Schnurrbart und Spitzbart

Aufstand mit der Vendetta-Maske

Bert Rebhandl, 22. Oktober 2011, 10:15

Die Occupy-Proteste gegen die Massierung des Reichtums in den Händen weniger verstehen sich auch als Demokratisierungsbewegung

Die Occupy-Proteste gegen die Massierung des Reichtums in den Händen weniger verstehen sich auch als Demokratisierungsbewegung. Antworten auf gestellte Fragen fehlen aber noch.

***

Berlin - Schnurrbart und Spitzbart, das sind zwei wesentliche Insignien der neuen Protestbewegung gegen die Macht des Finanzkapitals. Das Prinzip lautet in diesem Fall nicht: Gesicht zeigen. Es lautet: Maske zeigen. Die Maske steht für einen Mann aus dem 17. Jahrhundert, der durch ein Comic und einen Film populär wurde: Guy Fawkes, katholischer Rebell gegen den englischen König, war das Vorbild für den namenlosen Rächer V in V for Vendetta, der in einem totalitären London die Massen zu mobilisieren versucht.

Wie sich diese Geschichten genau auf heute übertragen lassen, ist dabei nicht so wichtig. Wichtig ist die Konstellation: Dem Volk voraus geht eine revolutionäre Avantgarde, die ebenso stil- wie treffsicher ist. Die Mächtigen können sich nicht mehr in Sicherheit wiegen. Die Vendetta-Maske ist nur ein kulturelles Zeichen in dem komplexen Geschehen, das derzeit unter dem Slogan "Occupy" in den westlichen Ländern Gestalt anzunehmen beginnt.

"Wir sind die 99 Prozent"

Zweifelsfrei handelt es sich um eine Protestbewegung, und es wäre verfehlt, sie zynisch schnell auf den Mangel eines gemeinsamen politischen Nenners festzulegen. Einen zentralen Satz ihrer Kundgebungen müssen die vornehmlich jungen Leute aber erst einlösen: "Wir sind die 99 Prozent", das würde letztendlich ein Bündnis mit den großen, alten Organisationen (Gewerkschaften, Parteien, NGOs) erfordern, von denen sich die Occupy-Bewegung dezidiert unterscheidet.

Das liegt vor allem an der starken kommunikativen Kompetenz der Bewegung, die mit den neuen Medien in einer Weise umgeht, die neue Exklusivitätskriterien schafft. Darin liegt ein Widerspruch - zwischen Graswurzelstrategie und technischer Avantgarde -, der noch zu klären sein wird. Denn die Proteste gegen die Massierung des Reichtums in den Händen weniger verstehen sich eindeutig auch als Demokratisierungsbewegung."

Was mit einer Besetzung des Zuccotti Parks in Manhattan und dessen symbolischer Umbenennung in Liberty Plaza vor rund einem Monat eine markante Ursprungsszene bekam, reicht eigentlich weiter zurück und speist sich aus vielen Quellen. In Spanien tauchten die ersten Zeltlager deutlich früher als in New York auf, von dort kommt auch ein Begriff, der seither in allen Sprachen die Runde macht und auf ein wesentliches Motiv verweist: "Asamblea", deutsch: Vollversammlung, bezieht sich auf eine basisdemokratische Sammlung von politischen Willensäußerungen, die notgedrungen zuerst einmal eine neue Unübersichtlichkeit schafft.

Globales Grundeinkommen

Den mühsamen Weg durch die teilweise erst zu schaffenden neuen Institutionen machen einige arabische Länder gerade vor. Dass Ägypten mit dem Tahrir-Platz eine wesentliche Inspiration für die Occupy-Bewegung darstellt, ist unübersehbar und lässt erkennen, dass hier auch eine noch amorphe Globalisierung von unten stattfindet, die nach neuen Formen von Repräsentation sucht. Für Beobachter und Vertreter der offiziellen Politik ist die Bewegung gerade deswegen schwer zu begreifen, weil in ihr sehr unterschiedliche Politiken durcheinanderlaufen: Individualismus und Idealismus mit teils utopisch klingenden Forderungen wie dem nach einem globalen (!) Grundeinkommen (konkret: 600 Euro) verbinden sich mit Pfadfinder-Mentalität und Techie-Faszination.

Der vielleicht überraschendste Aspekt ist, dass die junge Bewegung ein gerade einmal zehn Jahre altes Netzwerk wie Attac schon wieder alt aussehen lässt. Man kann inzwischen beinahe schon von zwei Generationen der "Globalisierungskritik" sprechen: Die erste hatte einen entscheidenden Moment in Seattle 1999 und fand die ganzen Nullerjahre hindurch vor allem bei den Treffen der G-20 immer neue Konzentrationspunkte; die zweite wird man möglicherweise eines Tages als im Ursprung mediterranes Geschehen (Tunis, Kairo, Barcelona) begreifen.

