Bevor wir ins Wochenende entlassen wurden, gab es Zimmer-, Gang- und Waschraumkontrollen. Alles musste sauber sein, sonst durften wir nicht raus.

Kaum ist ein Kommandant aus dem Zimmer, werden sämtliche Regeln gebrochen, wird Blödsinn gemacht. Im sogenannten "Selbststudium" müssen Rekruten die Rangordnungen und Dienstgrade (vom Rekruten bis zum General) und die dazugehörenden Abzeichen auswendig lernen. Man soll auf den ersten Blick erkennen, mit wem man es zu tun hat. Hat ein Rekrut ein Anliegen, hat er eine korrekte Sprechweise zu befolgen: "Herr Oberstleutnant Müller, Rekrut Koller meldet sich mit einer Frage." Danach wird die Erlaubnis des Diensthöheren erteilt, und man darf, nachdem dieser absalutiert hat, ebenfalls absalutieren und die eigentliche Frage stellen.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem wir die Waffe bekommen haben. Manche Jungs waren ganz wild darauf, eine Waffe zu haben, und konnten es kaum erwarten, endlich scharf zu schießen. In Allentsteig wird mit echter Munition geschossen. Da passen die Ausbildner wirklich auf, dass die Leute den Finger lang haben, heißt: nicht am Abzug. Am Ende kontrollieren sie streng, ob das Magazin auch wirklich leer ist und keine Munition übrig ist.

Das Marschieren war gefürchtet. Der Kampfanzug 2, kurz "Kaz2", hat 15 Kilo, da kommen nur bestimmte Dinge in den Rucksack. Beim Kampfanzug 3 kommt alles rein, vom Schlafsack bis zum Feldspaten, der wiegt dann 35 Kilo. Mit diesem Paket am Rücken kann man nicht mehr gerade stehen. Mit dem "Dreier-Kaz" mussten wir nie marschieren, das wurde immer nur angedroht. Wenn es heiß ist, rinnt einem beim Marschieren nicht nur der Schweiß, sondern manchmal auch die aufgetragene Tarnfarbe in die Augen. Das brennt. Beim Warten auf Nachzügler gibt es manchmal Rauchpausen. Feldverpflegung außerhalb der Kaserne heißt: Leberknödelsuppe und Dosengulasch, dazu eine Semmel, einen mehligen Apfel und Wasser, das man in der Kaserne in seine Feldflasche füllen muss. Vegetarier haben es nicht einfach.

Wenn es ABC-(atomarer, biologischer und chemischer)-Alarm heißt, hat man neun Sekunden Zeit, um seine Gasmaske aufzusetzen, und eine Minute, um in den atmungsdichten Anzug zu schlüpfen. Das will geübt sein. Da schwimmt man oft im Schweiß vom letzten Mal. Das ist ekelig, besonders der Duft von Milchsäurebakterien. Die Dichtheitsprüfung mit den ABC-Anzügen ist berüchtigt. Sie dauert keine fünf Minuten, aber jeder hat Panik davor und hofft, dass die Maske dicht bleibt, wenn man mit anderen Rekruten in einem kleinen Raum im Kreis läuft und einem Gas (wahrscheinlich Tränengas) ausgesetzt wird. Beim sogenannten Dienst in geschlossenen Räumen (DGR) werden viele der Übungen für jene, die teiltauglich sind, weil sie unter Asthma oder Allergien leiden, im Haus absolviert.

Ich kenne Leute, die haben heftige Sachen erlebt. Wir waren eine gemütliche Partie, ganz durchschnittlich. Liegestütze als Sanktionen gab es nicht. Manchmal wurde herumgeschrien, und man hat einen Chargendienst ausgefasst. Da musste man über Nacht Dienst schieben und hat sich dabei zu Tode gelangweilt. Die Zeit totzuschlagen war eine große Herausforderung. Oft hatten wir Dienst, aber nichts mehr zu tun. Wir mussten uns ruhig verhalten, schlafen war verboten. Wir haben gewartet, dass es vier wird und wir dann gehen dürfen. Manchmal mussten wir Dinge von A nach B tragen, und wahrscheinlich tragen die nächsten das Gleiche dann von B nach A zurück.

Am Staatsfeiertag haben wir den Heldenplatz auf- und wieder abgebaut. Als Belohnung durften ein Kollege und ich mit dem Bundesheer-Helikopter Black Hawk mitfliegen, weil wir angepackt und nicht gejammert haben. Das "Owezaan" ist beim Heer verbreitet. Die Werte, die hochgehalten werden, gibt es nicht. Da ist sich jeder selbst der nächste. Wenn man wieder zum Zivilisten wird, ist es Tradition, die Allgemeine Dienstvorschrift (ADV) zu verbrennen. Das passiert am allerletzten Tag um Mitternacht. Früher waren hunderte Rekruten am Stephansplatz. Bei uns waren es nur noch fünfzig. Ich war nur da, um zu fotografieren. (Fotos: Severin Koller, Text: Mia Eidlhuber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.10.2011)

  • Rambo spielen und Blödsinn machen: Kaum war der Vorgesetzte aus dem Zimmer, sind sämtliche Regeln außer Kraft gesetzt.
Mehr Fotos finden Sie hier.
    foto: der standard/koller

    Rambo spielen und Blödsinn machen: Kaum war der Vorgesetzte aus dem Zimmer, sind sämtliche Regeln außer Kraft gesetzt.

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