Kommentar von Gudrun Harrer

Inspiration und Ernüchterung

Kommentar | Gudrun Harrer, 21. Oktober 2011, 18:44

Der Erfolg des Arabischen Frühlings misst sich nicht nur am Sturz des Diktators

Nach Tunesien und Ägypten hat nun auch Libyen seine Revolution besiegelt: Wenngleich Muammar al-Gaddafi politisch längst erledigt war, ist der Umsturz erst jetzt abgeschlossen. Wie der Aufstand selbst, so war auch das Ende des Diktators in Libyen so völlig anders als in Tunesien und Ägypten: Zine El-Abidine Ben Ali ist im saudi-arabischen Exil und Hosni Mubarak im Gefängnisspital, von wo aus er an den Verhandlungstagen ins Gericht gebracht wird. Gaddafi hingegen hat den Kampf gewählt. Zur Frage, ob er sich am Ende doch ergeben wollte, wird vielleicht noch eines dieser unsäglichen Handyvideos auftauchen. Man schwankt zwischen der Begierde nach Information und dem Gefühl, es eigentlich gar nicht so genau wissen zu wollen.

Tunesien, das kleine Nachbarland Libyens, steht am Vorabend seiner ersten freien Wahlen, beim großen Nachbar Libyens im Osten, in Ägypten, sind sie in Vorbereitung. Die erdrutschartigen Revolutionen in beiden Ländern sind in eine unruhige Übergangszeit gemündet, in der viele Expertengewissheiten - etwa die Behauptung, dass die von jungen, modernen Kräften ausgelösten Volksaufstände das politische Potenzial von Islamisten entscheidend schwächen würden - ad absurdum geführt wurden.

Und je näher das definitive Ende der Gaddafi-Ära rückte, desto offensichtlich wurde auch die Komplexität der Verhältnisse in Libyen. Ja, es ist ein reiches Land mit einer relativ kleinen und relativ homogenen Bevölkerung - eine einheitliche Vision, wie dieses neue Libyen aussehen soll, ist aber dennoch nicht auszumachen. Kritisch ist, dass die Frage des Gewaltmonopols, das die Übergangsregierung wieder herstellen muss, direkt mit der Vision, dem Glauben ans neue Libyen, zusammenhängt. Denn wer dieser Rebellen (jetzt Exrebellen), die allesamt mit Gruppen, Stämmen oder Städten affiliiert sind, gibt seine Waffen auf, solange er nicht weiß, wofür?

Libyen ist ein Monument des Scheiterns der arabischen Nationalrevolutionäre, wie Gaddafi einer war. Überspitzt könnte man die Rivalität der libyschen Kommunen, die sich bisher nicht auf eine Übergangsregierung einigen konnten, mit jener der italienischen Stadtstaaten vergleichen, die derzeit dem TV-Publikum in der Borgia-Serie vorgeführt wird.

Libyen gilt nun als Inspiration für Syrien und den Jemen - und den Demonstranten in beiden Ländern sei dieser Hoffnungsmoment für die Zukunft mehr als vergönnt. Von außen sieht man heute jedoch auch bereits die Probleme klarer, die auf die Stunde null folgen werden. Die Bevölkerung in beiden Ländern ist viel disparater als in den drei bisher erfolgreichen Ländern des Arabischen Frühlings. Damit, dass der Jemen nach dem Sturz des Regimes wieder zerfallen wird, hat sich offenbar sogar schon die auf jedem Status quo beharrende Kraft Saudi-Arabien abgefunden. Und der Aufstand in Syrien hat teilweise längst bürgerkriegsähnliche Züge.

Das Ende Gaddafis wird die verbleibenden Diktatoren auch weiterhin davon überzeugen, dass ihre einzige Chance davonzukommen die Niederschlagung der Revolten ist. Wobei sie das schon wissen, seit Mubarak, der unter relativ friedlichen Umständen abtrat, vor Gericht steht. Auch dadurch ist zu erklären, dass sich Ali Abdullah Saleh im Jemen gegen jede politische Lösung wehrt, die nicht wenigstens den Einfluss seiner Familie wahren würde. Und für Bashar al-Assad in Syrien gibt es überhaupt nur alles oder nichts. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2011)

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Posting 1 bis 25 von 28
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mistvieh666
 
01
25.10.2011, 01:04

gut.
schaun wir uns mal die wirtschaftsdaten all dieser gescheiterten arabischen staaten an (unterschiedlich, aber nicht wirklich ganz schlecht). und wie schauts dort so mit lebenserwartung und bildung aus (eher sehr gut)?
faktisch waren diese ganzen boesen diktatoren eher erfolgreich und es ist so, dass araber immer aufstaende machen, ob im reichen libyen oder armen yemen, ob im demokratischen frankreich oder diktatorischen syrien ist egal.
ach ja: der schmarrn mit den "jungen, modernen Kräften ausgelösten Volksaufstände", ist ihnen das nicht schon langsam peinlich? oder haben sie noch nie auf einer bus oder taxistation in kairo mit den leuten geredet?