Inwiefern die neue Bewegung bereit ist, auf schon geleistete Professionalisierung etwa bei Attac zurückzugreifen, wird sich als bedeutsam erweisen. Die Tobin-Tax, lange Zeit eine zentrale Forderung der Globalisierungskritiker, taucht gegenwärtig kaum auf. Hingegen kommen vor allem aus den USA weiter reichende Parolen: "End the Fed". Die Abschaffung der Zentralbanken ist ein Motiv des Libertarismus, einer radikalen Denkschule, die für die politische Rechte wie für die Linke gleichermaßen Plausibilität hat, und von der gegenwärtig eine untergründige Attraktion ausgeht.

Und schließlich stellt sich auch die Frage nach der politischen Gewalt: Inmitten der friedlichen Proteste taucht eine ältere, "autonome", organisierte Linke wieder auf, die wie kürzlich in Rom ihr eigenes Projekt verfolgt. Wer die Maske von Guy Fawkes gegen das System ins Treffen führt, geht dazu zumindest symbolisch nicht auf Distanz. Denn in V for Vendetta führt der Weg in die Revolution über den Terrorismus. (Bert Rebhandl aus Berlin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 129
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a wurscht
00
24.10.2011, 10:12
occupy ist leider wirklich von obskuren, rechten, zeitgeist-venus eso-anhängern infiltriert

http://svzwatch.wordpress.com/2009/06/1... -unschuld/

da gehört schon mal die NPD auch zu den 99 %

tapsel
 
01
24.10.2011, 17:11

Es gibt überall, sagen wir mal höflich, eigenwillige Menschen. Wen sie das schon als Unterwanderung sehen...

a wurscht
00
25.10.2011, 11:26
oder hier, bei kritik fliegt man gleich mal raus

http://bernhardjenny.wordpress.com/2011/10/1... bgrenzung/

a wurscht
00
25.10.2011, 11:22
dachte ich zuerst auch - aber wenn man genauer hinsieht

zb. http://taz.de/t172/Occu... ng/!80372/

tapsel
 
00
25.10.2011, 15:29
@a wurst! Wir sind in einer für Österreich ungewöhnlichen Situation.

Das letzte Mal, dass in Ö eine neue politische Bewegung von Bürgern ohne nennenswerte Hausmacht gegründet wurde, waren die Grünen.

Wir haben keine Übung darin.

Ich finde es ganz wichtig, mit viel Überlegung vorzugehen. Wir sind Individualisten, aber häufig auch egoistisch und stur. Es wird sehr, sehr viel ECHTE Diskussion brauchen um ausreichend viele Menschen dazu zu bringen sich einigermassen in die gleiche Richtung zu bewegen. (Diskussion= eine überlegte eigene Meinung haben, zuhören, aus dem Gehörten den eigenen Standpunkt überdenken, aber auch Grenzen setzen).

Ich finde es nicht klug, sich sofort zurückzuziehen, wenn etwas nicht passt. Damit überlässt man das Feld jenen deren Ansichten wir für falsch halten.

tapsel
 
00
23.10.2011, 22:50
Wenns nicht so traurig wär, wärs zum Totlachen!...(8=(((

JEDER aber wirklich JEDER Poster hier schimpft über die Zustände nicht nur in unserem Land und schreit nach Veränderung.

Wenn dann aber bei uns, im Land der Fernsehsessel-Raunzer, Menschen wirklich aktiv werden wird SOFORT fast reflexhaft auch das zerredet und oft unsachlich kritisiert:

Der FILM, aus dem die Guy Fawkes Maske stammt ist nicht gut genug. @ "Der Kluge": Schlagen sie doch was Besseres vor!

@ "Charlie Parker: Ein Facebook Link ist nicht öffentlich? Wie wärs wenn sie den Herrn, der sich da wirklich engagiert mit ihrer Expertise unterstützen?

Usw. Usw.

Ich hab den Verdacht, dass es immer noch viel zu Vielen bei uns viel zu gut geht.

Wollt ihr überhaupt wirklich, dass sich was ändert? Oder macht euch das Angst?

Illusionist
20
23.10.2011, 16:50

und das alles nur weil heute jeder ein iphone für seine individualität braucht ?!

gehts arbeiten ihr spinner, seid einmal im leben gesellschaftlich produktiv !

suboptimal
 
02
23.10.2011, 13:37
ui ui ui .... Denkfehler

Der Protest richtet sich genau GEGEN das in alles verfilzte Bündnis der großen, alten Organisationen (Gewerkschaften, Parteien ...)

