Ein Mordstrumm Fetzen im Proloschlauch

21. Oktober 2011, 17:27
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Neue Zugänge, Arbeit gegen das Vergessen: Robert Sedlaczek hat ein leinwandes Wörterbuch des Wienerischen verfasst

Robert Sedlazcek ist ein unermüdlicher Wort-Arbeiter und Wort-Erforscher: Nur ein halbes Jahr nach seinem trefflichen Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs doppelt der bekannte Publizist, Journalist und Kolumnist der Wiener Zeitung mit einem nicht minder trefflichen Wörterbuch des Wienerischen nach, das, wie auch das zuvor genannte Werk, im rührigen Tiroler Haymon-Verlag erschienen ist.

Mit einem Wörterbuch über das Wienerische bewegt man sich natürlich auf einem schon beackerten Feld. Allerdings haben die bekanntesten einschlägigen Werke, sprich die von Peter Wehle und Wolfgang Teuschl, auch schon wieder mehr als 30 (Wehle) bzw. 20 Jahre (Teuschl) auf dem Buckel, sodass vieles, was Sedlaczek gemeinsam mit seiner Gattin Melita zusammengetragen hat, rezenteren Datums ist. Ein Beispiel für viele: Der berühmt-berüch- tigte "Proloschlauch", ein salopp-abwertender Ausdruck für die U-Bahn oder Straßenbahn.

An jüngeren Quellen, die nach bemerkenswertem Wiener Wortmaterial durchforstet wurden, nennt Sedlaczek etwa den Kaisermühlenblues (von 1992 an) oder Trautmann, aber auch Texte von Musikern wie Adi Hirschal, dem Nino aus Wien, Ernst Molden, dem Ostbahn-Kurti, Roland Neuwirth oder dem famosen Trio Lepschi, das bei der Präsentation des Buches spektakulär aufspielte.

Das Interesse gilt aber nicht nur dem Neuen, sondern in ihrem als fingiertes Interview gestalteten Vorwort verraten die Autoren, dass sie dieses Wörterbuch auch als eine "Arbeit gegen das Vergessen" verstehen. Denn, so ihr alarmierender Befund: Um das Wienerische müsse man sich durchaus Sorgen machen, weil auch das hiesige Idiom einer im ganzen deutschen Sprachraum zu beobachtenden Nivellierungstendenz nicht entgeht. Nicht auszuschließen, dass eines Tages niemand mehr weiß, was man unter einer Mezzie zu verstehen hat und stattdessen nur mehr von einem Schnäppchen spricht. Welcher Reichtum, welche Bieg- und Schmiegsamkeit des Ausdrucks verlorenginge, zeigt sich etwa an den vielen Wiener Ausdrücken für das Weinen (Christine Nöstlinger hat nachgezählt und ist auf nicht weniger als 23 gekommen) oder - der Heurige lässt grüßen - an der feinstens ausdifferenzierten Wiener Beschreibungskultur für alkoholinduzierte Rauschzustände: Niemals verwechsle man ein Spitzerl (ein ganz leichter Rausch) mit einem Schwül, bei dem die Benebelung im Vordergrund steht, oder gar einem Mordstrumm Fetzen, der nur durch erhebliche Getränkezufuhr zu erreichen ist.

Als Gegenstrategie gegen die Nivellierung empfehlen die Autoren ein Zurück zu den Wurzeln, die Lektüre von Artmann und Nestroy und das Anhören neuer, auf Wienerisch getrimmter Rocksongs. Ich würde dies meinerseits durch eine Empfehlung dieses Wörterbuchs ergänzen: Ein unverzichtbares Vademecum für alle, denen das Wienerische am Herzen liegt. (Christoph Winder, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 22./23. Oktober 2011)

  • Robert Sedlaczek, "Wörterbuch des Wienerischen" . € 12,95 / 330 Seiten. Haymon Taschenbücher, Wien 2011
    foto: haymon verlag

    Robert Sedlaczek, "Wörterbuch des Wienerischen" . € 12,95 / 330 Seiten. Haymon Taschenbücher, Wien 2011

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