Manfred Rott
 
34
23.10.2011, 11:28

Gudrun Harrer ist wirklich eine der wenigen JournalistInnen bei der ich das Gefühl habe kompetent informiert zu werden. Sie schafft es extrem komplexe Zusammenhänge zu synthetisieren ohne zu vereinfachen. Respekt.

nomad13
13
23.10.2011, 07:24

Das hat wohl seinen Grund - dass immer die hässslichsten Aufziehpupppen selektiert werden

...was das präsentieren der vorgegebenen Linie betrifft

Tja -Zu mehr sind sie auch nicht zu gebrauchen

JOSHIK
00
23.10.2011, 05:54
Syrien. Yemen. Iran. Weißrussland

Nutzt eure Bandbreiten. Jetzt!

Standard Leser4
 
00
24.10.2011, 12:55

Wie waers mit den Republiken: Baschkortostan, Chakassien, Kalmueckien,Mordowien, Tatarstan, Tschurwaschien, Tuwa, Ludmurtien usw. alles Diktaturen weil sie Langzeitpraesidenten haben die seit 1991 1992 oder 1994 regieren.
Aber sowas gibt es ja auch in Oesterr. z. B in Niederoesterreich... usw.....

I Am WEASEL
00
28.10.2011, 02:44

Den Verrückten aus St. Pölten würd ich aber gern stürzen!
Tja, leider ist da aber eben wieder die Demokratie:
Wenige (mit Hirn) müssen mit so einem ......... (hier kann individuell eingesetzt werden) auskommen, weil die dämliche Masse den geliebten Führer immer wieder wählt. Und mit der NÖN hat er ja auch sein Propagandablatt.
Also wer ist dabei, morgen die MILAK in Neustadt ausräumen und dann gehts los?!

Peter Sichrovsky
11
23.10.2011, 00:31
Befreiung

So manche Österreicher leiden scheinbar noch heute bei dem Gedanken, dass auch sie von den Amerikanern 1945 mit-befreit wurden....den Hass auf die Amerikaner haben sie scheinbar mit der Muttermilch übernommen.

scrollradl
 
03
23.10.2011, 14:17
befreit wurde österreich 1945 . . .

. . . vor allem durch die rote arme
alle anderen - usa, frankreich (vorarlberg) und titopartisanen (kärnten) haben die alpenfestung praktisch widerstandslos besetzt

müssen wir jetzt stalin als befreier huldigen

Peter Sichrovsky
00
23.10.2011, 15:22
Vergleich

Der Vergleich mit Stalin zeigt das historische Verstaendnis der Alpenlaender, vielleicht waere es zumutbar, sich beim russischen Volk zu bedanken, wie ich die Amerikaner vorgeschlagen habe....falls dies die Geisteshaltung zulaesst.

Standard Leser4
 
00
24.10.2011, 13:51

Da sieht man wieder Ihre und die allgemeine Einstellung. Man bedankt sich also nur bei den Herrenmenschen beim russischen Volk.
Die Weissrussen, Ukrainer, und wer kennt die vielen anderen Voelker die gegen die Natis gekaempft haben, bleiben unbedankt, sie haben ja "nur" den Hauptteil der Opfer gebracht.
Schaemen Sie sich......

zeitfuchs
311
22.10.2011, 15:28
was wollen Sie uns denn da wieder weismachen, Frau Harrer?

"Libyen ist ein Monument des Scheiterns der arabischen Nationalrevolutionäre, wie Gaddafi einer war". Ich behaupte nicht Libyen, eine der modernsten und fortschrittlichsten arabischen Volksrepubliken, sondern die NATO war das Monument des Scheiterns eines arabischen Nationalrevolutionärs, wie Gaddafi einer war. Ein Dorn im Auge mächtiger arabischer Alleinherrschafter, und deren Schutzmächte. Deshalb, und nur deshalb mußte Gaddafi sterben.

RichardRoe
12
23.10.2011, 08:30

Klar. 'Modern und fortschrittlich' .. das muss man sich mal geben.

