Historisch belegte Dummheit

Olga Kronsteiner , 21. Oktober 2011, 17:35
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    foto: im kinsky

    Jan Brueghel d. J.: "Allegorie der Tulpomanie", Affen als satirische Verkörperung der Menschen.

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    foto: im kinsky

    Auf die teuerste Tulpensorte pissender Affe: vermutlich nach einem niederländischen Sprichwort, das die Illusion, Unmögliches erreichen zu wollen, symbolisiert.

Zeitgenössisches Thema eines alten Meisters: Jan Brueghels Dokument der durch Gier ausgelösten Dummheit des Menschen

Die Tulpenmanie, die ohne Folgen blieb.

***

Einer alten persischen Legende zufolge spross die Tulpe aus dem Blut und den Tränen eines Mädchens, das in die Wüste ging, um ihren Geliebten zu suchen. Den Weg nach Europa fand das Symbol der Liebe über einen österreichischen Konsul, der sie um 1555 via Konstantinopel nach Wien brachte. Zum Zentrum der Zucht avancierten jedoch die Niederlande, wo Liebhaber der exotischen Blume Gärten anlegten und über deren Kultivierung fachsimpelten. Die gesteigerte Bekanntheit und Wertschätzung spiegelte sich nicht nur in der niederländischen Stilllebenmalerei wider.

Als Chronisten der Geschichte des Tulpenwahns könnte man die Malerfamilie Brueghel bezeichnen. Den Anfang machte Pieter d. J. (1564-1638), der in einem - gemäß unterschiedlicher Quellen um 1616 bzw. 1635 datiert - Jahreszeitengemälde die Arbeiten in den Tulpengärten rund um Haarlem im Frühling festhielt. In beschaulicher Atmosphäre wird Unkraut gejätet, nichts verweist hier auf den dramatischen Verlauf, den der spekulative Handel mit Tulpenzwiebeln nehmen sollte.

Ein weiteres Dokument hat sich in Form eines Briefes erhalten, in dem Jan d. Ä. (1568-1625) anmerkte, dass Tulpen zu teuer seien, um sie gepflückt zu malen. Stattdessen müsse er nach Brüssel reisen, um die Blumen im Park der Erzherzöge vor Ort zu studieren. Zum besseren Verständnis: Schon 1623 kostete eine einzige Zwiebel der Sorte Semper Augustus stolze 1000 Gulden. Der Tauschwert von 40 Gallonen französischen Cognacs lag vergleichsweise bei 60 Gulden. Eine ganze Familie kam mit 300 Gulden ein ganzes Jahr über die Runden.

Allegorie der Tulpomanie

In den 1630er-Jahren nahm der Tulpenhandel eine Wendung, die später als erste gut dokumentierte Spekulationsblase in die Wirtschaftsgeschichte einging, die im Februar 1637 platzte. Vier Jahre davor war in der Hafenstadt Hoorn ein Haus für drei seltene Tulpen verkauft worden und die Blume erstmals zum Zahlungsmittel avanciert. Der Rest ist Geschichte, die Jan Brueghel d. J. (1601-1678, Sohn Jans d. Ä.) in den 1640er-Jahren in einem einzigartigen Gemälde verewigte, das Einblick in die Welt historischer Börsenzocker und Banker gewährt: in der Allegorie der Tulpomanie, einer Versinnbildlichung der durch Gier ausgelösten Dummheit der Menschen, wie sie Angesichts jüngerer Spekulationen mit Immobilien oder an den Rohstoffmärkten nicht aktueller sein könnte.

Das bis vor kurzem unentdeckt in einer österreichischen Privatsammlung gehütete Gemälde ist eine von zwei weiteren Varianten und gelangt am 8. November "im Kinsky" zur Versteigerung (25.000-50.000 Euro). Als Darsteller fungieren Affen, die seit der Renaissance als satirische Verkörperung des Menschen galten und die Verdauung der moralisierenden Botschaft erleichterten.

