Der neue ÖFB-Teamchef Marcel Koller spricht über Mentalitäten, Neurosen, Burnout, die schnelllebige Zeit, Ziele, Energiequellen und Schweizer Staubsauger
Standard: Sagt Ihnen der Name Erwin Ringel etwas?
Koller: Erwin Ringel? Nein, es tut mir wirklich leid.
Standard: Er war ein Psychiater, der Mitte der Achtziger das Buch "Die
österreichische Seele" verfasst hat. Es war damals ein ziemlicher
Aufreger. Er bezeichnete das Land liebevoll als Brutstätte von Neurosen.
Haben Sie schon etwas davon gemerkt?
Koller: Was in Österreich gesellschaftspolitisch abläuft, kann ich nicht
beurteilen. Persönlich habe ich nichts von Neurosen bemerkt. Der Umgang
mit den Menschen, auch mit der Presse, war bis jetzt sehr positiv, sehr
angenehm. Die Leute auf der Straße und die Zuschauer im Stadion kommen
auf mich zu, wünschen mir Glück. Sie hoffen auf eine positive Zeit.
Standard: Haben Schweizer Neurosen?
Koller: Klar, wer hat das nicht? Jedes Land, jeder Mensch hat
Eigenheiten.
Standard: Wie schaut Ihr Österreich-Bild aus? Beinhaltet es die üblichen
Klischees? Schweizer sollen ja die Gehsteige vor den Haustüren mit dem
Staubsauger putzen.
Koller: Man hört viel vom Wiener Schmäh, vom Charme, von der
Gemütlichkeit. Aber ich gehe auf die Leute ohne Vorurteile zu, ich will
mit ihnen sprechen, sie kennenlernen. Es gibt überall gute und schlechte
Menschen, das hat nichts mit einer bestimmten Nationalität zu tun. Ich
habe übrigens noch nie den Gehsteig mit dem Staubsauger gereinigt.
Standard: Cordoba ist ein Art österreichische Neurose. Die wird Sie
verfolgen, weil Deutschland Gegner in der WM-Qualifikation ist.
Koller: Cordoba war das 3:2. Die Tore von Krankl, ich kenne sie.
Österreich hatte damals eine sehr gute Mannschaft. Hat man Sehnsucht
nach Erfolg, wird die Vergangenheit ausgegraben. Das ist menschlich.
Aber man muss sich das Selbstbewusstsein in der Gegenwart holen. Cordoba
ist mehr als 30 Jahre her, es war schön für die Beteiligten. Es ist
möglicherweise eine Bürde für jene, die so etwas nicht erreicht haben.
Als Trainer musst du nach vorn gucken, Dinge gehören abgehakt.
Standard: Es gibt einen Spruch: Solange der Österreicher raunzt, geht es
ihm gut. Insofern kann man Kommentare einheimischer Trainer unmittelbar
nach ihrer Bestellung auch positiv sehen, oder?
Koller: Ja. Mein Gefühl ist, dass die Stimmung umschlägt. Die Leute sind
froh, dass etwas Neues kommt, was immer das auch sein mag. Aber sie
müssen auch wissen, dass der Koller aus der Schweiz nicht daherkommt,
und alles wird sofort gut. Ich bin kein Heilsbringer, der alles auf den
Kopf stellt. Aber ich gehe anders an die Sache heran, habe Ideen. Ich
versuche, alle auf meine Reise mitzunehmen.
Standard: Einer Ihrer Vorgänger, Josef Hickersberger, sagte: "Nicht die
Besten, die Richtigen sollen spielen." Gefällt Ihnen dieser Satz?
Koller: Ja. Ideal ist, wenn die Besten auch die Richtigen sind. In einem
Nationalteam sollen ja die besten Fußballer versammelt sein. Aber jeder
bekommt Richtlinien, an die er sich halten soll. Auf und neben dem
Platz. Du brauchst eine gewisse Disziplin. Warum sind die Deutschen so
erfolgreich? Es ist kein Zufall, dass sie in der 90. Minute treffen. Von
der Verbissenheit, der Zielstrebigkeit, der Aggressivität und der
Überzeugung, dass ein Spiel erst aus ist, wenn es der Schiedsrichter
abpfeift, kann man lernen.
Standard: Die Umstellung von Vereinstrainer auf Teamchef muss eine
gravierende sein. Wie sind Sie darauf vorbereitet? Bei einer
Nationalmannschaft kann man keine Spieler ausbilden oder neue kaufen, da
sind Grenzen gesetzt. Bei einem Verein kann man Niederlagen eine Woche
später ausmerzen.
Koller: Bist du Teamchef, bist du viel unterwegs. Ich treffe Trainer,
kontaktiere Spieler. Ich überlege, wie ich meine Ideen an die Fußballer
bringen kann. Im Verein geht das täglich. Wenn wir im Team
zusammenkommen, sollen sie eine Ahnung haben, wie das ausschauen könnte.
Du hast zwar weniger Zeit, dafür bist du von den Besten des Landes
umgeben. Das ist ein Vorteil.
Standard: Als Teamchef muss man natürlich sagen, Ziel ist die
WM-Teilnahme. Hätten Sie als Bochum-Trainer behauptet, Ziel ist der
deutsche Meistertitel, wäre die Einweisung in eine Klinik zumindest
andiskutiert worden. Muss ein Teamchef, speziell der österreichische,
realitätsfremd sein?
