"Qualität der Beziehung in Ganztagsschulen unbezahlbar"

21. Oktober 2011, 17:04
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Bei einer Podiumsdiskussion wurde über die Errichtung von Ganztagsschulen diskutiert

Es sind noch wenige Tage bis zur Eintragungswoche des Bildungsvolksbegehrens (von 3. bis 10. November). Die Wiener Grünen und die Organisatoren des Bildungsvolksbegehrens luden am Donnerstag in den Festsaal der TU Wien zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Ganztagsschule. Dabei wurde thematisiert welche Änderungen die Einführung von Ganztagsschulen für Lehrer und Schüler nach sich ziehen würden und welche Schulbauten dafür nötig seien.

Die grüne Bildungssprecherin im Wiener Gemeinderat, Martina Wurzer, sagt: „Für uns Grüne soll Schule ein Ort der Lernfreude sein." Der Tagesablauf solle an den Lebens- und Lernrhythmus der Kinder angepasst werden, deswegen begrüßt sie den Ausbau von Ganztagsschulen. Die Möglichkeit eine Ganztagsschule zu besuchen, ist für Wurzer auch einer „ganz zentrale Gerechtigkeitsfrage".

„Es gibt zwei Modelle der Ganztagsschule, die verschränkte und die getrennte Form", erklärt Harald Reibnegger, Pädagoge aus Steyr. Traditionell unterstützte die SPÖ die verschränkte Form, die ÖVP präferierte die getrennte Form, wie sie in Tagesheimschulen ausgeübt wurde.

Reibnegger argumentiert weiters, dass das getrennte Modell einer Ganztagsschule eine "Aufbewahrungsanstalt" sei. An seiner Schule in Steyr würde eine teilverschränkte Form angewendet. Dabei wechseln sich von der Früh bis 16 Uhr Lern- und Freizeitphasen ab. Bei einem getrennten Modell findet der Unterricht am Vormittag statt, am Nachmittag gibt es einem Hort gleich Betreuungsstunden.

Räume prägen

Christian Kühn, Professor für Gebäudelehre an der TU Wien, sieht bei der Schaffung von Ganztagsschulen höhere Sanierungs- und Errichtungskosten. Man brauche Verpflegungsräume und mehr "Bildungsräume". Eine Folge der längeren Verweildauer der SchülerInnen in den Schulen sei auch, dass man durch die Architektur "für längere Zeit den Lebensraum junger Menschen definiert".

Eine der Ganztagsschulen, die gerade im Entstehen ist, ist der Bildungscampus am Gelände des neuen Hauptbahnhofs. Dieser werde - so Lilli Pschill, die als Architektin für das Projekt verantwortlich zeichnet - in Clustern eingeteilt sein. Dabei werden jeweils vier Lerneinheiten um einen offenen "Marktplatz" angeordnet sein, die Räume zwischen Kindergarten, Volksschule und Hauptschule sind fließend.

Für Wurzer ist die Schule am Hauptbahnhofs-Areal ein Ideal-Modell. Räumliche Konzepte seien bei der Schaffung von Ganztagsschulen unbedingt notwendig. "Es reicht nicht einen Speisesaal und eine Küche einzubauen um aus einer Halbtags- eine Ganztagsschule zu machen."

Für Raphaela Keller, vom Österreichischen Dachverband der Berufsgruppen der Kindergarten- und HortpädagogInnen, ist klar, dass "Kinder frei zugängliche Bewegungsräume und Begegnungsstätten brauchen". Wichtig sei jedoch - abseits der räumlichen Ausgestaltung - bei der Ganztagsschule - auch eine  "gemeinsame Ausbildung auf tertiärer Ebene" aller Lehrkräfte.

Für den Ausbau der Ganztagsschulen werde auch mehr Freizeit-Betreuer notwendig. Kritik übt Keller an der neuen Ausbildung für Freizeitpädagogen. Dies wären nur mindestqualifiziert Kräfte. "Wir brauchen aber eine gemeinsame Basisbildung", so Keller.

Gemeinsame Ausbildung

Wurzer sieht in den Freizeitpädagogen "Schmalspurpädagogen". Auch sie fordert eine gemeinsame Ausbildung aller Pädagogen. Auch Reibnegger begrüßt eine "Grundmaß einer gemeinsamen Ausbildung", die Ganztagsschule sei jedoch derzeit an den Pädagogischen Hochschulen in keinem Seminar ein Thema.  Dies geschehe derzeit nicht.

Wichtig ist Reibnegger auch, dass in die Schule Demokratie einkehre. So wird in der Ganztagsschule in Steyr den SchülerInnen ein Mitspracherecht in Form eines Schulparlaments eingeräumt.

Reibnegger, der sich auch im Zuge seiner Dissertation mit den Ganztagsschulen beschäftigt hat, betont, dass die Errichtung von Ganztagsschulen ein Prozess von unten sein muss. Bei der Umstellung von Halbtags- zu Ganztagsschule könne es auch zu Konflikten kommen. "Es ist unbedingt notwendig, dass man einen externen Prozessbegleiter hat". Eine funktionierende Ganztagsschule habe jedoch für alle Seiten Vorteile. Und: "Die Qualität der Beziehung zwischen Lehrern und Schülern in Ganztagsschulen ist unbezahlbar".(seb, derStandard.at, 21.10.2011)

  • Podiumsdiskussion am Donnerstag zum Thema Ganztagsschule.
    foto: derstandard.at/pumberger

    Podiumsdiskussion am Donnerstag zum Thema Ganztagsschule.

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