Spekulanten (in roten Kutten) bevölkern das Bild ebenso wie Spielernaturen, die ihr letztes Geld für eine einzige Tulpe opferten (in orangem Kittel), die schon damals teurer war als ein gemaltes Bild oder Silberkannen (ganz links). Weiters tummeln sich hier enttäuschte Käufer (fechtend), um neue Investoren werbende Kaufmänner (in grünem Wams), Buchhalter, die einzelne Zwiebel in Gold aufwogen, oder auch jene, die alles verspielt hatten und - unter Prügeln der Ehefrau (rechts) - vor dem Kadi landeten. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 22./23. Oktober 2011)

Mr. Fawlty
 
12
23.10.2011, 11:31
sehr schöner Artikel, danke.

Illegoquifuerim
51
22.10.2011, 10:16
Sehr geehrte Frau Kronsteiner!

«Den Weg nach Europa fand das Symbol der Liebe über einen österreichischen Konsul, der sie um 1555 via Konstantinopel nach Wien brachte. Zum Zentrum der Zucht avancierten jedoch die Niederlande […]»:
Wo ist da der Gegensatz («jedoch»)? Dass die Tulpe damals ihren Weg von Wien in die Niederlande gefunden hat?
Ich empfehle einen kurzen Blick auf die Geschichte der Habsburger bzw. der 17 Provinzen/Spanischen Niederlande im 16./17. Jahrhundert. Wie meinte Kreisky so treffend zu einem Ihrer Kollegen: «Lernen's Geschichte …»

Kronsteiner Olga
07
22.10.2011, 10:59
Sehr geehrte/r Herr/Frau ...?

@ Illegoquifuerim
Das Kreisky-Zitat koennte man in diesem Falle zurueckspielen, da hier die Kenntnis der Verbreitung der Tulpe in Europa notwendig scheint... (ich empfehle Mike Dash "Tulpenwahn" ISBN 9783548600635, gibts als Taschenbuch).
Das "jedoch" bezog sich darauf, dass nicht Wien (oder eine andere Stadt) zum Zentrum der Tulpenzucht avancierte, sondern die Niederlande
- und NEIN, historische Dokumente, wonach sich die Tulpe hauptsaechlich via Wien Richtung Niederlande verbreitet habe, gibt es nicht. Wien war nur eine der Stationen (ein Oesterreich-Bezug, den ich als interessant werte).
Falls Sie noch Fragen haben - gerne, dann wuerde ich allerdings eine Korrespondenz unter Ihrem richtigen Namen bevorzugen.

Cle Mens
73
22.10.2011, 13:04

Das ganze Thema ist leider nicht interessant genug, um Bücher darüber zu lesen.

Mojito1
00
22.10.2011, 08:28
Schaetzwert 25-bis 50.000

So wie das hier angefuehrt wird, handelt es sich um den vom Auktionshaus angefuehrten Schaetzwert, dh der Rufpreis wird etwa bei 20.000 Euro liegen (fuer das gesamte Bild ;-)))) - dann steigern Kaufinteressenten, das hoechste Gebot bekommt den Zuschlag (erwartet wird diese etwa in dieser Preisspanne) - und das ist dann zuzueglich der Provision des Auktionshauses der Kaufpreis...

nukularteilchen
12
22.10.2011, 08:20

So ein Motiv in zeitgenösscher Fassung könnte ich mir gut von Deix vorstellen ;)

Rahoul
02
22.10.2011, 00:55
Irre ich mich?

Bei den 25-50.000 Euro handelt es sich um den (vermuteten) Ausrufpreis, und nicht um den erhofften Verkaufspreis, oder?
Sonst sitzt nämlich euer Rahoul S. Karim- genannt "der Kunstbanause"- am 8.Nov. mit klingelndem Geldbeutel im "Kinsky" und kauft "sich" ein pinkelndes Afferl...

wizenstain
00
22.10.2011, 07:53
die frage ist doch (25.000-50.000) :

25.000 - für einen ausschnitt?

50.000 - für das ganze bild?

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