Koller: Nein. Die Realität der Qualifikation für 2014 sieht vorerst so
aus: Erster Deutschland, Zweiter Schweden, Dritter Irland, Vierter
Österreich, Fünfter Färöer, Sechster Kasachstan. Aber man kann nicht
sagen, vielleicht punkten wir gegen Deutschland oder eine knappe
Niederlage wäre nicht schlecht. Das lehne ich ab. Natürlich ist
Deutschland das Maß aller Dinge. Ich sage aber, es sind jeweils zwei
Spiele. Warum sollte es nicht klappen? Sofern wir läuferisch,
kämpferisch, taktisch, spielerisch ans Limit gehen. Und Glück haben. Es
ist möglich, jedes Match zu gewinnen. Wir müssen auf uns gucken und das
Maximum abrufen. Es reicht, oder es reicht nicht, das weiß man danach.
Ich bin wahnsinnig motiviert und erfolgshungrig. In Bochum habe ich nie
gesagt, ich will Meister werden. Es ging darum, oben zu bleiben. Aber
ich wollte Bayern München schlagen. Und ich habe die Mannschaft danach
eingestellt. Die Alternative wäre gewesen, zu Hause zu bleiben.
Standard: In jüngster Zeit häufen sich im Fußball die Fälle von Burnout
und Depressionen. Zumindest werden sie öffentlich. Ihr Kollege Ralf
Rangnick ist nur ein Beispiel. Wird vom Fußballer zu viel verlangt, wird
er zu gläsern? Benötigt er mehr Rückzugsgebiete?
Koller: Es wird mehr, der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.
Nur merkt man es in der restlichen Gesellschaft nicht. Ich weiß nicht
einmal, ob mein Nachbar Depressionen hat. Er spricht ja nicht mit mir.
Im Fußball bist du dauernd in der Öffentlichkeit, jeder guckt, du wirst
beobachtet, mit Handys werden heimlich Fotos gemacht. Früher haben die
Leute gefragt, ob sie dich fotografieren dürfen. Das ist extrem
geworden, damit muss man umgehen können. Man braucht
Rückzugsmöglichkeiten, um Energie aufzuladen. Jeder muss seine
persönliche Energiequelle entdecken.
Standard: Wo liegt Ihre Quelle?
Koller: Einerseits in den Bergen, in der Natur. Andererseits ist für
mich der Fußball die Quelle, die Energie. Weil ich ihn liebe.
Standard: Sie hatten zwei Jahre lang keinen Job. War das möglicherweise
auch ein Segen, um Abstand zu gewinnen?
Koller: Absolut. Bist du in dem Job drinnen, hast du für nichts anderes
mehr Zeit. Ich habe meinen Freunden noch nicht einmal mitgeteilt, dass
ich gut in Wien angekommen bin. Andererseits gab es auch schwierige
Phasen. Das Kribbeln im Bauch vor dem Spiel hat mir am meisten gefehlt.
Standard: Sie haben nur für einen Verein, Grasshoppers Zürich, gekickt.
Heute haben manche Spieler schon mehr Transfers als Einsätze hinter
sich. Eine problematische Entwicklung?
Koller: Ja, ein Zeichen für die Schnelllebigkeit. Und es geht ums
schnelle Geld. Eine vernünftige Betreuung der Spieler wird immer
wichtiger. Man muss sie manchmal vor sich selbst schützen.
Standard: Bekommt das ÖFB-Team einen Mentalbetreuer?
Koller: Ich bin noch am Abklären, bitte um Geduld. Unabhängig davon
hoffe ich, dass sich die Spieler öffnen, sie brauchen keine Angst zu
haben. Das Sprechen tut gut. Und nicht nur über Fußball.
Standard: Gibt es den idealen Fußballer, den idealen Trainer?
Koller: Man hat vielleicht ein Bild, eine Vorstellung. Offensiv ist es
wohl Lionel Messi, der hat eine unglaubliche Dynamik und eine
unglaubliche Ruhe. Wird man Trainer, stellt man fest, dass du deinen
eigenen Weg gehen musst. Du kannst dir einiges abschauen, aber du musst
dich selbst entwickeln. Ich bin ja kein Schauspieler, der eine Rolle
annimmt.
Standard: Kaiser Franz Joseph hat einmal gesagt: "Es war sehr schön, es
hat mich sehr gefreut." Wäre das ein nettes Fazit Ihrer Amtszeit, wann
immer sie auch enden mag?
Koller: Waren wir nicht erfolgreich, würde es mir nicht gefallen.
Standard: Der Kaiser hat auch gesagt: "Wenn wir schon zugrunde gehen,
dann wenigstens anständig." Wie wäre es damit?
Koller: Sollten wir verlieren, dann mit Respekt und Anstand. Und nicht
im Chaos. Versäumen wir die WM um ein Tor, wäre das nicht anständig.
Sondern äußerst ärgerlich. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe, 22./23. Oktober 2011)
Marcel Koller, geboren am 11. November 1960 in Zürich, spielte von 1978
bis 1996 im defensiven Mittelfeld von Grasshoppers (fünfmal Meister). Er
bestritt 55 Länderspiele. Trainerstationen: Wil, St. Gallen (Meister),
Grasshoppers (Meister), Köln (November 2003 bis Juni 2004), Bochum (Mai
2005 bis September 2009). Am 4. Oktober wurde der Schweizer als
ÖFB-Teamchef präsentiert. Offizieller Arbeitsbeginn ist der 1. November.
Sein Debüt gibt er am 15. November in Lemberg gegen die Ukraine.