TAO
 
02
23.10.2011, 15:00
... die eben nur ihr TRADITIONELLES Klientel vertreten.

WRN
00
26.10.2011, 20:53

welches Klientel vertreten denn die Gewerkschaften und die Parteien???

Ich bin Mitglied in einer Gewerkschaft... aber weder wirklich aus Überzeugung noch weil mich irgendwer gefragt hat sondern weil das halt so üblich ist bei uns.
Tatsache ist aber: ich fühle mich nicht vertreten, diese Leute haben noch NIE etwas für mich gemacht... und wenn irgendwas wäre hätte ich auch nicht das Gefühl mich an die wenden zu können.

Was Parteien betrifft habe ich zwar gewählt aber auch nicht weil ich das Gefühl habe dass die FPÖ etwas FÜR MICH tut sondern weil ich hoffe dass sie etwas GEGEN ANDERE tut.

= Ich fühle mich von keiner der konservativen Organisationen in IRGENDEINER Weise wirklich vertreten.
Aber wo sind die Alternativen?

Carlos Clementin
04
23.10.2011, 11:09
Maske und Demo ...

Die Maske scheint gegenüber dem Vermummungsverbot die Einzige tolerierte Anonbymisierung zu sein.
(ev. nur halblegal?)
Jedenfalls können so auch Leute Ihren Protest kundtun, die ansonsten Jobverlust, Denunzierung oder Kriminalisierung, da anders denkend, erwarten müssten.

pimpf1
 
03
23.10.2011, 14:36
@Vermummungsverbot

es gäbe ja noch die Möglichkeit, dass man am Vortag auf der Demo seinen Kopf von der Polizei weichklopfen läßt, damit man am nächsten Tag mit einem mächtigen Gipsverband seinen Gipskopf vollkommen legal verhüllt erscheinen darf

pimpf1
 
20
23.10.2011, 11:04
ganz einfach: das Anti-Establishment erfindet sich immer wieder neu

egal wie sie sich so über die Jahrzehnte nannten:
APO
Gesellschaftskritiker
Öko-Bewegte
Globalisierungskritiker
ganz kurz mal Altermondalisten (wurde aber gleich wieder aufgegeben, da "Andersweltler" eher an die Geisteswelt von psychisch Kranke erinnert)
und jetzt
Occupy Protester
es gilt nach wie vor das simple Sprichwort: "Die Kritiker der Elche, sind morgen selber welche!"
Sprich: diejenigen, die heute die Mercedes der Mächtigen und Reichen abfackeln, können in 10 Jahren beim Anblick ihrer abgebrannten Mercedes nihct verstehen, warum jemand sie derartig hassen kann.

Peacefaktor
03
23.10.2011, 14:53
Ich glaub Sie verwechseln da was. Es hat niemand von der Occupy-Bewegung Autos abgefackelt.

Ich denke auch nicht, wie bei Ihnen durchscheint, dass es darum geht seinen Neid zu befrieden. Es geht schlicht darum den Reichtum gerechter zu verteilen, die Macht breiter zu verteilen und vom Geld- und ewigen Wahnsinn des Wachstumsdiktats und der Macht der Banken (zB Fed und anderer (Zentral-)Banken) wegzukommen.

Im Grunde geht es darum ein neues, menschenwürdiges System zu schaffen, an dem sich jeder beteiligen soll, seine Ideen einbringen.

Es geht darum zu zeigen, dass das bestimmende "1%" nicht länger auf Kosten der übrigen "99%" leben kann und sich an der Masse bereichern, da die Grenze erreicht ist.

Gehören Sie zu den 1%? Dann versteh ich Ihr Posting. Sonst sind Sie ein freiwilliger Sklave.;(

Dr. Ewald Hinterfotzig
00
23.10.2011, 16:18

Haben Sie die Nachrichten aus Rom gesehen?

Hans-Georg Peitl
71
23.10.2011, 09:51
Demokratisierungsbewegung?

Wenn man sich anschaut, was an diesem Wochenende bei der EU Nein-danke! Demo passiert ist, so kann man auch nur auf Demokratisierung hoffen.

Nicht ein einziger Rechtsradikaler liess sich auf dem Ballhausplatz blicken.

Dafür die SLP, die sozialistische Linkspartei um nach ihren Angaben den Naziaufmarsch zu stören.
http://www.slp.at/termine+M... e262c.html

Sprich: Obwohl es offensichtlich niemals eine Nazigruppe gegeben hat, die zu der EU Nein-danke! Demo der österreichischen Bürgerpartei gehen wollte, hat man die Demoveranstalter dazu gezwungen abzusagen.

