Der Erfolg des Arabischen Frühlings misst sich nicht nur am Sturz des Diktators
Nach Tunesien und Ägypten hat nun auch Libyen seine Revolution besiegelt: Wenngleich Muammar al-Gaddafi politisch längst erledigt war, ist der Umsturz erst jetzt abgeschlossen. Wie der Aufstand selbst, so war auch das Ende des Diktators in Libyen so völlig anders als in Tunesien und Ägypten: Zine El-Abidine Ben Ali ist im saudi-arabischen Exil und Hosni Mubarak im Gefängnisspital, von wo aus er an den Verhandlungstagen ins Gericht gebracht wird. Gaddafi hingegen hat den Kampf gewählt. Zur Frage, ob er sich am Ende doch ergeben wollte, wird vielleicht noch eines dieser unsäglichen Handyvideos auftauchen. Man schwankt zwischen der Begierde nach Information und dem Gefühl, es eigentlich gar nicht so genau wissen zu wollen.
Tunesien, das kleine Nachbarland Libyens, steht am Vorabend seiner ersten freien Wahlen, beim großen Nachbar Libyens im Osten, in Ägypten, sind sie in Vorbereitung. Die erdrutschartigen Revolutionen in beiden Ländern sind in eine unruhige Übergangszeit gemündet, in der viele Expertengewissheiten - etwa die Behauptung, dass die von jungen, modernen Kräften ausgelösten Volksaufstände das politische Potenzial von Islamisten entscheidend schwächen würden - ad absurdum geführt wurden.
Und je näher das definitive Ende der Gaddafi-Ära rückte, desto offensichtlich wurde auch die Komplexität der Verhältnisse in Libyen. Ja, es ist ein reiches Land mit einer relativ kleinen und relativ homogenen Bevölkerung - eine einheitliche Vision, wie dieses neue Libyen aussehen soll, ist aber dennoch nicht auszumachen. Kritisch ist, dass die Frage des Gewaltmonopols, das die Übergangsregierung wieder herstellen muss, direkt mit der Vision, dem Glauben ans neue Libyen, zusammenhängt. Denn wer dieser Rebellen (jetzt Exrebellen), die allesamt mit Gruppen, Stämmen oder Städten affiliiert sind, gibt seine Waffen auf, solange er nicht weiß, wofür?
Libyen ist ein Monument des Scheiterns der arabischen Nationalrevolutionäre, wie Gaddafi einer war. Überspitzt könnte man die Rivalität der libyschen Kommunen, die sich bisher nicht auf eine Übergangsregierung einigen konnten, mit jener der italienischen Stadtstaaten vergleichen, die derzeit dem TV-Publikum in der Borgia-Serie vorgeführt wird.
Libyen gilt nun als Inspiration für Syrien und den Jemen - und den Demonstranten in beiden Ländern sei dieser Hoffnungsmoment für die Zukunft mehr als vergönnt. Von außen sieht man heute jedoch auch bereits die Probleme klarer, die auf die Stunde null folgen werden. Die Bevölkerung in beiden Ländern ist viel disparater als in den drei bisher erfolgreichen Ländern des Arabischen Frühlings. Damit, dass der Jemen nach dem Sturz des Regimes wieder zerfallen wird, hat sich offenbar sogar schon die auf jedem Status quo beharrende Kraft Saudi-Arabien abgefunden. Und der Aufstand in Syrien hat teilweise längst bürgerkriegsähnliche Züge.
Das Ende Gaddafis wird die verbleibenden Diktatoren auch weiterhin davon überzeugen, dass ihre einzige Chance davonzukommen die Niederschlagung der Revolten ist. Wobei sie das schon wissen, seit Mubarak, der unter relativ friedlichen Umständen abtrat, vor Gericht steht. Auch dadurch ist zu erklären, dass sich Ali Abdullah Saleh im Jemen gegen jede politische Lösung wehrt, die nicht wenigstens den Einfluss seiner Familie wahren würde. Und für Bashar al-Assad in Syrien gibt es überhaupt nur alles oder nichts. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2011)