Die unmittelbare Ursache der Finanzkrise, die 2007 begann, war räuberische Kreditvergabe - Von Robert Skidelsky
Die Finanzkrise, die 2007 begann, hat die Weltwirtschaft in zwei Jahren um sechs Prozent schrumpfen lassen und die Arbeitslosenquote verdoppelt. Die unmittelbare Ursache war räuberische Kreditvergabe, die Menschen sind also verständlicherweise verärgert und wollen, dass Köpfe rollen - ein Gefühl, dem die aktuellen Proteste gegen "Wall Street" Ausdruck verleihen.
Die Banken sind jedoch nicht nur Teil des Problems, sie sind auch ein wesentlicher Teil der Lösung. Dieselben Institutionen, die die Krise verursacht haben, müssen bei ihrer Bewältigung helfen, indem sie wieder Kredite vergeben. Bei nachlassender globaler Nachfrage muss die Priorität auf der Erholung liegen, ohne das Ziel der Reform aus den Augen zu verlieren - eine schwierige Aufgabe.
Die Maxime muss sein, die Finanzdienstleistungen neu zu regulieren. Kurz vor der Krise haben Experten laut verkündet, dass "effiziente" Finanzmärkte sicher der Selbstregulierung überlassen werden könnten. Bei Unsinn dieser Art ist das selbstherrliche Getrommel der Finanzmacht nicht zu überhören, die noch nie der Versuchung widerstehen konnte, das eigene Interesse zum öffentlichen zu erklären. Nach der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre wurde die Finanzmacht 50 Jahre lang von der Regierungsmacht zur Rechenschaft verpflichtet.
Das Fundament der politischen Kontrolle war das US-amerikanische Glass-Steagall-Gesetz von 1933. Das Gesetz sollte Geschäftsbanken daran hindern, mit den Einlagen ihrer Kunden zu zocken, indem es die institutionelle Trennung von Geschäfts- und Investmentbanking vorschrieb. Das Ergebnis waren 65 Jahre relativer Finanzstabilität.
Dann schlug die Finanzmacht zurück, unterstützt durch eine Kohorte von willigen Ökonomen. Der Big Bang von London 1986 beendete die Trennung der Bankenfunktionen im Vereinigten Königreich. Nach langer Lobbyarbeit der Finanzbranche widerrief US-Präsident Bill Clinton 1999 das Glass-Steagall-Gesetz.
Diese Entscheidungen führten direkt zu der Subprime-Extravaganz, die das US-Bankensystem 2007-2008 in die Knie zwangen. Seit dem Crash sind Anstrengungen unternommen worden, das demontierte System der Finanzregulierung zu rekonstruieren, um die "übermäßige Kreditvergabe" zu verhindern, die zum Kollaps geführt hat. Die neue Doktrin heißt "makroprudentielle Regulierung". Im Zuge der internationalen Basel-III-Vereinbarung müssen Banken eine höhere Eigenkapitalquote gegen "risikogewichtete Aktiva" haben, die Fremdkapitalaufnahme muss auf einen kleineren Prozentsatz solcher Aktiva beschränkt bleiben. Nationale Regulierungsbehörden suchen Wege, um die Anforderungen an das Verhältnis zwischen Eigen- und Fremdkapital je nach Konjunkturzyklus zu verändern und haben begonnen, die Banken regelmäßigen Stresstests zu unterziehen.
Im Vereinigten Königreich soll ein Ausschuss zur Finanzpolitik in der Bank of England das "systemische Risiko" eines Finanzversagens überwachen. Laut Währungsspezialist Charles Goodhart können die Behörden anhand von ungewöhnlich hohen Wachstumsraten bei Bankenkrediten, Immobilienpreisen und Fremdkapitalaufnahmen vor einer bevorstehenden Krise ausreichend gewarnt werden. Kurz, die neue regulatorische Philosophie ersetzt die Illusion, dass man es den Banken überlassen könne, ihre eigenen Risiken zu verwalten, durch die Illusion, Regulierer könnten das für sie tun.
In der Zwischenzeit ist die anfängliche Begeisterung für das neuerliche Inkrafttreten von Glass-Steagall - also die Zerschlagung der Bankenfunktionen in getrennte Institutionen - unter die Räder gekommen.
Die "Volcker-Regel", nach der Geschäftsbanken keinen Eigenhandel betreiben können, keine Hedgefonds und keine Private-Equity-Firmen besitzen dürfen, führt im Kongress ein Schattendasein. Im Vereinigten Königreich hat eine unabhängige Bankenkommission, geleitet von Sir John Vickers, die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanking abgelehnt und empfiehlt stattdessen sogenannte Ring-Fencing-Einlagen aus den Investitionsbereichen von Universalbanken.
Die meisten Vorschläge für eine Bankenreform, egal ob sie auf die Regulierung bauen oder in Richtung institutionelle Trennung tendieren, sind noch immer im Entwurfsstadium und werden sicher noch durch die Mangel der Finanzlobbys gedreht.
Und welche Vorteile sie auch haben mögen, keiner dieser Vorschläge geht das dringendste Problem der Weltwirtschaft an: zu wenig Kreditvergabe, nicht zu viel. In anderen Worten: Die Herausforderung besteht darin, das Vergabewachstum anzukurbeln, in vollem Bewusstsein der Tatsache, dass wir Wege finden müssen, es zu zügeln. (Robert Skidelsky, © Project Syndicate 1995-2011, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.10.2011)
ROBERT SKIDELSKY, Mitglied des britischen Oberhauses, ist emeritierter
Professor für politische Ökonomie an der Warwick University.