Schämt Euch!

Euer

Pastor Hans-Georg Peitl
Bundespressesprecher der
Österreichischen Bürgerpartei
http://www.oebp.at
http://jachwe.wordpress.com

Takis
00
23.10.2011, 15:16

Ist es nicht eher so, dass die Demo abgesagt wurde weil die Nazis kommen wollten?
Und jetzt sind die Linken schuld dran?

Sagt viel über Sie aus!

/Anonymous
01
23.10.2011, 16:32

ähnlich..
peitl ist ehem. fpö'ler aber man versteckt sind hinter der mitte (:

/Anonymous
12
23.10.2011, 10:53
slp & öbp

euch kann doch keiner ernst nehmen.
mit solchen anliegen, seit ihr leider im falschen jahrhundert!

Hans-Georg Peitl
21
23.10.2011, 12:27
Welche Anliegen

Welche Anliegen? Demokratie, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Demonstrationsrecht?

Ich würde sagen: Lauter nette Bestandteile der österreichischen Verfassung.

/Anonymous
01
23.10.2011, 14:40
oder auch

angst vor globalisierung ?
angst vor der eu / dem euro ?
angst vor dem islam ?
angst vor amerika ?

um es mit euren worten auszudrücken..
"GOTT SCHÜTZE ÖSTERREICH!"

Hans-Georg Peitl
20
23.10.2011, 14:49
Sie haben Angst

Abgesehen davon, dass ich vor einem Islam der die Sure 5.75 "Der Messias, der Sohn der Maria, ist nur ein Gesandter" akzeptiert keine Angst habe, frage ich mich, wie man die Globalisierung angesichts der momentanen Situation in Europa begrüssen kann.

Sollte es allerdings noch nicht aufgefallen haben: Man hat uns Ultrarechte angedichtet und nicht wir sind Ultrarechte.

Ganz im Gegenteil: Die Polizei hat in ihrer Aussendung sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass wir das nicht sind, sondern absagen um uns von den Neonazis zu distanzieren.

Es gibt auch Globalisierungsgegner mit Vernunft.

Pastor Hans-Georg Peitl
Bundespressesprecher der
Österreichischen Bürgerpartei
http://www.oebp.at
http://jachwe.wordpress.com

/Anonymous
02
23.10.2011, 16:10

es geht um eine lösung für alle - nicht nur für österreich.
kleingeister haben in dieser welt keinen platz mehr.

eine kurze recherche über dich ergab auch einige interessante punkte - bitte verbessere mich, wenn ich falsche schlüsse daraus ziehe:

http://goo.gl/lCBi9
(04/2005)

http://goo.gl/EYp6e
(12/2009)

auf wunsch füge ich noch mehrere links hinzu - man findet ja genug von deinen selbstinszenierung im netz

Einhörner, Trolle, Elfen und sonstiges.
02
23.10.2011, 09:10
man sollte unbedingt noch eine facebook gruppe gründen.

eine ist schließlich immer noch gegangen....

wenn ows erfolg haben will, wird nichts anderes übrig bleiben, als sich mit traditionellen vereinigungen auf ein packl zu hauen.

falls die basisdemokratie sich auf eine forderung einigen kann, allein schon um die ganzen trittbrettfahrer (rechts- und linksradikale) loszuwerden, wäre das zumindest nicht die schlechteste idee. jetzt ist das eine einzige nebulöse zusammenrottung von wem und was auch immer....

social media ist nicht die reale welt, wenn die bewegung erfolg haben will, wird sie sich ein wenig an die reale welt anpassen müssen.

btw; facebook ist ein datenschutztechnischer supergau und bald tot.

Ludwig Buchinger
 
12
23.10.2011, 06:22
Egoistisches Denken - Egoistisches Wirtschaftsmodell

Unser bestehendes Wirtschaftsmodell des Kapitalismus des ständigen (Wirtschafts- und Kapital)Wachstums ist in der Natur nicht vereinbar. Nur ein Tumor vergrößert sich auf Kosten anderer, zerstört den Organismus und stirbt letztlich mit ihm.

Die Lösung der Krise liegt in der Suche nach und der Umsetzung eines Wirtschaftsmodells, dass den ausgeglichenen Kräften der Natur enstpricht: Jeder gibt nach seinen Fähigkeiten und erhält nach seinen Bedürfnissen (genau so funktioniert jede Zelle unseres Körpers - ansonsten wird sie krebsartig)

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