- Ghadaffi hat 200 Mrd US$ für sich und seine Familie ausser Landes gebracht. Von wegen sozialistischer 'Volksdemokratie'.
- Foltergefängnisse wie überall in den arab. Ländern.
- 900 Häftlinge umgebracht und verscharrt.
- Ein irrer Despot, ein Terrorist, ein Finanzier des arabischen Terrorismus. Fortschrittlich.

Und das ist erst der Anfang, den Rest wird man noch in den nächsten Wochen erfahren.

Heisst nicht, dass was Besseres nachkommen wird, aber das Bisherige hat wahrlich gereicht.

zeitfuchs
02
23.10.2011, 13:12
wenn ich dasselbe über Sie behaupten würde,

so würden Sie mit Recht fordern, für diese Behauptungen Beweise vorzulegen. Oder zumindest ein gerechtes Greichtsverfahren, in dem die gegen Sie vorgebrachten Anschuldigungen einer richterlichen Beweiswürdigung unterzogen werden. Eine Lynch-Justiz gegen Sie würden Sie jedenfalls entschieden ablehnen, oder?

die Großmutter
10
23.10.2011, 16:09

wie sich Gaddaffi und sein Hannibal gegenüber der Schweiz aufgeführt hatten ist Beweis genug.Was hätte der wohl mit der Schweiz alles angestellt wenn er die Macht dazu gehabt hätte.

Peace 4 Libya
45
22.10.2011, 23:41

Harrer. Neben den applaudierenden Nato Mord Buben eine weitere ERFÜLLUNGSGEHILFIN. So gut bezahlten Job gibt es nicht wieder, Hauptsache der bleibt.
Dafür verkaufen immer mehr Leutchen ihre Seel'.

der schwitzbär der schwitzt sehr
46
21.10.2011, 23:11
"Gefühl, es eigentlich gar nicht so genau wissen zu wollen"

Abgelehnt
Wer nichts weiß, wird immer belogen und abgezockt werden
Nur Wissen schützt!

Gaddafi lebt
10
23.10.2011, 17:46
Tut nicht so wichtig.

Ihr sitzt 3000 km entfernt im Sicheren, habt noch niemals ein substantielles Problem gehabt. Da kann man sich leicht in Erörterungen ergehen.
Den Leuten vor Ort ist es, wie nachzulesen, wirklich Wurscht: wars jetzt Versehen oder Absicht.

Hauptsache es ist VORBEI!

(Genausowenig haben die Österreicher die Sowjets damals als Befreier gesehen wie ein Poster behauptet - was für eine Absurdität.
Hauptsache der Krieg war VORBEI.

Dagmar Rehak Wien
 
12
23.10.2011, 18:06

Es ist vorbei, weil das Ziel, Gaddafi zu töten, erreicht wurde. Und auf dem Weg zu diesem Ziel sind viele andere getötet worden.
Wir sollten uns eher fragen, WARUM Gaddafi getötet hätte werden sollen. Das hilft nämlich fast allen Menschen auf der Welt.

Panini
22
22.10.2011, 14:25

ich glaube, das muss man frau harrer nicht so klugsch....isch ins stammbuch schreiben - sie hat es wohl auch anders gemeint ...

Schwachkopf mit Vollzugserscheinung
33
22.10.2011, 08:15

hervorragende Analdryse

Gerald12
412
21.10.2011, 21:30

in grossbritanien, griechenland, italien und den usa wurde die revolution bis dato unterdrueckt oder niedergeschlagen :-(

fatal sozial
22
22.10.2011, 14:25
posten sie doch bitte...

... welche "revolution" sie gerne hätten, und warum sie mit dem demokratischen weg ein problem haben?

bei den meisten revolution zeigt sich doch nur, dass der tag nicht vor dem abend gelobt werden sollte ...

Walter Bimini
04
22.10.2011, 12:00
sobald dollar und euro kollabieren, wird das viel schwerer werden

Dhimmi
08
21.10.2011, 20:44
Ob die Figuren gewechselt werden oder nicht

Alle Länder der Religion kranken am Diktat der Religion. Sie ist der Grund für den jahrhundertelangen geistigen Stillstand und sie ist der Grund dafür, dass sich durch die bisherigen "Revolutionen" nicht viel zum Besseren wenden wird.
Im Gegenteil.

Erst eine Trennung der Religion vom Staat- sichtbar an der Abschaffung der Scharia- würde den Weg in Demokratie und Moderne öffnen. Einen anderen Weg gibt es nicht.

"Able Danger"
12
22.10.2011, 00:58
"Diktat der Religion"

das Judentum ist sicher nicht inbegriffen, oder?

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